{"id":16173,"date":"2011-07-13T10:28:40","date_gmt":"2011-07-13T10:28:40","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/07\/emmanuel-bove-der-mord-an-suzy-pommier\/"},"modified":"2022-06-17T00:47:22","modified_gmt":"2022-06-16T22:47:22","slug":"emmanuel-bove-der-mord-an-suzy-pommier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/07\/emmanuel-bove-der-mord-an-suzy-pommier\/","title":{"rendered":"Emmanuel Bove: Der Mord an Suzy Pommier"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"205\" height=\"287\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/bove.gif\" alt=\"bove.gif\"\/>Das Verbrechen lauert \u00fcberall, zwischen den Buchdeckeln zumal, aber nicht immer ist es Krimi oder hei\u00dft so. Handelt es sich um \u201eanspruchsvolle Literatur\u201c, dienen die Blaupausen des Genres vor allem dazu, die Unterlegenheit des letzteren zu beweisen. Oder aber, andersrum, das Scheitern des Hochliteratentums an den trivialen Versatzst\u00fccken zu belegen. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Klingt alles negativ, ist es aber nicht unbedingt. Es kann sehr fruchtbar sein, die k\u00fcnstlerischen Potentiale des Kriminalromans dort zu suchen, wo \u00fcberhaupt kein Kriminalroman geschrieben werden sollte, in Alfred D\u00f6blins \u201eBerlin Alexanderplatz\u201c etwa oder bei Albert Drach, William Faulkner, selbst Ernst Hemingways \u201eF\u00fcnfte Kolonne\u201c erm\u00f6glicht uns einen Blick \u00fcber die Grenzen des Genres und macht im g\u00fcnstigsten Falle klar, dass es diese Grenzen nie gegeben hat, dass sie so unnat\u00fcrlich sind wie die zwischen zwei afrikanischen Staaten, von den Kolonialm\u00e4chten mit dem Lineal auf der Landkarte gezogen.<br \/>Mit einiger Versp\u00e4tung hat es der franz\u00f6sische Autor Emmanuel Bove in den illustren Kreis der \u201eliterarischen Moderne\u201c geschafft, dorthin also, wo gemeinhin Hochliteratur erwartet wird. Dass Bove f\u00fcr deutsche Leserschaften von Peter Handke entdeckt wurde, kommt nicht von ungef\u00e4hr. Beide sind in dem, was sie zu erz\u00e4hlen haben, eher unauff\u00e4llig, keine Bilderst\u00fcrmer oder freiflottierenden poetischen Radikale. Trotzdem: In dieser Geistesklasse gibt es Anforderungen, die zu erf\u00fcllen sind. Tiefe Gedanken, technische Brillanz, Experimentierfreude \u2013 und wenn es denn ein Krimi sein soll, bittesch\u00f6n. Aber etwas vom Standard des Trivialen absetzen sollte er sich denn doch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist die erste \u00dcberraschung bei der Lekt\u00fcre von \u201eDer Mord an Suzy Pommier\u201c, dem einen von zwei Krimis, die Bove 1933 schrieb (der andere tr\u00e4gt den h\u00fcbschen Titel \u201eLa Toque de Breitschwanz\u201c und ist meines Wissens noch nicht ins Deutsche \u00fcbersetzt worden). Es ist n\u00e4mlich wirklich ein Krimi. Suzy Pommier, gefeierte Schauspielerin, wird nach der turbulenten Premiere ihres neuesten Films ermordet in der Badewanne ihrer Wohnung aufgefunden. Pikant: In diesem Film starb sie den gleichen Tod, get\u00f6tet nach einem Streit von ihrem Liebhaber, dessen Ehre sie \u201ein den Dreck\u201c gezogen hatte. F\u00fcr den jungen Inspektor Hector Mancelle, der den Fall ein wenig eigenm\u00e4chtig an sich gezogen hat, kommen nur zwei Personen als T\u00e4ter infrage: der Filmliebhaber und der tats\u00e4chliche Liebhaber. Letzterer gesteht die Tat sogar, doch wie erwartet widerruft er bald sein Gest\u00e4ndnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich ein wenig im Werk Boves auskennt, ahnt sofort, dass auch in \u201eDer Mord an Suzy Pommier\u201c jenes gro\u00dfe Thema des Autors ventiliert wird, das Ineinanderflie\u00dfen von Wirklichkeit und Fiktion, dem was IST und dem was SEIN K\u00d6NNTE. Mit allen Konsequenzen: Aus dem was ist, entwickelt sich die Fiktion, die wiederum ist die bessere Wirklichkeit \u2013 und so dreht sich das weiter bis in alle Ewigkeit. Das herauszufinden ist nicht schwer und man merkt auch gleich, warum Bove hier die Form des Kriminalromans gew\u00e4hlt hat. Der n\u00e4mlich ist ein fortw\u00e4hrendes Ineinandergreifen von (re-)konstruierter Wirklichkeit, die Fiktion ist immanent, eine Folge von Mutma\u00dfungen, die sich aus Fakten entwickeln und selbst wieder Fakten generieren. Das zeigt sich sch\u00f6n in der Person Hector Mancilles, eines unbek\u00fcmmerten Gr\u00fcblers, der die Wirklichkeit von berufswegen st\u00e4ndig neu erfinden muss und sie am Ende, ganz auf koschere Krimiart, festklopft und seinen Fall l\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten liest sich das B\u00fcchlein mit seinen knapp 170 Seiten \u2013 nett. Ein Krimi eben, wie die 30er Jahre viele hervorbrachten, gelegentlich mit Dialogen, die dem Theater entsprungen zu sein scheinen (sind sie ja auch, das Theater hei\u00dft nur jetzt Film), sch\u00f6n dosiertem Witz und \u00fcberhaupt allem, was es braucht, um h\u00fcbsche altmodische Krimispannung zu erzeugen. Gut, es wieder einmal in den Tiefen meiner Regale entdeckt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Emmanuel Bove: Der Mord an Suzy Pommier. <br \/>Fischer 1993 <br \/>(Le meurtre de Suzy Pommier. 1933. Deutsch von Barbara Heber-Sch\u00e4rer. <br \/>Herausgegeben und mit einem Nachwort von Bettina Augustin). <br \/>174 Seiten, zur Zeit nur antiquarisch erh\u00e4ltlich<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Verbrechen lauert \u00fcberall, zwischen den Buchdeckeln zumal, aber nicht immer ist es Krimi oder hei\u00dft so. Handelt es sich um \u201eanspruchsvolle Literatur\u201c, dienen die Blaupausen des Genres vor allem dazu, die Unterlegenheit des letzteren zu beweisen. Oder aber, andersrum, das Scheitern des Hochliteratentums an den trivialen Versatzst\u00fccken zu belegen.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-16173","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16173","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16173"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16173\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16173"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16173"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16173"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}