{"id":16190,"date":"2005-11-16T08:47:31","date_gmt":"2005-11-16T08:47:31","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/mehrwert-der-geschichte-ein-unglaublicher-zufall\/"},"modified":"2022-06-09T23:57:25","modified_gmt":"2022-06-09T21:57:25","slug":"mehrwert-der-geschichte-ein-unglaublicher-zufall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/mehrwert-der-geschichte-ein-unglaublicher-zufall\/","title":{"rendered":"Mehrwert der Geschichte. Ein unglaublicher Zufall."},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Wem der Herrgott die Gnade der Rezensionsexemplare hat zuteilwerden lassen, der investiert sein gespartes B\u00fcchergeld bisweilen in Altpapier. Meine letzte Neuerwerbung &#8211; nein, nicht Holteis &#8222;Schwarzwaldau&#8220;, das man \u00fcbrigens \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/09\/einladung-zur-subskription.php\">hier und jetzt! <\/a> immer noch vorbestellen kann &#8211; meine letzte Neuerwerbung also drudelte vor ein paar Tagen bei mir ein und ward sogleich gelesen. Sind ja nur 168 Seiten, ein schmales Duodez-B\u00e4ndchen halt, eine &#8222;Criminal-Novelle&#8220; aus dem Jahre 1871, und ich wu\u00dfte nichts \u00fcber ihren Inhalt. Tja. Und dann gingen mir die Augen \u00fcber und \u00fcber&#8230;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Worum geht es? Ein Fuhrmann wird ermordet und beraubt. Der Sohn eines Gutsbesitzers ger\u00e4t in Verdacht, hat aber seinerseits alle H\u00e4nde voll zu tun, die geliebte Schwester aus den Klauen eines Mitgiftj\u00e4gers zu befreien, der &#8211; und jetzt wirds spannend &#8211; ein Pfarrer ist. Ein gelehrter Mann mit Interesse f\u00fcr Botanik und &#8211; jetzt wirds noch spannender &#8211; B\u00fccher. Etwa 40.000 hat er.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgenden entwickeln sich ein veritabler Vater &#8211; Sohn &#8211; Konflikt, eine dramatische Liebesgeschichte, wie kaum anders zu erwarten, der Pfarrer entpuppt sich als B\u00f6sewicht des Buches, tja, und dann passierts: ein zweiter Mord.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich \u00fcber die Umst\u00e4nde dieses Verbrechens erfahre, kommt mir sehr bekannt vor, so, als h\u00e4tte ich es gerade eben erst gelesen. Und, tats\u00e4chlich, so ist es auch. Bis in kleinste Details n\u00e4mlich schildert der Autor dieses reizenden stammenden Werkleins den ber\u00fchmten Tinius-Fall, dessen Opitzversion ich ja gerade unterm Kritikerauge habe. Die \u00dcbereinstimmungen sind frappant und es ist klar, dass sowohl der Autor dieses alten als auch der Autor des neuen Versuches, das Ph\u00e4nomen des &#8222;B\u00fccherm\u00f6rders&#8220; zu beschreiben, aus der gleichen, wenn nicht gar derselben Quelle gesch\u00f6pft haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei unserem Altmeister wird die Tat durch das Dienstm\u00e4dchen entdeckt, das fr\u00fcher einmal in einer Wirtschaft gearbeitet hat, die von einem leibhaftigen Magister gef\u00fchrt wird. So beschreibt es auch Opitz. Um nur eine der \u00dcbereinstimmungen zu nennen. Am Ende wird hier wie dort der m\u00f6rderische Pfarrer vor Gericht gestellt und leugnet die Tat, indem er eine Verteidigungsstrategie entwirft, die immerhin dazu f\u00fchrt, dass man ihn nur wegen eines Mordes zu langj\u00e4hriger Haft verurteilt, nicht aber wegen zweien zum Tode.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, die B\u00fccherwelt ist klein. Ob Opitz von seinem Vorg\u00e4nger wei\u00df? Uns lehrt die Affaire zweierlei: Einmal, dass das Lesen alter Schwarten selbst heutzutage noch einen Informationsvorsprung zeitigen kann. Und zweitens: Dass sich Motive wie das des B\u00fccherm\u00f6rders \u00fcber Jahrzehnte tradieren, zu Mythen werden und von den verschiedensten Autoren auf die unterschiedlichste Weise verarbeitet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach, ja. Die &#8222;Criminal-Novelle&#8220; hei\u00dft &#8222;Der Tolle Hans&#8220;, wurde von Adolph Streckfu\u00df geschrieben und ist im Berliner Verlag von B. Brigl erschienen. 1871. Und ich habs wirklich gerne gelesen, lieber als den Opitz, und jetzt m\u00f6gen sie \u00fcber mich herfallen, die Herolde der &#8222;schwierigen Literatur&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wem der Herrgott die Gnade der Rezensionsexemplare hat zuteilwerden lassen, der investiert sein gespartes B\u00fcchergeld bisweilen in Altpapier. 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