{"id":16167,"date":"2005-11-14T07:50:25","date_gmt":"2005-11-14T07:50:25","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/schule-der-rezensenten-opitzstunde-1\/"},"modified":"2022-06-07T17:22:49","modified_gmt":"2022-06-07T15:22:49","slug":"schule-der-rezensenten-opitzstunde-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/schule-der-rezensenten-opitzstunde-1\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten &#8211; Opitzstunde 1"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/rezensent1.GIF\" alt=\"rezensent1.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Lesen ist ein Prozess, Rezensieren ein anderer. Widmen wir uns mal dem Lesen. Am Beispiel von Detlef Opitz, \u201eDer B\u00fccherm\u00f6rder\u201c, einem Buch, das ich beim ersten Lekt\u00fcreanlauf nach wenigen Seiten zur Seite gelegt habe, was \u2013 und das ist sch\u00f6n so \u2013 Proteste seitens der Blogleser provozierte. Warum mir das Buch nicht gefiel, fasse ich heute noch einmal etwas mehr en d\u00e9tail zusammen. Und dann, was mir beim zweiten Lekt\u00fcreanlauf so alles in den Sinn kommt. Das ist noch keine Rezension. Das sind die Vorarbeiten, die man sp\u00e4ter meistens nicht mehr sieht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Vorbemerkung: <\/strong>Auf Detlef Opitz\u2019 \u201eDer B\u00fccherm\u00f6rder\u201c habe ich mich so gefreut, dass ich, gegen meine sonstige Gewohnheit, irgendwann beim Eichborn Verlag nachgefragt habe, ob das Buch schon erschienen sei und man mich bei der Auslieferung der Rezensionsexemplare wom\u00f6glich vergessen habe? Hatte man nicht, und also landete das P\u00e4ckchen eines sch\u00f6nen Tages auf meinem Schreibtisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich mit Literatur und Geschichte der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts etwas ausgiebiger besch\u00e4ftigt hat, dem ist der Pfarrer Tinius so sicher \u00fcber den Weg gelaufen wie der Weimarer Gro\u00dfdichter pers\u00f6nlich. Doch ach!, haut man einem hier die Festmeter Buch nur so ins sich str\u00e4ubende Regal, ist die Aktenlage, geschweige die literarische, in Sachen Tinius, der aus Buchbesitz- und Sammelwahn zum M\u00f6rder geworden sein soll, d\u00fcnn und unbefriedigend; da hat er recht, der gute Herr Opitz, mit seinem Lamentieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen \u201eKrimi\u201c hatte ich mir nicht erwartet, ja, ich w\u00e4re entt\u00e4uscht gewesen, mich durch ein pseudowissenschaftlich aufkl\u00e4rerisches Werk nach dem \u201eSo war\u2019s\u201c-Prinzip arbeiten zu m\u00fcssen, noch entt\u00e4uschter, einen \u201eHistorienkrimi\u201c wie eine dieser uns\u00e4glichen \u201eSo sch\u00f6n wars im 19. Jahrhundert\u201c-Fernsehserien vorgesetzt zu bekommen. Aber das stand nicht zu bef\u00fcrchten. Zwar hatte ich noch nichts von ihm gelesen, wusste indes, dass Opitz im Verdacht eines originellen, mit Sprache und Form arbeitenden, demzufolge in Bestsellerlisten notorisch abwesenden Kopfes steht. Sch\u00f6n; dann also ran.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erster Lekt\u00fcreversuch:<\/strong> Auf Seite 55 abgebrochen. Warum? Wegen der Sprache vor allem. Manierismus, unzerkaut ausgespucktes 19. Jahrhundert im Maelstrom des von Herrn oder Frau KlappentexterIn mal als \u201evirtuoses Sprachspiel\u201c, mal als \u201eSprachgewalt\u201c abbrevierten Opitzstils.<\/p>\n\n\n\n<p>Inhaltlich zun\u00e4chst einigerma\u00dfen \u00fcberschaubar: Geborenwerden und Jugend des \u201eHelden\u201c, dann der erste Mord, die Witwe Kuhnhardt muss dran glauben, Leipzig 1813 haben wir, Napoleonische Kriege das historische Stichwort. Gelegentliche Abschweife des Autors ins Hier &amp; Jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, die Kuhnhardtin hats erwischt, und die Untersuchung beginnt, das Zeugenvernehmen und Indiziensammeln. Opitzens Taktik erkennt man schnell und hat nichts gegen sie einzuwenden. Er beschreibt nicht zielgerichtet analytisch, sondern breitet gleichsam eine Fl\u00e4che von Fakten (insonderheit Zeugenaussagen) vor uns aus, die einander wiedersprechen, so oder so gedeutet werden k\u00f6nnen. Das bereitet uns darauf vor, dass die Wahrheit keine eindeutige Verbindung von A nach B ist, vielmehr ein h\u00f6chst willk\u00fcrliches Konstrukt aus zusammengezimmerten, vagen Interpretationen, und, genau, Herr Opitz, so sehe ich das ja auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Sprache, die Sprache. Eine Kostprobe:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eOtto Ernst Christian H\u00f6pffner, 47 Jahre alt, betreibt eine Schankwirthschaft im Preusseng\u00e4\u00dfchen 47, direkt neben der Hohen Lilie am Ausgang zum Neuen Neumarkt, wo der Klavierlehrer Wieck wohnt, bald aber Theo Althoff, und lange Zeit sp\u00e4ter das HO-Kaufhaus <em>Centrum<\/em> seinen Ort bekam, will hei\u00dfen: Karstadt wieder.\u201c (S. 36)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dass Herr H\u00f6pffner eine \u201eSchankwirthschaft\u201c, nicht etwa ein dudeske \u201eSchankwirtschaft\u201c betreibt, ist einer der Tricks des Sprachgewaltigen, uns das 19. Jahrhundert ins 21. zu \u00fcbertragen. Dass dort just Karstadt seine Waren feilbietet, verdeutlicht dieses Opitzsche Springen von einem S\u00e4kulum ins andere und wieder zur\u00fcck. Hinzukommt: Das Buch hat einen ungew\u00f6hnlich breiten \u00e4u\u00dferen Rand, und dort steht vereinzelt, in kleinerer Schrifttype, etwas Erl\u00e4uterndes. Hier, auf H\u00f6he des Karstadt, etwa das:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eStand 25XI\u201904: Bauloch; zwei W\u00e4nde stehen noch\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Manchmal sind es auch Aktenzeichen oder Ausz\u00fcge aus Akten, die dort stehen, und dagegen habe ich nichts, wie schon erw\u00e4hnt, wiewohl es mir beim Lesen nicht mehr zu Gute kommt, weil ich das Prinzip eh schon begriffen habe. St\u00e4ndiges Hin und Her, das eine mit dem anderen verzahnt, die durch \u00dcbernahme von orthografischen Eigent\u00fcmlichkeiten der Erz\u00e4hlzeit in die Schreibzeit untermauerte Technik, Originalzitate in den Stil des Autors zu integrieren etc., das ist weder neu, noch originell, das hat, mit dem Wechsel von Damals und Heute, wenn ich das richtig sehe, als erster Dieter K\u00fchn in seiner Wolkenstein-Biografie gemacht, und das war 1977 und das war nicht manieriert, weil viel behutsamer und nicht so auf die Sprachkacke hauend.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Opitz? Was mag ich nicht an seiner Sprache? Erstens: zu durchschaubar. Bringt nicht viel. Dann dieses Lakonische, dieses Humorige vor allem, das Opitz meistens \u00fcberf\u00e4llt, wenn es um die Zeugin Henriette, genannt Jette, Schmidt geht, Dienstm\u00e4dchen bei der Ermordeten. Zitat:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eJette war die wichtigste Zeugin in der Untersuchung, das stand fest! Jette war die Last zu tragen bereit! Das auch! Niemand sonst hatte den Verbrecher im Hausflur gefunden! Niemand sonst den kalten Schwei\u00df auf seiner Stirn entdeckt! Wer wurde durchbohrt und gesch\u00e4ndet und von den messerscharfen Blicken des Schl\u00e4chters um Haaresbreite selbst noch t\u00f6dtlich verletzt? Zeugin Schmidt, keine andre, mochte sie parterre oder sonstwo wohnen.\u201c (S. 46)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Pardon, aber das ist keine Sprachgewalt, das ist aus mehreren Gr\u00fcnden Sprachvergeudung. Was Jettchen denkt oder nicht denkt, es ist das, was Opitz denkt oder nicht denkt, einer aus dem 21. Jahrhundert, keine aus dem 19., aber genau da w\u00e4re es interessant geworden. \u00dcber dieses Denken und Tun damals indes erfahren wir nichts, alles versinkt im Opitzstil, im Opitzmeinen. Wir sehen Mamsell Schmidt, wie sie \u2013 och, ich bin die wichtigste Zeugin! \u2013 rumstolziert, als h\u00e4tte sie gerade eine Nebenrolle bei \u201eGute Zeiten schlechte Zeiten\u201c ergattert, ganz Mittelpunkt, ganz Diva. N\u00f6, so nicht. Und von Sprachspielen ist au\u00dfer ein paar Witzchen auch nicht viel zu sehen:<em> \u201eCurzum und Allesinallem\u201c<\/em> (41), <em>\u201einmittelst\u201c (43)<\/em> und der Kutscher Georg wird angeblich \u201eTschordschi\u201c gerufen&#8230; Boah, nee, Schluss, lesen wa lieber was anderes!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nein: Lesen wirs noch mal. Am Mittwoch geht es weiter, zweiter Versuch, die ersten ca. 100 Seiten. Gegenrede nat\u00fcrlich wie immer erw\u00fcnscht.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesen ist ein Prozess, Rezensieren ein anderer. Widmen wir uns mal dem Lesen. 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