{"id":16161,"date":"2006-08-03T07:37:33","date_gmt":"2006-08-03T07:37:33","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/robert-littell-die-kalte-legende\/"},"modified":"2022-06-14T03:30:08","modified_gmt":"2022-06-14T01:30:08","slug":"robert-littell-die-kalte-legende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/08\/robert-littell-die-kalte-legende\/","title":{"rendered":"Robert Littell: Die kalte Legende"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Himmel bewahre uns vor Krimischaffenden, die eine einzige, nat\u00fcrlich \u201egro\u00dfe und originelle\u201c Idee zu 400-Seiten-Schm\u00f6kern auswalzen und diesen Fladen mit den K\u00f6stlichkeiten literarischer Normpizzen belegen. Der Himmel schenke uns mehr Autoren wie Robert Littell, die eine einzige, nat\u00fcrlich gro\u00dfe und originelle Idee auf 447 Seiten in all ihre Spielarten und Abgr\u00fcnde auseinander schreiben und ein einzigartiges St\u00fcck Literatur entstehen lassen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Martin Odum ist Privatdetektiv in Brooklyn. Keiner der erfolgreichen Sorte, zumal ein Mensch, der sich \u201ezu Tode langweilen\u201c m\u00f6chte, was man versteht, kennt man sein Schicksal. Der ehemalige CIA-Agent hat ein Problem mit seinen Legenden, all den erdachten Lebensl\u00e4ufen seiner Geheimdienstkarriere, die ihn eine Zeitlang sch\u00fctzten, bis der biografischen Betrug aufflog. Martin Odum ist also vielleicht gar nicht Martin Odum. Er ist manchmal auch Dante Pippen, Ire, IRA-Mitglied und Sprengstoffexperte, oder Lincoln Dittmann, Spezialist f\u00fcr eine Schlacht des amerikanischen B\u00fcrgerkriegs und Waffenh\u00e4ndler. Oder ganz wer anderer. Denn das ist die gro\u00dfe Idee Robert Littells: Du bestehst nur aus Legenden, deine wahre Identit\u00e4t ist unbekannt. So geht es Odum, so geht es allen, das ist die Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Punkt. Identit\u00e4tssuchen haben immer etwas Dr\u00f6ges. Man taumelt durch die Individualpsychologie und rutscht ins \u201eBedeutend-Allgemeine\u201c, die K\u00fcchenphilosophie. Man zitiert Platon (aber nur, wenn man ihn nicht gelesen hat), man bem\u00fcht Herrn Hegel und Herrn Schopenhauer in seltener Eintracht (aber nur, wenn man sie nicht verstanden hat), man ummantelt das Traktat krimim\u00e4\u00dfig (aber nur, wenn man Geld damit verdienen will). Littell macht es anders, er macht es besser, er macht es richtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Martin Odums Wunsch nach dem Sterben durch Langeweile wird von der reizenden Stella Kastner und ihrem siechen Vater, einem KGB-\u00dcberl\u00e4ufer, zerst\u00f6rt. Die beiden engagieren ihn, um dem Mann von Stellas Schwester zu finden, der spurlos aus einer orthodoxen j\u00fcdischen Siedlung in Israel verschwunden ist. Ein Russe, Neffe eines ber\u00fcchtigten \u201eOligarchen\u201c, das macht die Sache nicht einfacher. Dabei geht es nur um eine Art Scheidungsurkunde, die der entsprungene Ehemann unterschreiben soll, um seiner Frau die Wiederverheiratung zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die CIA hat etwas gegen Odums Auftrag, andere auch. Es beginnt eine Reise zu den unterschiedlichsten Weltschaupl\u00e4tzen, es werden Leute ermordet. Und die gro\u00dfe Idee von den Legenden, aus denen man nicht entkommen kann, die l\u00e4ngst Identit\u00e4t geworden sind, zerflie\u00dft allm\u00e4hlich, aus dem Tintenklecks der Theorie wird der d\u00fcnne Film Wahrhaftigkeit, der sich um alles legt.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn Odum leidet nicht unter seiner Identit\u00e4tslosigkeit. Das ist Littells erster genialer Schachzug. Zwar konsultiert er eine Psychiaterin, doch nur, weil das eben so zu sein hat bei CIA-Agenten, die nicht mehr richtig funktionieren. Seelenfahrten mit eingebauter Analyse bleiben uns so erspart. Wir lernen Menschen kennen, denen es genauso geht wie Odum, mal mehr oder weniger dramatisch. Ein Taxifahrer nimmt tageweise den Namen des toten Bruders an, um der Mutter einen Gefallen zu tun; eine Sekret\u00e4rin, frisch verheiratet, meldet sich immer noch mit den alten Namen, um Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden; eine Prostituierte im finstersten s\u00fcdamerikanischen Puff ist eigentlich aus guter italienischer Familie und schl\u00fcpft perfekt in diese Rolle zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweiter Schritt. Auch das gro\u00dfe Firmament \u00fcber diesen privaten Schicksalen besteht aus solchen Legendenleben. Osama Bin Laden, den Lincoln Dittmann in S\u00fcdamerika aufsp\u00fcrt, mag ja ein gewissenloser Terrorist sein. Ein h\u00f6flicher Mensch ist er aber auch, ein charismatischer F\u00fchrer, dem man Respekt zollen sollte. Der entsprungener Gatte, selbst Gro\u00dfgangster, kann auch Wohlt\u00e4ter sein. Und die F\u00fchrungsoffizierin von der CIA will die Welt verbessern, indem sie sie verschlechtert. Eine Identit\u00e4t reicht dazu nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dritter Schritt. Selbst die Zeit wird transzendiert \/ perforiert \/ repetiert. Dittmanns Legende weist zur\u00fcck in die Wirren des amerikanischen B\u00fcrgerkriegs, den er selbst erlebt zu haben vorgibt. Die Vergangenheit als die Summe der Reibungen vieler Legenden taucht pl\u00f6tzlich in Litauen wieder auf, wo sich Katholen und Orthodoxe Christen um die Gebeine eines angeblich Heiligen bekriegen, was die finstere Vergangenheit in die Gegenwart holt. Und im Aralsee erleben wir eine Szene wie aus einem d\u00fcsteren Zukunftsfilm: R\u00e4uberkreaturen in verseuchtem Gebiet, Menschenversuche, blanke Gewalt.<\/p>\n\n\n\n<p>So also verl\u00e4uft sich die gro\u00dfe Idee von den verschiedenen Seelen in unseren Br\u00fcsten und wird zum Normalfall. Immer wieder scheint die politische Realit\u00e4t durch, der Staatsterrorismus ebenso wie der ideologische, die Raffgier, der Zynismus, der Alltag.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Beste, das Unglaublichste aber: All das ist ein spannender Thriller. Dramaturgisch filigran entwickelt, actionreich ohne peinliche Versatzst\u00fccke, sprachlich punktgenau, ohne F\u00fcllsel, spannend bis zum Schluss, der eine weitere Legende des Martin Odum f\u00fcr uns bereith\u00e4lt und mit einem labilen Happyend aufwartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das alles ist, wie gesagt, aus einer einzigen Idee geworden. Ein St\u00fcck tiefe, spannende Literatur. Hab ein Einsehen, Himmel, schenk uns mehr davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach ja: Dass der Titel der deutschen \u00dcbersetzung die Absichten des Autors konterkariert, der nicht ohne Hintergedanken ein Buch namens &#8222;Legend<strong>s<\/strong>&#8220; geschrieben hat, ist schon mehrfach von anderen Kritikern erw\u00e4hnt worden. Und jetzt auch hier.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Robert Littell: Die kalte Legende. <br \/>Scherz 2006. 447 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Himmel bewahre uns vor Krimischaffenden, die eine einzige, nat\u00fcrlich \u201egro\u00dfe und originelle\u201c Idee zu 400-Seiten-Schm\u00f6kern auswalzen und diesen Fladen mit den K\u00f6stlichkeiten literarischer Normpizzen belegen. 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