{"id":16263,"date":"2005-12-06T07:43:14","date_gmt":"2005-12-06T07:43:14","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/andrew-vachss-down-here\/"},"modified":"2022-06-15T13:24:47","modified_gmt":"2022-06-15T11:24:47","slug":"andrew-vachss-down-here","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/andrew-vachss-down-here\/","title":{"rendered":"Andrew Vachss: Down here"},"content":{"rendered":"\n<p>Andrew Vachss bezeichnet seine B\u00fccher als \u201eTrojanische Pferde\u201c und meint damit die Verwendung des Krimigenres als Medium, damit Menschen sich mit seiner Botschaft auseinander setzen. Der sexuelle Missbrauch von Kindern und sexuelle Gewalt im Allgemeinen sind seine ewig wiederkehrenden Themen. Hauptberuflich als Anwalt, arbeitet er nur f\u00fcr kindliche und jugendliche Klienten, die Opfer von sexueller oder h\u00e4uslicher Gewalt wurden. Lange bevor die \u00d6ffentlichkeit durch die Dutroux-Affaire sensibilisiert wurde, hatte er schon zahlreiche seiner B\u00fccher geschrieben, die mit ihrer Schonungslosigkeit auch Leser verst\u00f6rten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Krimis als Vehikel des Mitteilungsbed\u00fcrfnisses des Autoren sind popul\u00e4r; das Ergebnis aber h\u00e4ufig fragw\u00fcrdig, da der Wille der Autoren nicht immer dem schriftstellerischen Gestaltungsverm\u00f6gen entspricht. Auch im Werk von Andrew Vachss finden sich in der Vergangenheit B\u00fccher, die vor Botschaft nicht laufen k\u00f6nnen \u2013 \u201eFalse Allegations\u201c ist ein Beispiel. Aber Andrew Vachss hat auch gezeigt, dass er sprachlich und vom Aufbau seiner B\u00fccher her, zu den Besten geh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich-Erz\u00e4hler in den meisten seiner B\u00fccher ist Burke. Ein \u201eOutlaw\u201c, nie dem Gesetz oder den gesellschaftlichen Regeln verpflichtet, sondern immer nur seinen eigenen moralischen Anspr\u00fcchen und seiner \u201eFamilie\u201c, einer Clique von Vertrauten, die alle am Rande oder jenseits der Grenzen der konventionellen Gesellschaft stehen. Von Klienten beauftragt, sp\u00fcrt er Perverse, Kindersch\u00e4nder und Vergewaltiger aus den dunkelsten L\u00f6chern New Yorks auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Im 2004 erschienenen Buch \u201eDown here\u201c ist Burke sein eigener Auftraggeber: <em>\u201eMy love for Wolfe was a dead star. Lightless, invisible in the night sky. But always, always there.<\/em>\u201d Wolfe, eine \u201eWeggef\u00e4hrtin\u201c seit viele Jahren, wie Burke eine J\u00e4gerin, aber auf der Seite des Rechts, ist verhaftet worden. Sie soll einen Vergewaltiger, den sie einstmals ins Gef\u00e4ngnis gebracht hatte, niedergeschossen haben. Nicht nur, dass die Tat mit der Arbeitsweise Wolfes nicht zu vereinbaren ist, seltsam ist auch, dass das Opfer danach mit Hilfe der Polizei untertaucht. Burke organisiert alles: Jemanden, der f\u00fcr die Kaution b\u00fcrgt, einen Anwalt, der Wolfe aus der Untersuchungshaft loseist, und er macht sich auf die Suche nach dem Opfer und den Verbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDown to the earth\u201c, detektivische Schnitzeljagd, wenig raisonnieren \u00fcber das Thema \u201efalsche Verd\u00e4chtigungen\u201c: Dieses Buch ist viel konventioneller, weniger theorielastig als viele andere Burke-B\u00fccher. Es h\u00e4lt sich mit der Darstellung der Abgr\u00fcnde von Stadt und Menschen zur\u00fcck. Allein, die Menschen die Burke trifft &#8230; Zerst\u00f6rte, Verlorene, denen gibt Vachss eine Aura &#8230; hier hat das Buch eine direkt kristalline Qualit\u00e4t. Hier offenbart der Autor, dass er nichts von seinem K\u00f6nnen eingeb\u00fcsst hat. Gest\u00fctzt wird das durch eine Sprache von so einer klaren kalten Sch\u00f6nheit, als w\u00e4re die gl\u00e4nzende Stahlskelettkonstruktion eines Wolkenkratzers von einem Pr\u00e4zisionslaser zugeschnitten worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Andrew Vachss wandelt nat\u00fcrlich auf einem schmalen Grad. Er kann Burke immer wieder durch den perversen Schlamm waten zu lassen &#8211; das mag als literarische Katharsis taugen, f\u00fchrt aber in die literarische Sackgasse. Er kann aber auch die wissenschaftliche und metaphysische Dimension des Themas bearbeiten und damit viele Leser \u00fcberfordern. \u201eDown here\u201c demonstriert sein au\u00dfergew\u00f6hnliches Verm\u00f6gen als Schriftsteller. F\u00fcr Krimileser, die sich erstmals mit einem Buch von Andrew Vachss besch\u00e4ftigen m\u00f6chten, ist \u201eDown here\u201c sicher ein guter, da konventioneller Einstieg. Treue Leser von ihm werden bei diesem Buch die Schonungslosigkeit fr\u00fcherer Werke vermissen. Sie d\u00fcrfen sich jedoch auf ein Buch mit hoher sprachlicher Qualit\u00e4t freuen. H\u00e4lt man sich das Ende des Buches vor Augen, zeichnet sich wom\u00f6glich ab, dass dieser erstklassige Autor seinen monomanischen Weg verl\u00e4sst und wir ein weitergespanntes Werk erwarten d\u00fcrfen. Das 2003 erschiene \u201eThe Getawayman\u201c und das k\u00fcrzlich erschiene \u201eTwo trains running\u201c scheinen so etwas anzudeuten \u2013 mehr zum zweiten Buch in \u201ewatching the detectives\u201c, wenn die amerikanische Taschenbuchversion erschienen ist.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Andrew Vachss: Down here. <br \/>Vintage Crime 2005 (Taschenbuchausgabe). 12,50 \u20ac <br \/>(noch nicht auf Deutsch erschienen)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrew Vachss bezeichnet seine B\u00fccher als \u201eTrojanische Pferde\u201c und meint damit die Verwendung des Krimigenres als Medium, damit Menschen sich mit seiner Botschaft auseinander setzen. 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