{"id":16301,"date":"2005-12-21T08:12:07","date_gmt":"2005-12-21T08:12:07","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/die-braut-im-worthuelsenbett\/"},"modified":"2022-06-06T16:12:49","modified_gmt":"2022-06-06T14:12:49","slug":"die-braut-im-worthuelsenbett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/die-braut-im-worthuelsenbett\/","title":{"rendered":"Die Braut im Worth\u00fclsenbett"},"content":{"rendered":"\n<p>Die ersten Seiten eines Buches sind seine Visitenkarte. Kaum ein Autor, dem dies nicht bewusst w\u00e4re, der nicht daran feilte, bis er \u00fcberzeugt ist, damit jeden Leser ohne Verz\u00f6gerung in die Geschichte zu ziehen, ihn an sie zu fesseln, bis ihn die letzte Seite wieder ausspuckt. Man sieht den ersten Seiten eines Buches in der Regel nicht an, ob ihr Verfasser ein guter, gar ein gro\u00dfer Schriftsteller ist. Ist er aber ein schlechter oder allenfalls mittelm\u00e4\u00dfiger, verraten ihn die ersten Seiten seines Werkes unfehlbar.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Womit wir bei Jan Seghers und seinem Kriminalroman \u201eDie Braut im Schnee\u201c w\u00e4ren. Seghers, der eigentlich Matthias Altenburg hei\u00dft und als solcher nach \u2192<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/data\/2005\/12\/03\/811752.html\">eigenem Bekunden<\/a> \u201eKunst-Literatur\u201c verfasst:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eIch unterscheide grunds\u00e4tzlich zwischen dem Kriminalroman, also dem Schreiben in einem Genre, und Kunst. F\u00fcr mich ist das Schreiben eines Kriminalromans ein kunstvolles Handwerk. Nat\u00fcrlich kann ein Kriminalroman kunstvolle, k\u00fcnstlerische Elemente haben. Aber da ich auch die andere Seite kenne, wei\u00df ich, da\u00df ich f\u00fcr 500 Seiten Kunst etwa zehnmal so lange brauche wie f\u00fcr 500 Seiten Krimi. Man konzentriert sich viel st\u00e4rker auf den Inhalt und auf die Handlung als auf das Sprachlich-Formale. Die \u00dcberg\u00e4nge sind flie\u00dfend. Der Krimi hat die gesamten Versatzst\u00fccke der Moderne \u00fcbernommen &#8211; den schnellen Schnitt, den Perspektivwechsel, den inneren Monolog.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Einiges an dieser Aussage ist unzweifelhaft korrekt, vor allem der letzte Satz mit den Versatzst\u00fccken der Moderne, wobei man vielleicht noch hinzuf\u00fcgen k\u00f6nnte, dass die Befruchtung durchaus auch in die andere Richtung gewirkt hat. Und nat\u00fcrlich kann man das Schreiben eines Kriminalromans \u201ekunstvolles Handwerk\u201c nennen, kann f\u00fcr \u201e500 Seiten Kunst etwa zehnmal so lange\u201c veranschlagen wie f\u00fcr 500 Seiten Krimi. Interessieren soll uns hier nur der Satz: \u201eMan konzentriert sich viel st\u00e4rker auf den Inhalt und auf die Handlung als auf das Sprachlich-Formale\u201c. Auch an diesem Satz ist zun\u00e4chst nicht viel auszusetzen, zumal dann nicht, wenn man die Krimiproduktion eines auf das Sprachlich-Formale fixierten Blickes w\u00fcrdigt und erkennen muss, dass hier tats\u00e4chlich nur bei wenigen AutorInnen von befriedigender Umsetzung die Rede sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits: Bisher glaubte ich, ein Autor von \u201eKunstliteratur\u201c konzentriere sich sowohl auf Inhalt, Handlung als auch das Sprachlich-Formale. Und ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass ein solcher Autor, wenn er seinen nom de plume anlegt und Krimis schreibt, pl\u00f6tzlich ein anderer wird und auf das Sprachlich-Formale mehr oder weniger pfeift. Nein, ich kann es mir immer noch nicht vorstellen, dass jemand, dem man doch ein von Natur aus h\u00f6heres Sprachniveau unterstellen muss, dieses ohne Not unterschreitet. Sch\u00f6n; \u201ezehnmal so lange\u201c braucht die Kunst, und man kann sich vorstellen, in welchem Tempo Herr Seghers Krimis schreibt. Aber dennoch: Reicht diese Hast, sich selbst zu verleugnen? Betrachten wir den Anfang von \u201eDie Braut im Schnee\u201c.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eAls die Zahn\u00e4rztin Gabriele Hasler am Nachmittag des 11. November h\u00f6rte, wie ihre Sprechstundenhilfe die Praxist\u00fcr hinter sich ins Schloss zog, wurde sie, wie schon mehrfach in den vergangenen Tagen, von einer unerkl\u00e4rlichen Unruhe erfasst.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das ist kein brillanter Er\u00f6ffnungssatz, sprachlich bedenklich (\u201emehrfach in den vergangenen Tagen\u201c \u2013 \u201eunerkl\u00e4rliche Unruhe\u201c), inhaltlich vollgestopft mit H\u00fclsen, die der Leser schlucken soll, weil sie ihm guttun. Frau Hasler ist also schon des \u00f6fteren unruhig gewesen in den vergangenen Tagen und kann es sich nicht erkl\u00e4ren. Das nenne ich einen Placebo-Satz. Du steckst ihn in den Mund, zerkaust ihn, weil er dir gute Wirkstoffe verspricht, aber in Wahrheit sagt er dir nichts, behauptet nur, so etwas wie eine &#8222;Befindlichkeit&#8220; der guten Zahn\u00e4rztin zu umschreiben. Zweiter Satz.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eIm Vor\u00fcbergehen schaute sie kurz in den Spiegel und fand, wie so oft in letzter Zeit, dass sie zu alt aussah f\u00fcr ihre gerade noch neunundzwanzig Jahre.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wieder Placebo. Das Versatzst\u00fcck \u201ewie schon mehrfach in den vergangenen Tagen\u201c ist zu \u201ewie so oft in letzter Zeit\u201c geworden und abermals wirft Seghers seinen Lesern die Inhaltsschwere genussfertig in den Mund: Sie sieht zu alt aus. Aha. Dritter und letzter Satz des ersten Abschnitts:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201e\u2019Was ist nur mit mir geschehen?\u2019 dachte sie und war zugleich bem\u00fcht, sich diese Frage nicht zu beantworten.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ja, und hier h\u00f6rts auf. Da musste ich mittelschwer lachen, bei dieser Vorstellung, wie eine Zahn\u00e4rztin in den Spiegel guckt und \u201eWas ist nur mit mir geschehen?\u201c denkt. Das ist Romanheftniveau \u00e0 la \u201eGertrud lag an Siegesmunds Brust und wusste, dass die Liebe ein tr\u00fcgerisch\u2019 Spiel war.\u201c Deklamatorenprosa, \u00fcberzogen, sinnleer.<br \/>Hier k\u00f6nnte ich schon aufh\u00f6ren, denn eigentlich habe ich jetzt schon aufgeh\u00f6rt. Es wird Herrn Seghers nicht gelingen, mich zu packen, und vielleicht vers\u00e4ume ich dadurch einen wirklich spannenden Krimi, aber ich erspare mir, das wei\u00df ich schon jetzt, manche hochgezogene Augenbraue ob des Segherschen Sprachschlendrians. Zwei S\u00e4tze noch von Seite 2, die mir dann endg\u00fcltig den Rest gegeben haben:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eSie sa\u00df auf dem Schreibtischstuhl in der Rezeption, starrte auf die Eingangst\u00fcr und lauschte. Obwohl sie wusste, dass es keine vern\u00fcnftige Erkl\u00e4rung daf\u00fcr gab, hatte sie das Gef\u00fchl, nicht allein in der Praxis zu sein.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Hier wird der Leser abermals mit Sinnschwere zugem\u00fcllt, bleibt ihm keine Chance, seine eigene Vorstellungskraft zu entfalten. Alles was in diesem Satz (und den vorhergegangenen) steckt, ist plumpe Informationsprosa, keine Atmosph\u00e4re, kein gar nichts. Wir erkennen die \u00c4ngstlichkeit, die Unsicherheit der Gabriele Hasler nicht an kleinen Gesten, wie sie ein guter Stilist allemal aus dem Handgelenk sch\u00fctteln k\u00f6nnte, nein, die Befindlichkeit der Frau Hasler wird uns durch das grobe Sprachmegafon des Autors zugebr\u00fcllt, damit wir blo\u00df nicht auf den dummen Gedanken kommen, uns selbst unseren Reim zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe zu, dass ich, hie\u00dfe der Autor dieses Buches nicht Jan Seghers alias Matthias Altenburg, vielleicht weitergelesen h\u00e4tte. Einem guten Krimi verzeiht man vieles, einem angeblichen Autor von \u201eKunst\u201c, der sich zum Krimi herabl\u00e4sst, aber viel weniger, sprachlich eigentlich gar nichts. Ich erwarte von einem Krimi nicht unbedingt sprachliche Virtuosit\u00e4t, aber Schlamperei, Worth\u00fclsen, Versatzst\u00fccke auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jan Seghers: Die Braut im Schnee. <br \/>Wunderlich 2005. 448 Seiten, 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ersten Seiten eines Buches sind seine Visitenkarte. Kaum ein Autor, dem dies nicht bewusst w\u00e4re, der nicht daran feilte, bis er \u00fcberzeugt ist, damit jeden Leser ohne Verz\u00f6gerung in die Geschichte zu ziehen, ihn an sie zu fesseln, bis ihn die letzte Seite wieder ausspuckt. 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