{"id":16271,"date":"2005-12-07T08:02:44","date_gmt":"2005-12-07T08:02:44","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/eine-leseprobe\/"},"modified":"2022-06-15T21:42:51","modified_gmt":"2022-06-15T19:42:51","slug":"eine-leseprobe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/eine-leseprobe\/","title":{"rendered":"Eine Leseprobe"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/jahrbuch_cover_werk.jpg\" alt=\"jahrbuch_cover_werk.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>&#8222;Worin, lieber dpr, sitzen Sie denn gerade, wenn Sie nicht auf v\u00f6llig unqualifizierte Weise den Opitz b\u00fccherm\u00f6rdern?&#8220; Diese Frage lese ich des \u00f6fteren, zum Beispiel jetzt, wenn ich lese, was ich gerade geschrieben habe. Nun, das Jahrbuch halt. Als Herausgeber hat man eben nicht nur einen Schreibtischjob, nein, man trommelt seine Mannen und Frauen zusammen, um das Letzte an Meinungs\u00e4u\u00dferung aus ihnen herauszuquetschen. So wie gestern beim Kritikerstammtisch. Ein teures Vergn\u00fcgen (selbstverst\u00e4ndlich habe ich &#8222;alles bezahlt&#8220;), aber hat sich gelohnt. Und das schreibe ich jetzt auf. Kleine Textprobe gef\u00e4llig?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Kritikerstammtisch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Um derer zu gedenken, die nicht in einer ausf\u00fchrlichen Rezension gew\u00fcrdigt werden konnten, es aber (aus welchen Gr\u00fcnden auch immer) verdient h\u00e4tten, hat der Herausgeber (im Folgenden: der Vorsitzende) ganz Krimikritikerdeutschland zu einem gem\u00fctlichen Kritikerstammtisch geladen. Ort: ein virtuelles Lokal irgendwo in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Runde buckelt m\u00fcde \u00fcber kleinen Bieren und Mineralwassern, doch das widerwillig hingemurmelte \u201eVerzehr geht selbstverst\u00e4ndlich auf meine Rechnung&#8230;\u201c des Vorsitzenden sorgt unvermittelt f\u00fcr gehobene Stimmung. \u201eNun\u201c, beginnt der edle Spender, \u201estarten wir unser geselliges Beisammensein doch vielleicht mit Rainer C. Koppitz und seinem Wirtschaftsthriller \u201aMachtrausch\u2019.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kopfnicken und \u2013sch\u00fctteln, bis Tobias Gohlis seinen Augenblick der Speisekarte entzieht und der gespannten Runde zuwendet. <em>\u201eEs handelt sich um einen dieser Krimis, die man nicht wegen ihrer eleganten Sprache liest, sondern weil der Stoff spannend ist.\u201c<\/em> Ulrich Noller nickt bed\u00e4chtig, wenngleich mit einem im Mienenspiel angedeuteten Kontra in der Hinterhand: <em>\u201eWie Rainer C. Koppitz die \u00f6konomischen Wertwettk\u00e4mpfe der letzten Jahre in einem einzigen, fiktiven Unternehmen spiegelt und wie er die Psychogramme der Matadoren zeichnet, das w\u00fcrde beim Lesen nicht nur Herrn M\u00fcntefering erfreuen.\u201c <\/em><em>\u201eRainer C. Koppitz wei\u00df, wovon er spricht\u201c<\/em>, wei\u00df Andrea Fischer, der aber der M\u00fcntefering gar nicht gefallen hat, <em>\u201eer arbeitet selber seit Jahren im Management von gro\u00dfen Firmen. Und kann doch einen Kriminalroman schreiben \u2013 womit er unser Vorurteil widerlegt, dass da oben nur Rechenmaschinen sitzen.\u201c <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Noller, der sein Kontra noch immer als finalen Pfeil im K\u00f6cher h\u00e4lt, schaut, die Kollegin fixierend, vom Bier auf: <em>\u201eRainer C. Koppitz wei\u00df zwar einen Suspense zu setzen;\u201c <\/em> (beim \u201ezwar\u201c zuckt Andrea Fischer empfindlich zusammen), <em>\u201eund er hat ein H\u00e4ndchen f\u00fcr Figurenzeichnung. Sprachlich kommt seine Prosa aber \u00fcber die Dynamik einer Aufsichtsratsvorlage selten hinaus. Und &#8211; was das Schlimmste ist &#8211; er erz\u00e4hlt derart geschw\u00e4tzig, selbstbesoffen und geschm\u00e4cklerisch, dass es auf Dauer kaum zu ertragen ist. Da hat sich einer ganz offensichtlich in eine Art literarischen Blutrausch geschrieben. Tja, wenn so die Guten sind, die&#8217;s in unserer Wirtschaft richten sollen &#8211; dann gute Nacht, Deutschland \u2026\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gespannte Stille. Hui, das war kontrovers! Der Vorsitzende, kein Freund von Handgreiflichkeiten, hat sich vorsichtshalber die Bibel eingesteckt, um brisante Situationen durch das Vorlesen erbaulicher Stellen zu entsch\u00e4rfen. Er wird zu sp\u00e4t merken, dass er leider das Alte Testament gegriffen hat. \u201eSch\u00f6n, sch\u00f6n&#8230;\u201c, murmelt er, \u201esehr interessant, doch, doch. Hat vielleicht der Kollege W\u00f6rtche noch etwas&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00f6rtche, der \u2013 nat\u00fcrlich! \u2013 das teuerste und blutigste Gericht des Hauses gen\u00fcsslich zerlegt, antwortet kurz, klar, klipp und kauend: <em>\u201eKompetente Wirtschaftsthriller braucht das Land. \u201aMachtrausch\u2019 ist einer.\u201c <\/em>Und gabelt ein H\u00e4uflein wei\u00dfer Tr\u00fcffeln schneller als es das kompetenteste Tr\u00fcffelschwein je w\u00fcrde finden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die kursiv gesetzten Passagen stammen aus folgenden Rezensionen:<br \/>(Rainer C. Koppitz: Machtrausch. Gmeiner 2005):Tobias Gohlis, Die Welt, 27.8.05; Ulrich Noller, Deutsche Welle; Andrea Fischer, Tagesspiegel, 10.7.05; Thomas W\u00f6rtche (am Stammtisch gesprochen)<\/em><br \/>(Ende der Leseprobe)<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht schon: Das wurde ein famos lustiger Abend, mit einigen kleinen \u00dcberraschungen noch, aber die erf\u00e4hrt nur der K\u00e4ufer des Krimijahrbuchs 2006 (vorbestellen? \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/11\/sprung-ins-kalte-wasser.php\">Hier<\/a> nat\u00fcrlich.). In dem es, auch das sei nicht vergessen, nicht immer so schnurrig zugeht. Hier musste es sein, da meine urspr\u00fcngliche Absicht, die Zitate alleine sprechen zu lassen, keine F\u00fcrsprecher beim \u2192<a href=\"http:\/\/user.cs.tu-berlin.de\/~uzadow\/recht\/urheber.html\">Gesetzgeber<\/a> gefunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Desweiteren d\u00fcrfen Zitate nur in selbst\u00e4ndige Werke aufgenommen werden. Das verwendete Zitat darf folglich nicht Hauptgegenstand des Werkes sein. Vielmehr mu\u00df das neue Werk unabh\u00e4ngig von aufgenommenen Zitaten inhaltlichen Bestand haben. Eine reine Zitatensammlung ist jedoch kein selbst\u00e4ndiges Werk.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das sind Fu\u00dffallen, denen ein Herausgeber zu entgehen hat, will er nicht verkatert aufwachen. So wie heute morgen. Nach dem Kritikerstammtisch. Mensch, k\u00f6nnen die saufen, die Rezensenten!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Worin, lieber dpr, sitzen Sie denn gerade, wenn Sie nicht auf v\u00f6llig unqualifizierte Weise den Opitz b\u00fccherm\u00f6rdern?&#8220; Diese Frage lese ich des \u00f6fteren, zum Beispiel jetzt, wenn ich lese, was ich gerade geschrieben habe. Nun, das Jahrbuch halt. 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