{"id":16226,"date":"2005-11-24T07:46:06","date_gmt":"2005-11-24T07:46:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/friedrich-glauser-die-speiche\/"},"modified":"2022-06-16T22:42:50","modified_gmt":"2022-06-16T20:42:50","slug":"friedrich-glauser-die-speiche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/friedrich-glauser-die-speiche\/","title":{"rendered":"Friedrich Glauser: Die Speiche"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eDie Speiche\u201c (\u201eKrock &amp; Co\u201c) ist ein Nebenwerk Friedrich Glausers, als bestellter Fortsetzungsroman f\u00fcr die Zeitung geschrieben, Stoff, Bearbeitung und Umfang im diktatorischen Korsett des Mediums, kurz, in des Autors Worten: <em>\u201eder Mist\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Darf man ihm glauben? Gerade einmal 130 Druckseiten lang begleiten wir Wachtmeister Studer durch seinen verzwickten Fall in einem Hotel im Kanton Appenzell, wo er doch eigentlich nur die Hochzeit der Tochter feiern wollte, aber dann wird ein windiger Typ mit einer Fahrradspeiche erstochen, der sofort verd\u00e4chtigte \u201eVeloh\u00e4ndler\u201c war es nat\u00fcrlich nicht (so etwas wei\u00df ein Studer instinktiv), ein zweiter Mord geschieht und \u2013 nun ja. Wie es halt so geht. Der Fall zieht seine Kreise, wird international, tangiert Hochfinanz und das b\u00e4uerliche Elend, beide stehen zueinander in einer unheilvollen Beziehung, es gibt eine Handvoll Verd\u00e4chtiger, ein paar Theorien, deren Einzelteile nicht zusammenpassen wollen \u2013 und all das auf 130 Seiten, das kann nicht gut gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur: Welcher Glauserleser klebt an der Logik des R\u00e4tselkrimis? Wie alle Krimis, die sich im Verlauf der Handlung heillos in ihren Abl\u00e4ufen verheddern, liefert auch \u201eDie Speiche\u201c am Ende ein notd\u00fcrftig vom Ermittler zusammendetektiertes L\u00f6sungstableau. Das ist \u00e4rgerlich, bei den meisten dieser Arbeiten jedenfalls, aber bei Glauser seltsamer Weise nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>130 Seiten: zu wenig f\u00fcr einen verwickelten Krimi. 130 Seiten: zu wenig auch f\u00fcr detailliert Atmosph\u00e4risches, wie es Glauser ja grandios schaffen konnte, gab man ihm nur den Raum, den er brauchte. Aber 130 Seiten Studer, wie er \u201eChabis!\u201c murrt und sich an seinen \u201eSchulschatz\u201c (auch so ein Wort, bei dem einem das Herz aufgeht!) erinnert: das vers\u00f6hnt doch halbwegs. Und 130 Seiten den von Termin und allen sonstigen Zw\u00e4ngen gepeinigten Glauser erleben, wie er virtuos Personal in einem Satz zeichnet. Die beiden Graf-Br\u00fcder etwa, deren psychische Gemengelage man nach diesen S\u00e4tzen sofort versteht: <em>\u201e\u2019Wir beide, Wachtmeister\u2019, sagte eine Stimme in der Dunkelheit, \u201ader Ernst und ich, sind so kurios geworden, weil der Vater uns immer geschlagen hat. Alle hat er geschlagen, wenn er betrunken war. Die Mutter, den Hund, die Pferde, die K\u00fche. Und uns.\u2019\u201c<\/em> Oder wenn eine Wolke skizziert wird: <em>\u201eIm Osten lagerte eine Wolke und erinnerte an einen Feglumpen, mit dem man versch\u00fctteten Rotwein aufgenommen hatte.\u201c <\/em>&#8211; das vers\u00f6hnt nun ganz.<\/p>\n\n\n\n<p>Wozu aber dient die Kriminalhandlung? Sie sorgt f\u00fcr die Energien, die in der Lage sind, die tektonischen Platten des Alltags zu verschieben, diesen Alltag und uns f\u00fcr kurze Zeit zu ersch\u00fcttern und, wenn sich alles wieder beruhigt hat, jene Unordnung zur\u00fcckzulassen, die auch nach den Aufr\u00e4umarbeiten weiter im Ged\u00e4chtnis bleibt. Dass dies funktioniert, dazu muss ein Krimi nicht unbedingt den ungeschriebenen (und geschriebenen) Gesetzen des Genres folgen. Und wo er es tut, muss er sie nicht vorschriftsm\u00e4\u00dfig erf\u00fcllen. Ein guter Krimi sollte auch immer ein guter Roman sein; ein guter Roman w\u00e4chst aber auch aus einem (gesetz-) m\u00e4\u00dfigen Krimi. Manchmal. Selten. Bei Glauser: aber immer.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Friedrich Glauser: Die Speiche. <br \/>Unionsverlag 2005. 171 Seiten, 7,90 \u20ac <br \/>(Die Ausgabe folgt der im Limmatverlag verschienenen Werkedition <br \/>und wird durch einen Anhang musterg\u00fcltig erschlossen.)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Speiche\u201c (\u201eKrock &amp; Co\u201c) ist ein Nebenwerk Friedrich Glausers, als bestellter Fortsetzungsroman f\u00fcr die Zeitung geschrieben, Stoff, Bearbeitung und Umfang im diktatorischen Korsett des Mediums, kurz, in des Autors Worten: \u201eder Mist\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-16226","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16226","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16226"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16226\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16226"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16226"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16226"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}