{"id":16266,"date":"2005-12-06T08:43:42","date_gmt":"2005-12-06T08:43:42","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/ein-lexikon-ein-aergernis\/"},"modified":"2022-06-07T00:47:55","modified_gmt":"2022-06-06T22:47:55","slug":"ein-lexikon-ein-aergernis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/ein-lexikon-ein-aergernis\/","title":{"rendered":"Ein Lexikon, ein \u00c4rgernis"},"content":{"rendered":"\n<p>Geschenkt: Der Autor ist Einzelt\u00e4ter, Idealist, manchmal etwas zu salopp in seiner Sprache, ein Lektorat sprengt das Budget. Das Werk erscheint als &#8222;book on demand&#8220;, Risiko beim Autor, da dr\u00fcckt man wohlwollend ein Auge zu, vielleicht auch mehr, aber nicht beide, bitte. Ein Auge zugedr\u00fcckt haben dankenswerterweise \u2192<a href=\"http:\/\/www.alligatorpapiere.de\/krimi-reportzwanzigdrei.html\">Thomas Przybilka<\/a> und \u2192<a href=\"http:\/\/www.kaliber38.de\/auslese\/lexikon.htm\">Jan Christian Schmidt<\/a> bei ihren Besprechungen von Alex Fl\u00fcckigers &#8222;Lexikon der internationalen Krimiautoren&#8220;. Und eigentlich wollte ich beide zudr\u00fccken, also garnichts dazu sagen, Gr\u00fcnde siehe oben. Geht aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Denn allein der Gedanke, zuviel Wohlwollen mache dieses &#8222;Lexikon&#8220; zum Standardwerk, ist unertr\u00e4glich. Schon der Titel n\u00e4mlich ist irref\u00fchrend: &#8222;Lexikon der von keiner Sachkenntnis beleckten Meinungen Alex Fl\u00fcckigers zu internationalen Krimiautoren&#8220; w\u00e4re zwar nicht so elegant, tr\u00e4fe es aber genau. Was zu belegen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwa an Fl\u00fcckigers Eintrag zu Edgar Allan Poe. Poe? <em>&#8222;Frauengeschichten, finanzielle N\u00f6te, Alkohol- und Drogenexzesse&#8220;<\/em> &#8211; besser kann man sein Leben in der Tat nicht zusammenfassen. Dass der Mann nicht nur Pionier des Krimis, sondern einer der Kirchenv\u00e4ter der modernen Literatur ist, ein flei\u00dfiger Essayist, Kritiker, Zeitungsherausgeber &#8211; bei Fl\u00fcckiger erfahren wir dar\u00fcber nichts. Wie auch. Legen wir den Lexikoneintrag zu Grunde, hat Poe lediglich drei &#8222;Kriminalnovellen&#8220; geschrieben. Hat er nat\u00fcrlich nicht, schon gar keine Novellen, aber was solls. Dass diese Arbeiten ohne ihre Einbettung in den Kontext des Gesamtwerks kaum zu verstehen sind, ja, dass man damit die Chance verschenkt, den Kriminalroman in seiner historischen Entwicklung \u00fcberhaupt zu verstehen &#8211; Fl\u00fcckiger ist es wurscht. Daf\u00fcr l\u00f6st er en passant ein Problem, dem die Forschung seit 150 Jahren auf der Spur ist. Wie starb Poe? Fl\u00fcckiger wei\u00df es: <em>&#8222;Er starb 40-j\u00e4hrig an den Folgen einer Alkoholvergiftung.&#8220;<\/em> Oje. Und m\u00fcssen wir Poes Werk heute noch zur Kenntnis nehmen? <em>&#8222;Poe selber hielt nicht besonders viel von seinen Kriminalnovellen &#8211; zu Recht, wie wir meinen.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist er, der Meinungsmacher Fl\u00fcckiger, der immer, wenn er &#8222;wir&#8220; sagt, sich selber meint. Poe hielt \u00fcberhaupt nicht viel von seinen Werken, das Sp\u00e4twerk einmal ausgenommen, und das ist weder bei Schriftstellern un\u00fcblich (Kafka!) noch von irgendeiner Bedeutung. Dumm gelaufen f\u00fcr Poe, dass er nicht so &#8222;saftig&#8220; (ein Lieblingswort Fl\u00fcckigers) schreiben konnte wie Ian Rankin. Ex und hopp.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber D\u00fcrrenmatt, den liebt der Schweizer Fl\u00fcckiger nat\u00fcrlich. Sagt er uns auch, warum? N\u00f6. Mit keinem Wort. <em>&#8222;Einer der besten deutschsprachigen Sch\u00f6pfer von Spannungsliteratur aller Zeiten&#8220;<\/em> ist er, der Friedrich, das soll gen\u00fcgen. Im Weiteren erwarten uns l\u00e4ngere Inhaltsbeschreibungen der Krimis, wobei aus dem Protagonisten B\u00e4rl<em>a<\/em>ch durchg\u00e4ngig B\u00e4rl<em>o<\/em>ch wird, doch warum wir Fl\u00fcckigers Begeisterung nun teilen sollen &#8211; das verr\u00e4t er uns nicht. Daf\u00fcr aber etwas, wor\u00fcber Autoren, Kritiker und Leser gr\u00fcbeln, seit es Krimi gibt: <em>&#8222;Weshalb konnte D\u00fcrrenmatt dermassen brillante Spannungsliteratur schreiben?&#8220; <\/em>Wir sind gespannt. <em>&#8222;Die Antwort ist einfach:&#8220; <\/em>Wir haben es bef\u00fcrchtet. <em>&#8222;Er war ein exzellenter Schriftsteller, er hatte, wie er selber sagte, Spass Krimis und er wusste genau, was er schreiben wollte.&#8220; <\/em>So, jetzt wissen wirs. Schwei\u00df abwischen, weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch der Liebling entkommt seinem Fl\u00fcckiger nicht. <em>&#8222;Ewig schade, dass er so viel Zeit mit Theater und Malerei vert\u00e4ndelt hat.&#8220;<\/em> &#8211; Sch\u00e4m dich, Friedrich!<\/p>\n\n\n\n<p>Das mag ja alles noch zum Schmunzeln oder Staunen oder sich \u00c4rgern sein. Jetzt aber wird es f\u00fcrchterlich. Auftritt James Ellroy. Der gilt, wie man wei\u00df <em>&#8222;als Kultautor &#8211; und wir wissen nicht so recht warum.&#8220; <\/em>Aber eine Meinung hat er dann doch:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Denn nicht ein einziger der geschmacklosen, frauenfeindlichen, offen rassistischen, absolut humorfreien, von eindimensionalen (gewaltt\u00e4tigen, zynischen und\/oder korrupten) Gestalten bev\u00f6lkerten Romane des Grossmauls &#8218;Wenn ich religi\u00f6s bzw. musikalisch w\u00e4re, dann w\u00e4re ich Gott bzw. Beethoven&#8216; James Ellroy kann auch nur den niedrigsten literarischen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Da bleibt einem die Spucke weg und ein Verdacht, den man leise in der Brust hegte, wird nun bittere Gewissheit: Fl\u00fcckiger hat nicht den blassesten Schimmer von dem, was er da tut. Er redet von &#8222;literarischen Anspr\u00fcchen&#8220; und wei\u00df nicht, was Literatur ist. Er wei\u00df nicht zwischen dem Werk und der Wirklichkeit, dem Autor und seinem Personal zu unterscheiden, ja, er hat das, was er da niedermacht, wahrscheinlich nicht einmal gelesen, und hat er es gelesen, wird das, was er dar\u00fcber schreibt, noch unverst\u00e4ndlicher. Hier, mein Lieber, h\u00f6rt das Wohlwollen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Belehren, denunzieren, Belege schuldig bleiben &#8211; das ist das durchg\u00e4ngige Charakteristikum dieses &#8222;Lexikons&#8220;. Da schreibt Charles Todd <em>&#8222;mit \u00fcbersinnlichem Kram garnierte Prosa&#8220;<\/em> &#8211; v\u00f6lliger Unsinn. Bernhard Schlinks Spezialit\u00e4t ist <em>&#8222;Nazi-Vergangenheits-Ged\u00f6nse&#8220;<\/em> &#8211; damit wird zugleich alles denunziert, was mit Mitteln des Krimis Kl\u00e4rung verschaffen will. Ach, man k\u00f6nnte seitenlang weitermachen, aber es ist genug. Hier ist einer gescheitert. An seiner Aufgabe, an seiner Disziplin als Lexikonschreiber, an seiner Unkenntnis der Materie. Nichts gegen Meinungen. Ein Lexikon, das die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der Kriminalliteratur mit einbez\u00f6ge, bleibt ein Desiderat. Es zu realisieren, br\u00e4uchte man ein komplettes Redaktionsteam, viel Zeit, viel Idealismus, ein bisschen Geld. Darauf k\u00f6nnen wir noch lange warten. Aber ohne Alex Fl\u00fcckigers Lexikon, bitte.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschenkt: Der Autor ist Einzelt\u00e4ter, Idealist, manchmal etwas zu salopp in seiner Sprache, ein Lektorat sprengt das Budget. Das Werk erscheint als &#8222;book on demand&#8220;, Risiko beim Autor, da dr\u00fcckt man wohlwollend ein Auge zu, vielleicht auch mehr, aber nicht beide, bitte. 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