{"id":16198,"date":"2005-11-18T07:47:28","date_gmt":"2005-11-18T07:47:28","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/die-weitschweifigen\/"},"modified":"2022-06-06T16:29:51","modified_gmt":"2022-06-06T14:29:51","slug":"die-weitschweifigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/die-weitschweifigen\/","title":{"rendered":"Die Weitschweifigen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/k_krimis.gif\" alt=\"k_krimis.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Die Krimis werden l\u00e4nger und l\u00e4nger, die Bibel hat, rein seitenzahlenm\u00e4\u00dfig, dagegen short story &#8211; Niveau. Und an allem schuld: die deutsche Bahn. Warum? Erkl\u00e4r ich jetzt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Letztens waren wir ja auf Betriebsausflug im Bergischen Land, und sch\u00f6n wars, wenn auch das finale \u201egem\u00fctliche Beisammensein mit Schlachtplatte\u201c doch etwas peinlich endete, weil unser Dr. Zernatt von der Revision mit der kleinen Brungstedt unbedingt auf dem Tisch tanzen wollte, aber beide hatten schon ziemlich gebechert, also der Zernatt und die Brungstedt, nicht der Tisch, obwohl der als erster umgekippt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das wollte ich jetzt ja garnicht erz\u00e4hlen \u2013 oder doch, das geh\u00f6rt auch dazu, weil wenn ich so ins Erz\u00e4hlen komme, dann nicht unter Novellenl\u00e4nge, und w\u00fcrde ich einen Krimi schreiben (in unserer Abteilung bin ich der einzige, ders noch nicht getan hat), w\u00e4re Sch\u00e4tzings \u201eSchwarm\u201c eine Anekdote dagegen, so, und jetzt bin ich garantiert wieder beim Thema, denn im Zug (Gruppenticket, preiswert) hat Frau Leonore Meierle vom Mahnwesen den \u201eSchwarm\u201c gelesen und irgendwann aufgest\u00f6hnt (man h\u00f6rt sie sonst nie st\u00f6hnen, die Meierle): \u201eMensch, der Sch\u00e4tzing nennt aber auch jeden Fisch im Pazifik beim Namen! Kann der nicht mal zur Sache kommen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Genau, hab ich mir da gedacht. Sie kommen einfach nicht auf den Punkt, die Damen und Herren Spannungsliteraten, sie \u00fcbersch\u00fctten uns mit Details und noch mal Details, auf die wir nicht scharf sind, zeichnen eine \u201eAtmosph\u00e4re\u201c, die trotz aller Weitschweifigkeit so d\u00fcnn ist, als st\u00fcnde man auf dem Everest, um mal so richtig nach Luft zu japsen, und am Ende schleppen wir die papieren gedunsenen Dinger in prallvollen, schweren Einkaufst\u00fcten durch die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone &#8211; und was ist drin? Zehn Prozent Wichtiges, in 90% Belangloses verpackt (in den T\u00fcten und der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone).<\/p>\n\n\n\n<p>Wohnungseinrichtungen zum Beispiel. Da wacht der Held morgens auf und starrt die Tapete an. Und gleich erz\u00e4hlt uns der Autor quasi die Lebensgeschichte von dieser Tapete, wie sie einmal sch\u00f6n satte gelbe Streifen hatte, aber weil der Held raucht wie ein Schlot, sind die Streifen jetzt tiefbraun, und \u00fcberhaupt, was war das damals f\u00fcr eine Arbeit, erst die alten Tapeten abrei\u00dfen und dann die neuen drauf, ein Sonntag wars, drau\u00dfen hats geregnet und die Frau hat schlie\u00dflich Bockw\u00fcrste warmgemacht und das Bier war schal, weil K\u00fchlschrank defekt, und dann streiten sie sich drei Seiten lang, wer jetzt die gr\u00f6\u00dfere Wurst kriegen soll und und und \u2013 da kriegt man Zust\u00e4nde, aber keine angenehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00fchlschrank. Was da alles drin ist und uns gef\u00e4lligst zu interessieren hat! Ein abgelaufener Joghurt, etwas harte Markenbutter aus dem Aldi-Aktions-Woche-Prospekt, zwei Scheiben Allg\u00e4uer K\u00e4se jenseits ihrer besseren Tage, und das Licht im K\u00fchlschrank flackert auch, da m\u00fcsste mal die Birne ausgewechselt werden usw usf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich, ich frage Sie: Warum werden wir so zugetextet mit allem, was nicht interessiert, was nicht zur Handlung geh\u00f6rt, was man sich zur Not noch selber zusammenreimen k\u00f6nnte und was man so lange bei sich beh\u00e4lt wie einen verdorbenen Bratapfel? Folge: geistiger D\u00fcnnpfiff allerorten, aber nicht unter 500 Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur: Warum machen die das? Warum fassen die sich nicht k\u00fcrzer? Spontane Antwort: \u00f6konomische Gr\u00fcnde. Ein 200-Seiten-Krimi kostet vielleicht 10 \u20ac, einer mit 600 Seiten nicht etwa 30, sondern nur 15. Und wenn Sie die Wahl haben zwischen einem Kilo Apfelsinen f\u00fcr drei Euro und drei Kilo Apfelsinen f\u00fcr 4,50 \u2013 na, was nehmen Sie dann? Dass zwei Kilo verrotten, registriert man nur am Rande. So gesehen, sind wir selber schuld, wenn die Autoren und Autorinnen die Tinte nicht halten k\u00f6nnen, und wer &#8222;Geiz ist geil&#8220; sagt, darf nicht &#8222;Krimis sind viel zu dick!&#8220; sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der wahre Grund ist das nicht. Der wahre Grund ist der: Krimiautoren und \u2013innen sind in ihrem Leben zu oft mit der Bundesbahn gefahren (oder der schwedischen Staatsbahn oder mit wem auch immer: das kommt aufs Gleiche raus). Sie waren hilflos in der Servicew\u00fcste ausgesetzt, keine Informationen weit und breit, einsilbiges, m\u00fcrrisches Personal, das nicht verraten wollte, ob man den Anschluss noch kriegt oder nicht, geschweige denn, ob sie zu Hause auch gelbgestreifte Tapete haben und verdorbenen Joghurt im K\u00fchlschrank.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, haben sich die \u00dcberlebenden dieser Service-Desaster gesagt, das machen wir anders! Wer unsere B\u00fccher liest, dem soll es an nichts mehr mangeln. Die sollen gar nicht erst auf den Gedanken kommen, man m\u00fcsse selber denken, w\u00e4hrend man liest (was, nebenbei, auch unpassend w\u00e4re, denn wenn schon beim Schreiben nicht gedacht wird, warum dann beim Lesen?). Wir sch\u00fctten die Leser mit Fakten zu, und wenn sie \u201eaufh\u00f6ren!\u201c schreien, schicken wir schnell noch eine genaue Beschreibung der Kleidung jenes Passanten hinterher, der gerade am Protagonisten vorbeischlendert und im Roman nimmermehr gesehen ward.<\/p>\n\n\n\n<p>Das freut die Leser! Vor allem, wenn sie in Mannheim vier Stunden auf den Zug warten m\u00fcssen, da kommt man mit einem 150-Seiter nicht weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Okay; gespart werden muss nat\u00fcrlich! Am Plot vielleicht? An der Spannung? Der Sprache? Mal sehen. Die Frau Meierle ist jedenfalls seelig \u00fcber ihrem Sch\u00e4tzing eingeschlummert und erst wieder richtig wach geworden, als sp\u00e4ter der Zernatt und die Brungstedt mit dem Tisch umgefallen sind. Das ging zack, zack, ohne gro\u00dfe Umst\u00e4nde, das w\u00e4ren drei Zeilen in jedem knackigen Krimi, und das ist doch jetzt wirklich der Beweis, dass es auch anders geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr K.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Herr K. arbeitet als Sachbearbeiter bei der Oberfinanzdirektion Oberursel. Seine Lieblingskrimiautoren sind: Annette von Droste-H\u00fclshoff (\u201eschrieb mit der Judenbuche den Biedermeier-Krimi schlechthin!\u201c), Friederike Glauser(\u201eW\u00e4re Sie ein Mann gewesen, w\u00fcrde man heute Krimipreise nach ihm benennen!\u201c) und Heinrich B\u00f6ll (\u201eDem ich unheimlich dankbar daf\u00fcr bin, dass er nie einen Krimi geschrieben hat!\u201c). Wenn es ihm die Zeit erlaubt, wird Herr K. seine Mittagspausen weiterhin dazu nutzen, den Krimi zu erkl\u00e4ren.)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? 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