{"id":16289,"date":"2005-12-14T13:54:18","date_gmt":"2005-12-14T13:54:18","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/ergebnis-eines-dienstgangs\/"},"modified":"2022-06-16T22:35:33","modified_gmt":"2022-06-16T20:35:33","slug":"ergebnis-eines-dienstgangs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/ergebnis-eines-dienstgangs\/","title":{"rendered":"Ergebnis eines Dienstgangs"},"content":{"rendered":"\n<p>Wie hier vor Wochenfrist angek\u00fcndigt, habe ich in den letzten Tagen eine zwar nicht repr\u00e4sentative, so doch vage wissenschaftlich angedachte Inspektion hiesigen, d.i. Saarbr\u00fccker Handels mit Kriminalromanen durchgef\u00fchrt, partiell begleitet von Chef Walter, der sich bei dieser Gelegenheit nicht z\u00fcgeln konnte, \u00fcber die noch elendere Situation der Science Fiction Literatur zu lamentieren.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Drei Buchhandlungen \u2013 drei Typen: die Filiale einer gro\u00dfen Buchhandelskette, viel Ware auf drei Etagen, Kundengedr\u00e4nge, als st\u00fcnde Weihnachten vor der T\u00fcr und Deutschland w\u00e4re \u00fcber Nacht alphabetisiert worden und h\u00e4tte Nachholbedarf. Sodann die b\u00fcrgerliche Normbuchhandlung: Familienbesitz und Tradition, auch drei Etagen, aber deutlich kleiner als die Filiale des Branchenriesen. Dezenter Publikumsverkehr. Und, last but not least: der selbstverwaltete Buchladen, alles Parterre, davon zwei Regale mit Krimis. Als ich dort eintreffe, ist gerade mal eine Kundin im Laden, die diesen zwei Minuten sp\u00e4ter ohne (legalen) Bucherwerb verl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die allgemeine Lage: Beim Betreten der Filiale der Kette und Ansteuern des Krimisegments, welches aus \u00fcberfrachteten Novit\u00e4tentischen und einigen stattlichen Regalmetern, etwa acht, besteht, pl\u00f6tzliche Versetzung in eine scheinbar nordische Buchhandlung, denn: Ick seh nur Skandinavier. Mankell, Holt, vieles, was auf \u2013str\u00f6m und \u2013son endet. Da wir uns bevorzugt dem Vorhandensein des Deutschkrimitums widmen wollen, wurde im Vorfeld folgende Versuchsreihe ausget\u00fcftelt: Finde die neuesten Werke von Elisabeth Herrmann und Astrid Paprotta, immerhin j\u00fcngst Spitzenreiterinnen der KrimiWelt-Bestenliste, der wir, nota bene, \u00fcbrigens weder hier noch da noch dort ansichtig wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Herrmann: Fehlanzeige. Paprotta: \u201eDie H\u00f6hle der L\u00f6win\u201c ist vorhanden, ja, die drei Vorg\u00e4ngerromane stehen eintr\u00e4chtig daneben und warten auf Klientele. \u00dcberhaupt: Alles, was aktuell ist, kann man hier k\u00e4uflich erwerben. Voraussetzung: muss in einem der gr\u00f6\u00dferen und bekannten H\u00e4user erschienen sein. Random House rules, ob deutsch oder nichtdeutsch, das ist hier nicht die Frage oder, wie j\u00fcngst anderweitig gelassen ausgesprochen: keine Apartheid, jedenfalls keine strikte. Andreas Franz liegt gleich mit gesch\u00e4tzten 143 Neu- und Alttiteln rum, wir tendieren einen Moment dazu, Ludger Menke \u201eDas Syndikat der Spinne\u201c als Weihnachtsgeschenk zu verehren, halten das aber dann doch f\u00fcr keine sehr gute Idee. Seghers Braut liegt nicht im Schnee, sondern bedrohlich vervielf\u00e4ltigt babelt\u00fcrmig neben Frau Link. Sollte dieser Turm umfallen, sehen wir auch f\u00fcr die Schafskrimi-Twin-Towers schwarz.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist Chef Walter, fanatischer SF-Leser und Dick-Fan, heulend vor der \u201eFantasy- und Science Fiction\u201c-Abteilung zusammengebrochen. Mindestens 35 Zentimeter Philip K. Dick! Dass er das noch erleben darf! SF kommt wieder!, murmelt er und ist im Weiteren auf dieser Dienstreise nicht mehr zu gebrauchen, so dass diese ohne Begleitung des Vorgesetzten fortgesetzt werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in die b\u00fcrgerliche Buchhandlung f\u00fchrt. Zwei Regale voll Krimis, davor vereinzelt \u201eNovit\u00e4ten\u201c zwischen Weihnachtsdeko. Keine Herrmann, keine Paprotta, daf\u00fcr \u201eLeichensache\u201c von Norbert Horst, vom neueren \u201eTodesmuster\u201c keine Spur. \u00dcberhaupt: Hier gilt, was f\u00fcr die Filiale gilt, nur viel bescheidener: Halbwegs gro\u00df musst du sein, Verlag, um hier im Regal zu landen. Deutsches eindeutig in der Minderheit, nur Frau Dorn und Frau Swan fallen, wie schon auf der ersten Station, unangenehm durch geballte oder sagen wir lieber: gestapelte Pr\u00e4senz auf, was mich f\u00fcr einen Moment zu der These animiert, das Wort Hochstapelei stamme aus dem Buchgewerbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt, als letzte Station, der linke Buchladen, wo die durch Selbstausbeutung arg verlebt aussehenden H\u00e4ndlerinnen und H\u00e4ndler in Katalogen bl\u00e4ttern, w\u00e4hrend man selbst a) Frau Herrmann findet und b) Frau Paprotta nicht. Wird wohl ausverkauft sein. Daf\u00fcr, endlich: Hier bin ich Klein- oder Kleinmittelverlag, hier darf ichs sein. Distel, Edition Nautilus, Rotbuch, Maas, um nur die vier zu nennen, die mir sogleich ins Auge fallen. Man bekommt Lehmann, Brack etc, die zwar zahlenm\u00e4\u00dfig in der Minderheit sind, aber hier bewahrheitet sich wieder einmal das alte Sprichwort: Was du bei den Gro\u00dfen nicht findest, das haben die Kleinen, kauf es, bevor sie pleite sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Resultat: not surprising. Deutschkrimi wird nicht unterdr\u00fcckt, nur gibt es mehr ausl\u00e4ndische Bestseller als inl\u00e4ndische, so dass optische T\u00e4uschung hier eine DisKrimiNierung vorgaukeln mag. Und zweitens: Wer gro\u00df ist, kommt auch gro\u00df raus. Nur nicht bei der Tante Emma Buchhandlung ums Eck.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie hier vor Wochenfrist angek\u00fcndigt, habe ich in den letzten Tagen eine zwar nicht repr\u00e4sentative, so doch vage wissenschaftlich angedachte Inspektion hiesigen, d.i. 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