{"id":16211,"date":"2005-11-21T09:26:07","date_gmt":"2005-11-21T09:26:07","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/kanonisierung\/"},"modified":"2022-06-06T15:35:21","modified_gmt":"2022-06-06T13:35:21","slug":"kanonisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/kanonisierung\/","title":{"rendered":"Kanonisierung"},"content":{"rendered":"\n<p>Geologen tr\u00e4umen von nichts sehns\u00fcchtiger als von einem Vulkanausbruch, den sie aus n\u00e4chster N\u00e4he beobachten k\u00f6nnen. Literaturinteressierten bietet sich ein \u00e4hnlich beeindruckendes Naturschauspiel, wenn sie die aktuellen Feuilletons verfolgen. Sie werden Zeugen einer Kanonisierung, der Unangreifbarmachung eines Textes, und ihres ach so profanen Hintergrundes: Ignoranz und \u00dcberforderung.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich geht es um Detlef Opitzens &#8222;Der B\u00fccherm\u00f6rder&#8220;. Um; nicht gegen. Der Autor selbst ist, wie der gemeine Leser, nur Zuschauer; hilflos, vielleicht irritiert, wenn er einigerma\u00dfen bei Groschen ist: sauer. Kein Autor mag es, wenn man Etiketten an seine B\u00fccher h\u00e4ngt. Kein Autor ist Herr der Klappentexte, die man andernorts zusammenbosselt, um ein Buch zu verkaufen. Was ja nicht ehrenr\u00fchrig ist. Bisweilen aber reichlich komisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eichborn Verlag hat gute Arbeit geleistet. Noch bevor &#8222;Der B\u00fccherm\u00f6rder&#8220; gehandelt wurde, hatte er gehandelt und seine Mythen ausgestreut. Etwa, dass Herr Opitz, der hier \u00fcber einen Bibliomanen schreibe, selbst Bibliomane sei und seine Bibliothek beim Pokern verloren habe. Oder dass es sich um ein &#8222;Sprachkunstwerk&#8220; handele. Dann kam das Buch, wurde gelesen &#8211; und, ich wette, nicht verstanden. Hingenommen, vielleicht, ja, das wohl. Man las und las und las und wusste: O leck, ich muss was dr\u00fcber schreiben! Was aber?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sache mit der verzockten Bibliothek. Kommt immer gut. Fehlt fast nirgendwo. Vor allem aber: das Sprachkunstwerk. Einfach mal schreiben. So etwa:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;In Opitz&#8216; sprachlich wie inhaltlich ungew\u00f6hnlichem Husarenst\u00fcck (&#8230;)\u201c <\/em>(Claudia H\u00f6hn, \u2192<a href=\"http:\/\/www.maerkischeallgemeine.de\/cms\/beitrag\/10588776\/69869\/ \">\u201eM\u00e4rkische Allgemeine\u201c<\/a>, 5.11.05) &#8211; <em>&#8222;(&#8230;)den Autor auf seinem Parforceritt durch die deutsche Sprache begleiten (&#8230;)&#8220; <\/em>(Maran Alsdorf, \u2192<a href=\"http:\/\/www.ma1stnews.de\/literaturzirkel\/autoren_o\/opitz_d_1.htm\">&#8222;Literaturzirkel&#8220;<\/a>) &#8211;<em> &#8222;(&#8230;) dessen barock \u00fcberbordende Sprache (&#8230;)&#8220;<\/em> (Andreas Merkel, \u2192<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/pt\/2005\/08\/30\/a0181.nf\/text.ges,1\">&#8222;taz&#8220;<\/a>, 30.8.05) &#8211; <em>&#8222;(&#8230;) springt er m\u00fchelos vom verschn\u00f6rkelten Kanzleideutsch des 18. Jahrhunderts ins Kneipendeutsch der Gegenwart. Wer sich auf dieses oft m\u00fchsame, bestimmt nicht schnell zu konsumierende Spiel mit der deutschen Sprache einlassen mag, erwartet ein besonderes Lesevergn\u00fcgen.&#8220; <\/em>(Kirsten Baukhage, dpa, h\u00e4ufig abgedruckt, z.B. \u2192<a href=\"http:\/\/www.pipeline.de\/cgi-bin\/pipeline.fcg?userid=&amp;publikation=82&amp;template=pipearttextbuch&amp;ausgabe=32589&amp;redaktion=1&amp;artikel=107861733\">hier<\/a>) &#8211; <em>&#8222;In Detlef Opitz sprachgewaltigen Bibliophilenroman (&#8230;)&#8220; <\/em>(\u2192<a href=\"http:\/\/www.buch-aktuell.com\/belletristik\/romanevonaz\/53801196d310c230d.htm\">&#8222;Buch aktuell&#8220;<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p>Die in diesem Blog schon \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/11\/opitziana.php\">zitierten<\/a> Stimmen mal ganz au\u00dfen vor gelassen. Es gibt auch andere, aber wenige. In seiner \u2192<a href=\"http:\/\/home.arcor.de\/karger\/buechernachlese-archiv\/uk_opitz_detlef_der-buchmoerder.html\">&#8222;B\u00fcchernachlese&#8220; <\/a>schreibt etwa Ulrich Karger:<em> &#8222;L&#8217;art pour l&#8217;art Verfechter werden das Buch \u00fcber die Ma\u00dfen lieben und verteidigen, alle anderen finden inhaltlich Gewichtigeres woanders.&#8220;<\/em> Thomas W\u00f6rtche urteilt auf dem \u2192<a href=\"http:\/\/www.kaliber38.de\/woertche\/leichneu.htm\">&#8222;Leichenberg&#8220;<\/a>: &#8222;<em>Und sch\u00fcttet uns mit seinen Zettelk\u00e4sten zu bis wir nach Luft schnappen und vermauert selbst das letzte L\u00f6chlein noch mit einem manierierten, Pseudo-19.-Jahrhundert-Deutsch mit aktuellen Br\u00fcchen, dass man tr\u00e4nenden Auges bald nimmer will. Ooh, Pr\u00e4tention!&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Interessant sind hier aber die Lobeshymnen, denn ihnen ist eines gemein: Sie behaupten, was schon der Klappentext behauptet: Sprachkunstwerk. Nun sind aber Rezensenten keine Klappentexter, die einfach nur behaupten sollen. Sie sollen belegen. Ein Buch ist keine Backmischung, bei der man nur die Zutaten identifizieren und mengenm\u00e4\u00dfig verifizieren muss. &#8222;Dieses Buch enth\u00e4lt 500 Gramm Sprachkunst und ist deshalb gut f\u00fcr die geistige Durchblutung.&#8220; Nee, so einfach ist es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>So einfach ist es eben doch. Ein Buch, dem ich &#8222;Sprachkunst&#8220; unterstelle, ohne sie zu belegen, wird unangreifbar. Es wandert in den Kanon der wertvollen Werke, wo es zustaubt, einen Heiligenschein bekommt, irgendwann in irgendwelchen Schul-Literaturgeschichten auftaucht, ungelesen bleibt &#8211; bis nach 30 Jahren jemand den Text mit kritischem Auge pr\u00fcft und sich betroffen fragt: Sprachkunstwerk? Wo denn bitte?<\/p>\n\n\n\n<p>Und \u00fcberhaupt: Sprachliche Opulenz ist kein geborenes Positivum. Die Sprache eines Textes sollte angemessen sein, mehr nicht. Friedrich Glauser war kein &#8222;Sprachk\u00fcnstler&#8220;, Raymond Chandler kein &#8222;barock-opulenter&#8220; Krimiautor. Aber sie beflei\u00dfigten sich einer &#8222;angemessenen Sprache&#8220; und wurden kanonisiert, weil dieses perfekte Ineinandergreifen von Sujet und Ausarbeitung \u00fcberzeugte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts davon bei der Opitz-Rezeption. Man liest ein Buch und sucht nach Worten, es zu beschreiben. Man findet sie nicht. Also greift man auf den Klappentext, sp\u00e4ter, wenn die ersten darauf basierenden Kritiken erschienen sind, auf die Platit\u00fcden dieser zur\u00fcck. Und das ist \u00e4rgerlich. Es ist immer \u00e4rgerlich, wenn dem Leser Wort- und Deutungsh\u00fclsen um die Ohren gehauen werden, doppelt \u00e4rgerlich, wenn diese H\u00fclsen einen Text sofort mit dem sch\u00fctzenden Drachenblut des Kritikerverdikts \u00fcberziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist, nebenbei, auch ein B\u00e4rendienst, den man dem Autor erweist. Der, wir wollen es hoffen, nicht zehn Jahre seines Lebens geopfert hat, um nun beobachten zu m\u00fcssen, wie man das Produkt seiner Bem\u00fchungen leichtsinnig und gedankenlos in den Orkus der kritischen Beliebigkeit rauschen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch etwas: Ein Buch, das ein &#8222;Sprachkunstwerk&#8220; ist und von vereinzelten Lesern nicht verstanden wird, weist h\u00e4mlich auf diese Leser. Du bist dumm. Du hast keine Ahnung. Du bist ein ganz gew\u00f6hnlicher Krimikonsument. Diese Stimme hat f\u00fcr Opitzens &#8222;B\u00fccherm\u00f6rder&#8220; anscheinend der Leser Uzinger \u00fcbernommen, der, den Klappentext wie ein vernichtendes Kruzifix in der Hand, durchs Netz geistert und inquiriert. Da mag sich die gute Lisa nicht so recht mit dem B\u00fccherm\u00f6rder anfreunden und kriegt ihre geistige Unterlegenheit gleich \u2192<a href=\"http:\/\/www.litkara.de\/litblog.php?id=453#comments\">kommentiert<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Ach liebes M\u00e4del, was hast Du nur? Ist wer gestorben? Ist es Liebeskummer? Also, da gibt es endlich mal wieder mit dem &#8222;B\u00fccherm\u00f6rder&#8220; (TINIUS) von Detlef Opitz ein Buch, das die Sprache hat, das Material hat, die spannenden b\u00fccherkundlichen)Recherchen hat, das all das hat, worauf wir Bibliophilen, Bibliomanen, kurzum, wir B\u00fccherverr\u00fcckten uns immer sehnen, ausgerechnet dann ist Dir der falsche Kerl \u00fcbern Weg gelaufen, wie tragisch, wie schade. Wie leid Du mir tust.<br \/>ABER, wenn es Dir nun einmal nicht gut geht, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, warum schaffst Du es in einer solchen Situation nicht, Dich einmal einfach nur herauszuhalten, einfach mal darauf zu verzichten, Punkte zu vergeben. Ich meine es ganz lieb: einmal ohne Dich &#8211; geht nicht gleich die Welt unter. Mit freundl. Grpssen, Dietrich Nicolai Uzinger&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Hier gibt einer sprachlich den Pseudoopitz, weniger barock, eher bankrott. Wir freuen uns schon auf seinen Exorzismus in diesem unserem Blog.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geologen tr\u00e4umen von nichts sehns\u00fcchtiger als von einem Vulkanausbruch, den sie aus n\u00e4chster N\u00e4he beobachten k\u00f6nnen. Literaturinteressierten bietet sich ein \u00e4hnlich beeindruckendes Naturschauspiel, wenn sie die aktuellen Feuilletons verfolgen. 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