{"id":16230,"date":"2005-11-25T07:49:40","date_gmt":"2005-11-25T07:49:40","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/sekundaerliteratur\/"},"modified":"2022-06-07T00:17:07","modified_gmt":"2022-06-06T22:17:07","slug":"sekundaerliteratur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/sekundaerliteratur\/","title":{"rendered":"Sekund\u00e4rliteratur"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/freitagsessay.gif\" alt=\"freitagsessay.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Sekund\u00e4rliteratur tr\u00e4gt ihren Makel schon im Namen. Sie steht zur\u00fcck hinter dem Prim\u00e4ren, h\u00e4lt sich im Halbdunkel, w\u00e4hrend die wirkliche Literatur im Lichte gl\u00e4nzt. Wer braucht sie schon, die Exegeten und Katecheten, die Erbsenz\u00e4hler und Krittler? Was liefern sie einem? Gut und sch\u00f6n: Informationen. Wenn man sie braucht. Wer einen Krimi liest, braucht sie aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wer einen Krimi liest, unterh\u00e4lt sich mit dem, was auf dem Papier steht, er kriecht in den Text und saugt aus diesem seine Nahrung \u2013 oder eben nicht. Interessiert mich etwa die Editionsgeschichte von Friedrich Glausers Romanen? Steigt die Spannung der Story, wenn ich den Lebenslauf des Autors kenne? Kaum. Keine Frage: Wer Krimis liest, liest Krimis.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer Sekund\u00e4rliteratur zu Krimis liest, verspricht sich davon einen Mehrwert, der zun\u00e4chst einmal nichts mit der direkten Lekt\u00fcre des \u201eprim\u00e4rliterarischen\u201c Werkes zu tun hat. Rezensionen etwa, die durchaus auch zum sekund\u00e4ren Bereich z\u00e4hlen, liest man gemeinhin, um sich zu informieren, Zu- oder Abrat zu erhalten. Gewiss kann es vorkommen, dass mir eine Kritik Fakten liefert, die mir bei der Lekt\u00fcre helfen, Details zu verstehen. Um bei Glauser zu bleiben: W\u00fcrden wir seine Romane wirklich SO lesen, wenn wir nicht w\u00fcssten, wie unendlich dreckig es dem Autor zu Lebzeiten erging? Beeinflusst es das \u201eAtmosph\u00e4rische\u201c, wenn wir wissen, dass etwa die Darstellung der Irrenanstalt in \u201eMatto regiert\u201c sich aus eigenen Insassenerfahrungen des Dichters speist?<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ein Sonderfall; keine Frage. Ich muss nach wie vor nicht wissen, was sich Ian Rankin beim Schreiben denkt, oder wie seine schriftstellerische Entwicklung verlaufen ist, wenn ich Ian Rankin lese. Tue ich es trotzdem, habe ich ein allgemeines Interesse an der Sache, die schon weit \u00fcber blo\u00dfe Rezeption eines Textes hinausreicht. Ich k\u00fcmmere mich um \u2013 Krimikultur, um die Landschaft, in der Krimis bl\u00fchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer \u00fcber Krimis liest, sammelt Wissen, um das Gel\u00e4nde zu erkunden, aus dem die prim\u00e4ren Texte stammen. Zu warnen ist indes vor dem h\u00e4ufig genug geh\u00f6rten Ratschlag, ein Text erschlie\u00dfe sich einem erst, wenn man zur Kenntnis genommen hat, was andere dar\u00fcber herausgefunden haben. \u201eWenn du nicht wei\u00dft, dass Glauser in der Klapsm\u00fchle war, brauchst du ihn gar nicht erst zu lesen!\u201c \u2013 \u201eNoch nie in Glasgow gewesen und Ian Rankin lesen wollen? Vergiss es!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Roman, den zu verstehen ich zun\u00e4chst ein paar Kilo Sekund\u00e4res konsumieren muss, kann nicht gelungen sein. Ein Werk, das seine Botschaften unterirdisch transportiert und daher einen wissenschaftlichen Schaufelbagger verlangt, ein solches Werk ist das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt ist. Was nicht hei\u00dfen soll, dass mir Sekund\u00e4rliteratur keine v\u00f6llig neuen Blicke auf einen Text schenken kann. Ganz im Gegenteil. Wenn es mir jedoch ohne solche Hilfsmittel das Auge nur vernebelt, wollen wir uns getrost anderem zuwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sekund\u00e4rliteratur, kein Zweifel, ist etwas f\u00fcr Liebhaber und Liebhaberinnen des \u201eGenres\u201c, die sich nicht davor f\u00fcrchten, lesend die Grenzen dieses abgezirkten Bereichs zu verlassen. Denn das geschieht unweigerlich, wenn man gute B\u00fccher \u00fcber etwas liest. Man liest gleichzeitig \u00fcber etwas anderes. Ein Buch \u00fcber Friedrich Glauser wird, will es sein Thema und seinen Sinn nicht verfehlen, etwas \u00fcber die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse in den 30er Jahren erz\u00e4hlen, \u00fcber die Praxis des Wegsperrens, des Abstrafens, des Brandmarkens. Wer \u00fcber \u201eKrimi\u201c allgemein schreibt, ohne \u00fcber \u201edie Literatur\u201c zu schreiben, schreibt auch \u00fcber Krimi nichts (um die \u2192<a href=\"http:\/\/www.krimi-couch.de\/krimis\/thomas-woertche.html\">Erkenntnis<\/a> eines bekannten Kritikers zu variieren, der seinerseits eine Erkenntnis des Komponisten Hanns Eisler variiert hat). So entkommt man dem Korsett des \u201eKrimis\u201c, wie man auch beim Lesen eines solchen, guten aus dem Anziehungsfeld blo\u00dfen Thrills ger\u00e4t und glattweg in eine freie Umlaufbahn um die Literatur, das Leben und die Welt katapultiert wird, um irgendwo \u00fcber einer noch unentdeckten Landschaft abzust\u00fcrzen. Sch\u00f6ne Aussicht.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Wer es noch nicht wissen sollte: Literatur \u00fcber Krimis gibt es im \u2192<a href=\"http:\/\/www.nordpark-verlag.de\/titelei.html\">Nordpark Verlag<\/a>. Und bei den Alligatorpapieren berichtet \u2192<a href=\"http:\/\/www.alligatorpapiere.de\/krimitipvierzig-eins.html\">Thomas Przybilka<\/a> regelm\u00e4\u00dfig dar\u00fcber, wer was \u00fcber wen und was.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sekund\u00e4rliteratur tr\u00e4gt ihren Makel schon im Namen. Sie steht zur\u00fcck hinter dem Prim\u00e4ren, h\u00e4lt sich im Halbdunkel, w\u00e4hrend die wirkliche Literatur im Lichte gl\u00e4nzt. Wer braucht sie schon, die Exegeten und Katecheten, die Erbsenz\u00e4hler und Krittler? Was liefern sie einem? Gut und sch\u00f6n: Informationen. Wenn man sie braucht. Wer einen Krimi liest, braucht sie aber [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-16230","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16230","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16230"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16230\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16230"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16230"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16230"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}