{"id":16303,"date":"2005-12-22T07:44:01","date_gmt":"2005-12-22T07:44:01","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/charles-willeford-ketzerei-in-orange\/"},"modified":"2022-06-08T01:20:39","modified_gmt":"2022-06-07T23:20:39","slug":"charles-willeford-ketzerei-in-orange","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/12\/charles-willeford-ketzerei-in-orange\/","title":{"rendered":"Charles Willeford: Ketzerei in Orange"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Charles-Willeford-Ketzerei-in-Orange.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Charles-Willeford-Ketzerei-in-Orange.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-25014\" width=\"175\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Charles-Willeford-Ketzerei-in-Orange.jpg 312w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Charles-Willeford-Ketzerei-in-Orange-94x150.jpg 94w\" sizes=\"(max-width: 312px) 100vw, 312px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Pulp und die Moderne. Krimi und die Theorie vom Werden der Kunst im Auge des Betrachters. Das passt nicht? Passt! In Charles Willefords \u201eKetzerei in Orange\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist der Kunstkritiker James Figueras ein Psychopath? Nun, er ist ehrgeizig und skrupellos, beides Eigenschaften, die er braucht, als ihm der reiche Sammler Cassidy ein unmoralisches Angebot macht: Ich vermittle dir ein Interview mit dem legend\u00e4ren Maler Jacques Debierue und du stiehlst ihm im Gegenzug ein Bild f\u00fcr mich. Debierue ist ein Nichtmaler. Einmal hat er einen leeren Bilderrahmen \u00fcber einen Mauerriss geh\u00e4ngt, mehr war nie von ihm zu sehen. Jetzt sitzt der alte Franzose in der Wildnis Floridas, verzehrt Fertiggerichte, guckt sich drittklassige Komiker im Autokino an, w\u00e4hrend in der Welt drau\u00dfen die Mythen gedeihen und der Ruf des K\u00fcnstlers ins Ma\u00dflose w\u00e4chst. Figueras braucht nicht lange zu \u00fcberlegen. Ehrgeizig, skrupellos: Zusammen mit seiner Freundin f\u00e4hrt er zu Debierue, parliert ein wenig, will ein Bild stehlen, aber findet keines. Er steckt das Haus in Brand, vorher hat er gen\u00fcgend Malutensilien entwendet, um selbst ein Bild zu malen, das dann ein Bild Debierues werden soll. Ja, und dann auch noch ein Mord und ein \u00fcberraschendes Ende.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber es ist wie immer bei solchen Inhaltsangaben: Sie sind ein schnell ablaufender Actionfilm, doch um was es wirklich geht, erz\u00e4hlen sie selten. Willeford (1919 \u2013 1988) wurde mit seinem Hoke-Moseley-Romanen in den Achtzigern auch hierzulande einem \u00fcberschaubaren Publikum bekannt, seine fr\u00fchen Pulpromane suchte man meist vergebens. Zu ungew\u00f6hnlich, zu sperrig, zu grotesk. Es waren Versuchsreihen, die die Wirklichkeit ausloteten, indem sie diese Wirklichkeit eine Spur nur in Richtung des Grotesken ausdehnten. Die Welt der Kunst, wie sie uns Figueras mit tiefen Gedanken aus gelehrten Worten erkl\u00e4rt, ist die Welt schlechthin. Eine Interpretationssache, ein Wust von Theorie und sich selbst erzeugender Kausalit\u00e4t, man darf nicht \u00fcber diesen Tellerrand hinausschauen, denn es k\u00f6nnte einem vor so viel Groteskem grauen. Sinn macht nur, was man vorher mit Sinn ausgestattet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das h\u00e4tte nun ein furchtbar langweiliges Traktat werden k\u00f6nnen, doch Willeford kann schreiben. Sehr diszipliniert f\u00fchrt er seinen James Figueras auf dem schmalen Grat zwischen Alltag und Abgrund, Normalit\u00e4t und Irrwitz. Alles was in diesem Krimi passiert, ist so gew\u00f6hnlich wie au\u00dfergew\u00f6hnlich. Wirklich normal hingegen ist kaum etwas, abgesehen von Jacques Debierue selbst, der sein Scheitern ertr\u00e4gt und in den Banalit\u00e4ten des Lebens \u00fcberlebt, und Figueras\u2019 Freundin, einer biederen Englischlehrerin aus Duluth \/ Minnesota (pikanterweise auch der Geburtsort Bob Dylans), die naiv richtige Fragen stellt und intellektuell falsche Antworten bekommt. Figueras dagegen existiert ebenso wenig wie die Kunst, die er kritisiert und damit erst zur Kunst macht. Am Ende zahlt er den Preis.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Mord, wie gesagt, gibt es auch. Aber Achtung, liebe Theoretiker des konventionellen Krimis: Der Mord ist hier nicht Ausgangspunkt, sondern Resultat, kein Ermittler l\u00f6st den Fall, sondern die Geschichte selbst stellt die Gerechtigkeit wieder her. Das ist gro\u00df, das ist Willeford.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Charles Willeford: Ketzerei in Orange. <br \/>Maas Verlag (Pulp Master) 2005. 220 Seiten, 12,80 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pulp und die Moderne. Krimi und die Theorie vom Werden der Kunst im Auge des Betrachters. Das passt nicht? Passt! In Charles Willefords \u201eKetzerei in Orange\u201c. Ist der Kunstkritiker James Figueras ein Psychopath? Nun, er ist ehrgeizig und skrupellos, beides Eigenschaften, die er braucht, als ihm der reiche Sammler Cassidy ein unmoralisches Angebot macht: Ich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-16303","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16303","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16303"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16303\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16303"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16303"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16303"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}