{"id":16246,"date":"2005-11-28T07:50:16","date_gmt":"2005-11-28T07:50:16","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/schule-der-rezensenten-opitzrest\/"},"modified":"2022-06-06T17:32:21","modified_gmt":"2022-06-06T15:32:21","slug":"schule-der-rezensenten-opitzrest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/11\/schule-der-rezensenten-opitzrest\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten &#8211; Opitzrest"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/rezensent1.GIF\" alt=\"rezensent1.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Na also: Ich habe gelacht. Auf Seite 331 seines famosen Werkes nennt Opitz ein paar Titel aus Tinius\u2019 Bibliothek: <em>\u201eDie R\u00e4chdschreibung der Deutdschen Buchschdaben\u201c \u2013 \u201eCicero, ein gro\u00dfer Windbeutel, klar erwiesen\u201c \u2013 \u201eLob der schlechtesten Schriftsteller\u201c. <\/em>Und auf Seite 332: <em>\u201eUntersuchungen der Ursachen des verdorbenen Geschmacks der Deutschen\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und sonst? Opitzens Schreibtendenz hat sich fortgesetzt: Fast nur noch Wiedergabe der langwierigen Vernehmungen, kaum noch Ausfl\u00fcge ins Hier und Jetzt, ein aktueller Fall von \u201ePfarrer als M\u00f6rder\u201c, kleingedruckt in der Au\u00dfenspalte, die Selbstverbrennung des Pfarrers Br\u00fcsewitz 1976 in der damaligen DDR, angestrichen habe ich mir Opitzens Urteil \u00fcber die Verteidigungsschrift des Tinius-Anwalts:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eSie wirkt m\u00fcde, lustlos, schlecht gearbeitet, formal, verliebt nur in die eigene sperrige Grammatik.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das k\u00f6nnte auch ein Urteil \u00fcber Opitz sein, jedenfalls \u00fcber den zweiten Teil des Buches. Der erste ist weniger m\u00fcde, weniger lustlos, daf\u00fcr noch schlechter gearbeitet, noch selbstverliebter. Man liest alles am Ende nur noch so runter; es ist nicht einmal uninteressant, d.h. vom Thema her. Tinius indes bleibt uns weiterhin ein unbekannter Kontinent. Was habe ich \u00fcber ihn erfahren? Auch die Klischees, die man andernorts \u00fcber ihn verbreitet hat, nur vielleicht anders gedeutet. Die im \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/11\/schule-der-rezensenten-opitzstunde-3.php\">vorigen Eintrag<\/a> frohgemut aufgestellte Theorie habe ich schnell wieder fallen lassen. Opitz geht es, wenigstens in diesem zweiten Teil, um gar nichts mehr. Er will fertig werden, den Fall raushauen. Dass er ambitioniert begonnen hat, \u00fcbersehe ich dabei nicht. Auch nicht, dass er wohl selbst irgendwann auf halber Strecke das Handtuch werfen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich schade. Schreiben kann er, der Opitz, theoretisch jedenfalls, das Potential merkt man, aber die Disziplin fehlt. H\u00e4tte er sich damit begn\u00fcgt, einfach nur nach Aktenlage einen Bericht zu schreiben, w\u00e4re ihm der wohl gelungen. Das Ganze als Sprachkunstwerk mit h\u00f6heren Weihen zu versehen, das ist gr\u00fcndlich schiefgegangen. Geblieben ist ein Roman, \u00fcber den sich nicht einmal mehr streiten l\u00e4sst. Er ist weder das eine noch das andere noch ein drittes oder viertes. Er ist in der ersten H\u00e4lfte alles \u2013 und alles missgl\u00fcckt, in der zweiten H\u00e4lfte runtergerattert mit nicht einmal mehr provokativen, nur noch hingenommenen stilistisch-formalistisch-inhaltlichen Rowdy-Attacken, er ist \u2013 nicht langweilig, weil das Thema nicht langweilig ist, aber belanglos, weil der Autor das Thema belanglos gemacht hat. Er ist nicht einmal mit Karacho gegen die Wand gefahren, sondern hat sein Autochen selber vor dem Aufprall abgebremst und begutachtet jetzt den leichten Blechschaden. Das ist traurig. Und das soll ich jetzt rezensieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Ziehen wir, quasi zur ersten Gedankenbereinigung, ein Fazit: Opitz\u2019 Roman hat mich sprachlich entt\u00e4uscht, keine Frage. Meine Anstrengungen, \u00fcberhaupt zu verstehen, worum es dem Autor geht, sind im Sande verlaufen. Es ist kein Roman \u00fcber Herrn Tinius, keiner \u00fcber Bibliomanie, keiner \u00fcber das 19. oder 20. oder 21. Jahrhundert, keiner \u00fcber den Autor, nicht einmal das, was man fr\u00fcher &#8222;experimentell&#8220; nannte. Es l\u00e4uft immer mal in die eine oder andere Richtung, macht dann kehrt oder bricht ab. Nun k\u00f6nnte genau darin ein gewisser Reiz liegen, tut es aber nicht. Die letzten ca. 150 Seiten nimmt sich Opitz sprachlich etwas zur\u00fcck und vertraut auf den Duktus der Akten. Was wir daraus erfahren, mag nicht uninteressant sein, aber dann lese ich doch lieber gleich die Originale und erspare mir die Kommentare und Abschweife des Autors.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig: Das Ganze spielt ja in einer sehr turbulenten Zeit: 1813 aufw\u00e4rts, Leipzig wird zum Durchmarschgebiet diverser Truppen (was nur angedeutet wird), es bildet sich so etwas wie eine \u201edeutsche Einheitsfront\u201c gegen Napoleon mit allen nur erdenklichen nationalen bis nationalistischen Auspr\u00e4gungen (was auch nur angedeutet wird) \u2013 thematisiert oder wenigstens in die Geschichte eingewoben wird das aber nicht. Stattdessen erz\u00e4hlt Opitz kurze Parallelgeschichten (wie Suhl einmal niederbrannte, wie ein Pastor seine Frau ermordete oder nicht), deren Korrespondenz zum Hauptstrang des Erz\u00e4hlten zwar offensichtlich ist, aber eine Linie ist darin nicht zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leser darf nun mutma\u00dfen, wie die Rezension aussehen wird, die ich \u00fcber Opitzens \u201eB\u00fccherm\u00f6rder\u201c ablasse. Sie wird das, was ich vorstehend res\u00fcmmierte, noch weiter verk\u00fcrzen m\u00fcssen, ihren Akzent zun\u00e4chst auf die Sprache, dann auf den Inhalt legen und beide in ihrer Entwicklung zeigen. Sie wird auch darauf eingehen, dass das wirklich Lehrreiche am &#8222;B\u00fccherm\u00f6rder&#8220; nicht der Text selbst, sondern seine Aufnahme durch das Feuilleton ist. Wie man Leute via Klappentext und Vorgemunkel derma\u00dfen einsch\u00fcchtert, dass sie von vornherein die Waffen strecken und sich nach Plattit\u00fcdien zur\u00fcckziehen, froh, dass man Werke in jene h\u00f6heren Sph\u00e4ren erheben kann, die sie kritischer Betrachtung entr\u00fccken. So wird das aussehen. Oder doch nicht?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Na also: Ich habe gelacht. Auf Seite 331 seines famosen Werkes nennt Opitz ein paar Titel aus Tinius\u2019 Bibliothek: \u201eDie R\u00e4chdschreibung der Deutdschen Buchschdaben\u201c \u2013 \u201eCicero, ein gro\u00dfer Windbeutel, klar erwiesen\u201c \u2013 \u201eLob der schlechtesten Schriftsteller\u201c. 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