{"id":16288,"date":"2005-12-15T07:46:54","date_gmt":"2005-12-15T07:46:54","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/andrew-taylor-der-schlaf-der-toten\/"},"modified":"2022-06-15T21:04:31","modified_gmt":"2022-06-15T19:04:31","slug":"andrew-taylor-der-schlaf-der-toten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/andrew-taylor-der-schlaf-der-toten\/","title":{"rendered":"Andrew Taylor: Der Schlaf der Toten"},"content":{"rendered":"\n<p>Doch, mir hat Andrew Taylors Roman \u201eDer Schlaf der Toten\u201c auch gefallen. Vorzugsweise im Lehnsessel zu schm\u00f6kern, drau\u00dfen schneit es, drinnen prasselt das Ferngas romantisch im Heizk\u00f6rper, und wenns schaurig wird, dimmt man die Beleuchtung auf Zwielicht. Was also inhaltliche Wiedergabe und summarische Bewertung angehen: siehe die \u2192<a href=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=334\">Rezension<\/a> des Kollegen Menke. Willkommene Gelegenheit, zwei spezielle Punkte n\u00e4her zu beleuchten. Einen, der bei Ludger keine Erw\u00e4hnung findet, einen anderen, in dem ich ihm \u2013 nicht widerspreche, aber ihn doch etwas erg\u00e4nzen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Taylor hat ein gef\u00e4hrliches Buch geschrieben. Gef\u00e4hrlich f\u00fcr den Autor, denn ob er will oder nicht, man wird ihn mit den gro\u00dfen Vorbildern vergleichen, mit Charles Dickens, Wilkie Collins, den Meistern des \u201eviktorianischen Romans\u201c also, obwohl die Handlung von \u201eDer Schlaf der Toten\u201c nicht, wie klappentexten behauptet, viktorianisch ist, sondern schon 1819\/1820 spielt, St\u00fccker 18 Jahre, bevor die rundliche K\u00f6nigin den Thron besteigt.<\/p>\n\n\n\n<p>571 Seiten lang also bewegt sich Taylor in der Tradition der Riesen. Das ist anachronistisch, aber legitim, s\u00fcffig geschriebene Historie verkauft sich immer, ein Terrain f\u00fcr Nostalgiker und Weltfl\u00fcchter, indes: nicht unvermint. Denn Dickens\u2019 Kunst etwa bestand nicht darin, m\u00f6glichst dicke Romane zu schreiben, sondern in der virtuosen Beherrschung des Erz\u00e4hltempos. Da wird \u201eentschleunigt\u201c, werden Zust\u00e4nde und Kulissen abgebildet, die pl\u00f6tzlich in Bewegung geraten, zu Ereignissen kulminieren, da ger\u00e4t man scheinbar auf Nebengeleise, verirrt sich im Nachvollzug seltsamer, weil l\u00e4ngst vergessener Alltagsdinge, aber all das hat Methode, ist nicht nur F\u00fcllsel, wie heutzutage leider zu oft, sondern Teil der Dramatik. Taylor, das muss man ihm lassen, hat die Erz\u00e4hltempi gut im Griff und wirkt hinsichtlich des Ablaufs der Ereignisse an keiner Stelle unglaubw\u00fcrdig.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Dickens und einige seiner Zeitgenossen waren auch begnadete Portr\u00e4tisten von Menschen und ihren Lebensumst\u00e4nden. Hier kann Taylor nicht mithalten, weil seine Informationen zwangsl\u00e4ufig solche aus zweiter Hand sind. Ein Manko s\u00e4mtlicher \u201ehistorischen Krimis\u201c, die im Nachhinein Atmosph\u00e4ren erschaffen wollen und dabei schon auf erschaffene Atmosph\u00e4ren zur\u00fcckgreifen m\u00fcssen. Wohl f\u00fchrt uns auch Taylor aus den Salons der guten Gesellschaft in die kloakigen Londoner Slums und wieder zur\u00fcck, ins l\u00e4ndliche Winteridyll gleicherma\u00dfen, an heimelige Kamine und in gruselige Eiskeller, macht uns mit allerlei K\u00e4uzen und bemitleidenswerten Gesch\u00f6pfen bekannt. Die bleiben aber \u2013 immer verglichen mit den literarischen Vorbildern &#8211; etwas zu grob gezeichnet und blass. Taylor, das sei hier betont, bew\u00e4ltigt die Herausforderungen befriedigend und fernab des Peinlichen, nicht zuletzt durch seine niemals aufgesetzt wirkende oder als holpriges Imitat angelegte Stilistik.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir nun zu jenem Edgar Allan, dem wir in Taylors Roman als einem zehnj\u00e4hrigen amerikanischen Jungen begegnen. Die Strategie des Autors ist klar: Er webt Faktisches in seinen fiktiven Teppich, die \u201eenglischen Jahre\u201c des gro\u00dfen Poe eben, wie der sie in der Erz\u00e4hlung \u2192<a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/poe\/wilson\/wilson.htm\">\u201eWilliam Wilson\u201c<\/a> hinsichtlich seiner schulischen Zeit im privaten Lehrinstitut des Reverend Barnsby andeutet. Auch das \u201eWilliam Wilson\u201c beherrschende Doppelg\u00e4nger-Motiv findet in \u201eDer Schlaf der Toten\u201c seine Verwendung, sogar gleich zweimal. Von kleineren Anspielungen wie auf &#8222;The Raven&#8220; oder das &#8222;Lebendig begraben&#8220;-Trauma abgesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber mit dem \u201eDoppelg\u00e4nger-Motiv\u201c w\u00e4ren wir auch schon beim springenden Punkt. Es geht Taylor keinesfalls darum, die Welt des Edgar Allan Poe zu analysieren. Er setzt vielmehr die Trivialisierung des OEuvres fort, indem f\u00fcr das \u201eAbgr\u00fcndige, Schaurige\u201c von Poes Erz\u00e4hlungen eine fiktive Begr\u00fcndung nachgeliefert wird. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, wenn man es als Teil einer durchaus originellen Unterhaltungsstrategie begreift. Gerade \u201eWilliam Wilson\u201c zeigt jedoch auch den Einfluss der deutschen Romantik und des Schauerromans auf Poes Werk und verweist dadurch auf die tiefere Bedeutung des Motivs. Es geht um Psychologie, um Analyse, um die Unvereinbarkeit von Physis und Psyche, Bewusstsein und Triebhaftigkeit. In Poes Umsetzung ein bedeutender Beitrag zur modernen Literatur und ihrer Sprache. Bei Taylor hingegen hei\u00dft \u201eDoppelg\u00e4nger\u201c genau das, was es in fast jedem Krimi dieser Art hei\u00dft: Es kommt zu schlichten Personenverwechslungen, aus denen sich Verwicklungen, Mutma\u00dfungen, Verd\u00e4chtigungen ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann Taylors Roman wirklich auch genie\u00dfen, wenn man der Poe-Geschichte keine oder nur periphere Bedeutung zugesteht. Vollends gelungen w\u00e4re die Lekt\u00fcre, f\u00fchlte man sich animiert, wieder einmal zu Collins oder Dickens zu greifen, des Letzteren \u201eBleakhouse\u201c sei hier ausdr\u00fccklich empfohlen. Dass auch Poe von Zeit zu Zeit zur Pflichtlekt\u00fcre des Krimifreundes geh\u00f6ren sollte, versteht sich von selbst.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Andrew Taylor: Der Schlaf der Toten. <br \/>Goldmann 2005. 571 Seiten, 12 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Doch, mir hat Andrew Taylors Roman \u201eDer Schlaf der Toten\u201c auch gefallen. 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