{"id":16251,"date":"2005-12-01T07:59:27","date_gmt":"2005-12-01T07:59:27","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/charles-todd-dunkle-spuren\/"},"modified":"2022-06-15T20:26:25","modified_gmt":"2022-06-15T18:26:25","slug":"charles-todd-dunkle-spuren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/charles-todd-dunkle-spuren\/","title":{"rendered":"Charles Todd: Dunkle Spuren"},"content":{"rendered":"\n<p>Charles Todd, das amerikanische Mutter-Sohn-Duo, hat einen Gordischen Knoten durchschlagen und schreibt englische Landhauskrimis mit d\u00fcsterer Unterkellerung. Und das alles mit einer einzigen genialen Idee. Was auf Dauer zu wenig sein d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>L\u00e4ndliches England. Ein Mord geschieht, der offensichtliche T\u00e4ter, verwirrter Veteran des gerade beendeten 1. Weltkriegs, ist schnell gefasst. Doch wo befinden sich die beiden Kinder und der Ehemann der Toten? Ian Rudledge, Inspector bei Scotland Yard, reist an, um das Geheimnis zu l\u00fcften.<\/p>\n\n\n\n<p>Das k\u00f6nnte so gem\u00fctlich werden. D\u00f6rfchen mit Miss Marples bev\u00f6lkert, denen man diskret \u00fcber die Stra\u00dfe hilft, ein Inspector im Kreise seiner Verd\u00e4chtigen, von denen einer nach 400 Seiten ob der dr\u00fcckenden Beweislast und offensichtlicher \u00dcberm\u00fcdung der Leserschaft resigniert das Handtuch wirft, w\u00e4hrend Kaminfeuer weiterknistern und die Milch im Tee gerinnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jetzt kommt der Trick, und er hat einen Namen: Hamish. Hamish ist tot, von Rudledge w\u00e4hrend des Krieges wegen Befehlsverweigerung exekutiert, fortan als \u201einnere Stimme\u201c des neurotischen Inspektors t\u00e4tig, ein Psychohelferlein, das seinen Wirt analysiert, bisweilen zur Ordnung rufen muss, warnt und schlussfolgert. Diese Privatneurose legt sich \u00fcber die Story, die Topografie, die Personen, alles ist zerbrochen, selbst das Idyll riecht nach Sch\u00fctzengraben, nur die ehernen Gesetze des Whodunit gelten nach wie vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe zu, dass mich das, als ich voriges Jahr \u2192<a href=\"http:\/\/www.titel-forum.de\/modules.php?op=modload&amp;name=News&amp;file=article&amp;sid=3295\">\u201eStumme Zeugen\u201c<\/a> las, beeindruckte. \u201eDunkle Spuren\u201c arbeitet nach dem gleichen Prinzip, und der aktuelle ins Deutsche \u00fcbersetzte Band, \u201eDie zweite Stimme\u201c, wohl auch. Nun liegt es aber in der Natur der Sache, dass Originelles, st\u00e4ndig wiederholt, schnell bel\u00e4stigt. \u201eDunkle Spuren\u201c leidet unter diesem Gesetz, zumal die Methode \u00fcberstrapaziert wird. Gleich f\u00fcnf der m\u00e4nnlichen Hauptpersonen sind kriegstraumatisiert, was die Geschichte nicht vertieft, sondern breitgewalzt. Das Trauma als \u201eAchtung, gest\u00f6rt!\u201c \u2013 Etikett auf den Seelen ansonsten kaum erkennbarer Personen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ian Rudledge bleibt ein interessanter Charakter, keine Frage. Ein Gr\u00fcbler, ein Gescheiterter, ein Mitleidiger, der doch zu seelischen Grausamkeiten tendiert, wenn es der Wahrheitsfindung dient. Aber all das hat scheinbar nur eine Quelle \u2013 besagte \u201eSch\u00fctzengrabenneurose\u201c- und wird st\u00e4ndig auf nicht immer hohem Niveau thematisiert, was auch dem Erz\u00e4hlfluss nicht zugute kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re \u201eDunkle Spuren\u201c mein erster Roman von Todd gewesen, ich h\u00e4tte mich wohl damit arrangieren k\u00f6nnen, zumal der Krimi als Krimi ganz in der Tradition englischer Charleston-Whodunits gut funktioniert. Der T\u00e4ter ist nicht der T\u00e4ter, der Ermittler verliebt sich in die Hauptverd\u00e4chtige, famili\u00e4re Abgr\u00fcnde tun sich auf, Intrigen werden gesponnen usw., doch das liest man gelegentlich immer wieder gern.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts des Potentials der Hauptfigur ist das aber zu wenig, und wir sind gespannt, ob die beiden Todds ihren auf Dauer zu sparsam dimensionierten Helden demn\u00e4chst mit einer Weiterentwicklung begl\u00fccken. Dann n\u00e4mlich k\u00f6nnte es noch was werden. Und zwar, bitte, bitte, lieber Verlag, ohne ein d\u00e4mliches \u201eBrigitte\u201c-Zitat auf dem Umschlag.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Charles Todd: Dunkle Spuren. \nHeyne 2005. 414 Seiten, 8.95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Charles Todd, das amerikanische Mutter-Sohn-Duo, hat einen Gordischen Knoten durchschlagen und schreibt englische Landhauskrimis mit d\u00fcsterer Unterkellerung. Und das alles mit einer einzigen genialen Idee. 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