{"id":16279,"date":"2005-12-12T07:48:24","date_gmt":"2005-12-12T07:48:24","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/detlef-opitz-der-buechermoerder\/"},"modified":"2022-06-05T23:48:26","modified_gmt":"2022-06-05T21:48:26","slug":"detlef-opitz-der-buechermoerder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/detlef-opitz-der-buechermoerder\/","title":{"rendered":"Detlef Opitz: Der B\u00fccherm\u00f6rder"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Liebe Leute, tut euch bitte diese Rezension nicht an. Und wenn ihr die Warnung schon in den Wind schlagt: Lest auf eigene Gefahr. Meint der es ernst? Will er uns ver\u00e4ppeln? Ja, wenn ich das w\u00fcsste!<\/em><br \/><em>\u201enieder mit ihnen! ihm! aus!\u201c<\/em> \u2013 So beginnt, nach 354 Seiten, Detlef Opitz\u2019 Roman \u201eDer B\u00fccherm\u00f6rder\u201c.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das glaubt wieder einmal kein Mensch. Der Autor pfeift mich an: <em>\u201eDoch es deucht uns keine gute Art zu sein, den Gaul von hinten aufzuz\u00e4umen; ein Toast auf die gepflegte Chronologie!\u201c <\/em>(270)<\/p>\n\n\n\n<p>Schon recht, Meister. Damit k\u00f6nnen Sie meinetwegen das Feuilleton in Schach halten; das h\u00f6rt nicht einmal die Beatles r\u00fcckw\u00e4rts, um endlich zu erfahren, dass Paul McCartney l\u00e4ngst tot ist, und B\u00fccher von hinten, das gilt schon gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Also: Springen wir flugs aus dem \u201eB\u00fccherm\u00f6rder\u201c heraus und kurz in ein anderes merkw\u00fcrdiges Dichten hinein. Edgar Allan Poe.<\/p>\n\n\n\n<p>Der den Krimi erfunden hat. Jedenfalls den, der so geht: Etwas Schreckliches ist passiert und keiner kann es sich erkl\u00e4ren. Dann kommt einer und erkl\u00e4rt es doch dank der ihm eigenen logischen Kraft, und nat\u00fcrlich steht gen\u00fcgend Gaffervolk zum Staunen und Lobpreisen dieser Kraft um ihm herum, den Meister. Mei, was da abgeleitet wird! Und vom Einzelnen aufs Allgemeine geschlossen! Deduktion, Induktion. So. Und jetzt drehen wir das mal um.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwa so: Jemand erkl\u00e4rt uns schl\u00fcssig, wie oder was oder wer jemand ist. Alles nachgewiesenerma\u00dfen. Und jetzt gehen wir einfach zur\u00fcck, bis wir den Punkt des Mysteriums erreicht haben, dorthin also, wo Ars\u00e8ne Dupin etwa die schrecklichen Morde in der Rue Morgue aufkl\u00e4ren soll. Die Frage ist doch: Wo landen wir da? Am Anfang, von dem aus wir das Ende wieder ohne Umwege erreichen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Poe selbst hat das \u00fcbrigens praktiziert, in zwei grandiosen Prosatexten, \u201eArthur Gordon Pym\u201c und \u201eDas Tagebuch des Julius Rodman\u201c, das war vor den Krimis, aber die begreift man nur, wenn man wei\u00df, dass sie eigentlich nur \u201ePym\u201c und \u201eRodman\u201c andersrum sind. Vom Mysterium zur Erkenntnis, nicht mehr von der Erkenntnis zum Mysterium. Das erste nennt man Rationalit\u00e4t, das zweite Psycho-Analyse (nicht \u201ePsychoanalyse\u201c, das ist eine Trademark der Freud-Schule und quasi eine Unterabteilung der Psycho-Analyse).<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt der Sprung zur\u00fcck zu Opitz. Opitz von vorne nach hinten gelesen, das ist \u201eKrimi\u201c, also vom Mysterium zur Erkenntnis. Keine Geheimnisse mehr. Wenn wir am Anfang nur wenig \u00fcber Tinius, den B\u00fccherm\u00f6rder, wussten, dann wissen wir am Ende gar nichts \u00fcber ihn, also war das Wenige das Mysteri\u00f6se und die Erkenntnis lautet: Tinius ist nicht mehr vorhanden. Er ist leergerichtet, leergedichtet worden, kein Geheimnis mehr.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eEs hei\u00dft, Georg Tinius traf mit einem schweren Koffer voller Schriften in Grabendorf ein. Manche glauben, er trug sein Lebenswerk mit sich herum, sein gro\u00dfes orientalisches Opus, das hier Vollendung finden sollte, andere meinen, es waren die Prozessakten und der Magister strebte eine Revision seines Verfahrens an.\u201c<\/em> (343)<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist es, was von Tinius geblieben ist: die Aktenlage: das Buch: der Mythos. Das Leben ist ihm ausgetrieben worden, von der Justiz, aber hier, im Buch, eben von Opitz, der Kunstst\u00fcckchen macht wie ein Winkeladvokat vor den Geschworenen, die seine Leser und Rezensenten sind. Billige Sprachtricks, das geh\u00f6rt zur Strategie, damit kann man ihnen immer kommen, da sperren sie die M\u00e4uler auf, die funktionalen Analphabeten. Aufgeblasene Syntaxereien, m\u00fcde Witzeleien, gar \u201eMehrspaltiges\u201c, oh, da denken wir aber gleich an \u201edrei oder vier oder f\u00fcnf Ebenen\u201c und werden still wie die armen S\u00fcnder, wenn der Pfarrer predigt. Clou aber: Das muss vern\u00fcnftig enden. Das ist ja alles eigentlich Unsinn, so wie die meisten Krimihandlungen vom logischen Standpunkt her Unsinn sind und also am Ende der Geschichte irgendwie stimmig gemacht werden m\u00fcssen. Opitz macht das, indem er seine Tricksereien einfach auslaufen l\u00e4sst in eine justitiable Sprache, vollt\u00f6nendes 19. Jahrhundert mit disziplinierten Exkursen in die Neuzeit. Das \u00fcberzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt r\u00fcckw\u00e4rts, also Psycho-Analyse, also \u201ePym\u201c und \u201eRodman\u201c. Der Autor schreitet mit dem, den er da leergeschrieben hat, die Dinge noch einmal ab \u2013 gegen die chronologische Laufrichtung, wohlgemerkt! \u2013 und pl\u00f6tzlich ist nichts mehr mit der Kraft des Faktischen. Die zerstiebt wie die wohlgesetzte Sprache, alles l\u00f6st sich auf in Willk\u00fcr, Sprachsalat und Witzchen, aber es ist ein Unterschied, ob einer aus Sprachsalat und Witzchen sein Pl\u00e4doyer bosselt oder ob das Pl\u00e4doyer in Sprachsalat und Witzchen zerf\u00e4llt. Aber so kommt es.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende, das hei\u00dft am Anfang, steht er da, der Tinius, von dem wir scheinbar alles wussten, das hei\u00dft gar nichts, und jetzt wenig, das hei\u00dft alles: Er ist ein Mysterium. So wie Arthur Gordon Pym auf der geheimnisvollen Insel Tsalal in einem dichten Gest\u00f6ber mysteri\u00f6ser wei\u00dfer Flocken. Und das Buch ist zu Ende. Oder f\u00e4ngt von vorne an.<\/p>\n\n\n\n<p>N\u00e4mlich das ist es: Die Erkenntnis ist das Ergebnis windiger psychologischer Strategien, und die Psycho-Analyse endet im Mysteri\u00f6sen, aus dem kein Weg zur Erkenntnis f\u00fchrt. Aber das ist die Wahrheit, und die kennen wir jetzt. Also lesen Sie mal den \u201eB\u00fccherm\u00f6rder\u201c r\u00fcckw\u00e4rts. Und dann lesen Sie Poe und dann noch mal den \u201eB\u00fccherm\u00f6rder\u201c Oder andersrum.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Detlef Opitz: Der B\u00fccherm\u00f6rder. <br \/>Eichborn 2005. 354 Seiten, 24,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Leute, tut euch bitte diese Rezension nicht an. Und wenn ihr die Warnung schon in den Wind schlagt: Lest auf eigene Gefahr. Meint der es ernst? Will er uns ver\u00e4ppeln? Ja, wenn ich das w\u00fcsste!\u201enieder mit ihnen! ihm! aus!\u201c \u2013 So beginnt, nach 354 Seiten, Detlef Opitz\u2019 Roman \u201eDer B\u00fccherm\u00f6rder\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-16279","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16279","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16279"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16279\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16279"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16279"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16279"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}