{"id":16207,"date":"2005-11-21T07:53:51","date_gmt":"2005-11-21T07:53:51","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/schule-der-rezensenten-opitzstunde-3\/"},"modified":"2022-06-06T21:34:03","modified_gmt":"2022-06-06T19:34:03","slug":"schule-der-rezensenten-opitzstunde-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/schule-der-rezensenten-opitzstunde-3\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten &#8211; Opitzstunde 3"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/rezensent1.GIF\" alt=\"rezensent1.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Jenseits von Seite 200. \u201eDie Schmidtin\u201c, dubiose Zeugin, an der sich Opitz\u2019sche Sprachgewalt verschwendet hat, ist in den Nebel der Geschichte zur\u00fcck getreten, nicht ohne zuvor den hei\u00df ersehnten Magister Tinius ans Messer geliefert zu haben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Man hat sich eingelesen und Opitz sich eingeschrieben. Mit dem Erscheinen des Tinius sch\u00e4lt sich eine Struktur heraus, die man vielleicht so verk\u00fcrzen k\u00f6nnte: Die Ermittlungen und Verh\u00f6re einerseits (mit vielen Originaltextstellen aus den Protokollen bei gleichzeitiger Z\u00fcgelung der Opitz-Marotten), die Suche nach den Akten und sonstigem Material, die Opitz bis nach New York f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und mir wird immer unwohler dabei. Ich lese, ich nehme zur Kenntnis, ich wei\u00df nicht, was mir der Autor sagen m\u00f6chte. In Ordnung; ich bekomme serviert, was der Autor im n\u00e4chsten Kapitel noch sucht. Er sucht, was er mir im n\u00e4chsten Kapitel bearbeitet vorlegt. Und?<\/p>\n\n\n\n<p>Lichtenbergs ewige Wahrheit von Kopf und Buch kommt mir in den Sinn. Prallt Opitzens Werk schlichtweg gegen den hohlen Sch\u00e4del des Rezensenten? Werde ich mit einem k\u00fcnstlerischen System konfrontiert, das meine Rezeptoren zu erfassen und zu w\u00fcrdigen unf\u00e4hig sind?<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind keine rhetorischen Fragen. Ich gehe grunds\u00e4tzlich davon aus, dass ein Autor, der Jahre seines Lebens mit einem Text verbracht hat, ihn unter Schmerzen geb\u00e4ren und ern\u00e4hren und erziehen musste, dass also dieser Autor tats\u00e4chlich wusste, was er tat. Dass er einen Plan hatte. Und dass es nun wirklich borniert w\u00e4re, einen solchen Text, indem man ihn einfach nur liest und nicht versteht, als \u201emisslungen\u201c zu brandmarken.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht bin ich hier auf ein Zeichensystem gesto\u00dfen, das mir bislang unbekannt ist. Ich kann es keinem der mir gel\u00e4ufigen zuordnen, es an keinem anderen messen. Und messe ich es an einem mir gel\u00e4ufigen, dann f\u00e4llt mein Urteil eben negativ aus. Genau aus diesem Grunde lese ich: In der Hoffnung, auf solche Systeme zu sto\u00dfen, die mein eigenes Me\u00dfsystem in Frage stellen. Als Leser und Kritiker muss ich von vorne beginnen, ich muss Hypothesen formulieren und verifizieren. Bei Opitz etwa die:<\/p>\n\n\n\n<p>Erste: Opitz erz\u00e4hlt mir etwas \u00fcber die Dubiosit\u00e4t des Faktischen. Dass er das tut, ist offensichtlich, kann aber noch nicht alles gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweite: Opitz verkn\u00fcpft, diese Dubiosit\u00e4t des Faktischen herausarbeitend, Vergangenheit und Gegenwart und hebt den Gegenstand somit ins Bedeutend-Allgemeine.<\/p>\n\n\n\n<p>Dritte: Opitz, der kein Psychogramm des Tinius zu zeichnen beabsichtigt, versucht \u00fcber den Umweg der eigenen Befindlichkeit das Psychogramm eines Menschentypus, des Bibliomanen, zu zeichnen. Daf\u00fcr spricht einiges, etwa das pl\u00f6tzlich auftauchende \u201ewir\u201c bei der Jagd nach den Akten. Opitz plus X. Eine konkrete, ihn begleitende Person scheint es nicht zu sein, dass Opitz hier den \u201epluralis majestetis\u201c verwendet, also \u201ewir\u201c sagt und \u201eich\u201c meint, glaube ich auch nicht. Also: Dieses Wir steht f\u00fcr \u201edie\u201c Bibliomanen und schlie\u00dft nat\u00fcrlich auch Tinius mit ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter formuliere ich diese Hypothesen noch nicht aus. Sie sind ein Ger\u00fcst, dessen Wahrhaftigkeit ich bei der weiteren Lekt\u00fcre belegen m\u00f6chte, ohne indes andere M\u00f6glichkeiten ganz aus dem Auge zu verlieren. Diese Phase nun ist die gef\u00e4hrlichste, denn m\u00f6glicherweise lese ich den Roman jetzt so, wie ich glaube, dass er gedacht ist, und die Belege daf\u00fcr habe ich vorher unbewusst im Text deponiert. Ich habe meine Brille auf und sehe nur, was ich sehen will. Obacht!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jenseits von Seite 200. \u201eDie Schmidtin\u201c, dubiose Zeugin, an der sich Opitz\u2019sche Sprachgewalt verschwendet hat, ist in den Nebel der Geschichte zur\u00fcck getreten, nicht ohne zuvor den hei\u00df ersehnten Magister Tinius ans Messer geliefert zu haben.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-16207","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16207","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16207"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16207\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16207"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16207"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}