{"id":16333,"date":"2006-01-10T07:46:36","date_gmt":"2006-01-10T07:46:36","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/01\/subcomandante-marcos-taibo-ii-unbequeme-tote\/"},"modified":"2022-06-15T00:47:15","modified_gmt":"2022-06-14T22:47:15","slug":"subcomandante-marcos-taibo-ii-unbequeme-tote","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/01\/subcomandante-marcos-taibo-ii-unbequeme-tote\/","title":{"rendered":"Subcomandante Marcos \/ Taibo II: Unbequeme Tote"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Allgemeinen gilt das Krimigenre als ein konservatives, die Ordnung wiederherstellendes Medium. Zeitgen\u00f6ssische Autoren wie Xiaolong aus China, Padura aus Kuba oder eben Taibo aus Mexiko belegen jedoch die Subversivit\u00e4t, welche dem Krimi innewohnen kann. Am vorliegenden Buch \u201eUnbequeme Tote\u201c hat dar\u00fcber hinaus ein Autor mitgewirkt, der seine Subversivit\u00e4t nicht beweisen muss. Subcomandante Marcos von den Zapatisten aus Mexiko, der fr\u00fcher bewaffnet und heute unbewaffnet den Widerstand der indianischen Bev\u00f6lkerung gegen die mexikanische Zentralgewalt leitet*.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>B\u00fccher mit zwei Autoren sind so ungew\u00f6hnlich nicht. Zumeist ist es so, dass die Arbeitsanteile der Einzelautoren so unauff\u00e4llig ineinander gef\u00fcgt sind, dass sie nicht mehr zugeordnet werden k\u00f6nnen. Anders bei \u201eUnbequeme Tote\u201c. Die beiden Autoren wechseln sich nicht nur nach jedem Kapitel ab, sondern sie schreiben mit deutlich unterschiedlicher Stilistik.<\/p>\n\n\n\n<p>Subcomandante Marcos auf der einen Seite schreibt eine Geschichte aus der l\u00e4ndlichen Region des zapatistischen Widerstands fern der mexikanischen Hauptstadt. Er gibt den einfachen \u201eungebildeten\u201c Bewohnern eine entsprechende Stimme, teilweise mit eigenwilliger und origineller Grammatik und Wortwahl. Das liest sich so, als h\u00e4tte die \u00dcbersetzerin zuvor mehrere B\u00fccher Wolf Haas gelesen. Gebildeten Europ\u00e4ern dagegen verleiht er eine ebensolche Sprache. Auch \u00e4sthetisch schreibt er deutlich jenseits des Krimi-Mainstreams. Es mutet gelegentlich schon recht surreal an, was er erz\u00e4hlt. Da treten Verstorbene auf oder es finden sich Personen im Buch wieder, die wissen, dass sie in einem Buch auftreten und dass sie mit der eigentlichen Kriminalgeschichte nichts zu tun haben. Alle f\u00e4ngt damit an, dass Subcomandante Marcos (als Autor und Protagonist der Geschichte) die Ermittlungskommission Elias Contreras auf die Reise nach Mexiko-City schickt, um Ger\u00fcchten um einen gewissen Morales nachzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders dagegen Paco Ignacio Taibo II. Der renommierte Autor spult gekonnt seinen Part runter. Ein freier Detektiv aus Mexiko-City wird beauftragt, nach einem Anrufer zu suchen, der, obwohl vor 30 Jahren erschossen, Nachrichten auf Anrufbeantwortern hinterl\u00e4sst. Und auch er wird sich auf die Suche nach Morales machen und dabei sp\u00e4ter der Ermittlungskommission begegnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein gewagtes Experiment, welches die beiden Autoren da unternehmen. So wie die Wasserstr\u00f6me zweier Fl\u00fcsse, die sich vereinigen, erst lange Zeit nebeneinander her flie\u00dfen, bis das Wasser sich vermischen, so flie\u00dfen die beiden Erz\u00e4hlungen auch nebeneinander her. Nat\u00fcrlich, die Autoren nehmen so manchen \u201eBall\u201c des Partners auf, aber im Grunde sind es zwei parallele, ineinander geschachtelte Geschichten. Was beide Autoren\/Geschichten mit einander verbindet, ist der Zorn auf die verkommenden politischen Verh\u00e4ltnisse Mexikos, welche die beiden bunt und anschaulich darstellen. So schildert Subcomandante Marcos Missst\u00e4nde und Machenschaften in den indianischen Gebieten und Paco Ignacio Taibo II den korrupten \u201ewei\u00dfen\u201c Machtapparat des Molochs Mexiko-City, der \u00fcber die Parteingrenzen hinweg funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein gelungenes Buch, bei dem Subcomandante Marcos aufgrund seiner auff\u00e4lligen Sprache und surrealen Stilistik dominiert. Aber als<em> Krimi <\/em>\u00fcberzeugt es nicht, einfach deshalb weil es keiner ist. Kein Spannungsbogen, kein Primat der Suche nach der L\u00f6sung eines R\u00e4tsels. Nein, es ist schlichtweg ein politisches Buch, welches Anleihen beim Genre nimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Part Subcomandante Marcos\u2019, mit seinen Wortsch\u00f6pfungen und seiner eigenwilligen Grammatik wirkt schwierig zu \u00fcbersetzen. Soweit ich gelesen habe, sah die \u00dcbersetzerin sich gezwungen, f\u00fcr die Sprache des Subcomandanten, in der sich auch zahlreiche W\u00f6rter indianischen Ursprungs wiederfinden sollen, eine \u201eeigene\u201c \u201e\u00dcbersetzungssprache\u201c zu \u201eerfinden\u201c. Ob ihr das wirklich gelungen ist, kann ich nat\u00fcrlich mangels Spanischkenntnissen nicht beurteilen, aber es macht auf mich einen ausgesprochen schl\u00fcssigen Eindruck.<\/p>\n\n\n\n<p>* Zum Hintergrund, siehe auch den aus Krimilesersicht etwas unkritischen Text aus der \u2192<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/21\/21600\/1.html\"> telepolis <\/a><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Subcomandante Marcos und Paco Ignacio Taibo II: Unbequeme Tote. Roman vierh\u00e4ndig. \nAssozation A 2005. 239 Seiten, 16,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Allgemeinen gilt das Krimigenre als ein konservatives, die Ordnung wiederherstellendes Medium. Zeitgen\u00f6ssische Autoren wie Xiaolong aus China, Padura aus Kuba oder eben Taibo aus Mexiko belegen jedoch die Subversivit\u00e4t, welche dem Krimi innewohnen kann. Am vorliegenden Buch \u201eUnbequeme Tote\u201c hat dar\u00fcber hinaus ein Autor mitgewirkt, der seine Subversivit\u00e4t nicht beweisen muss. Subcomandante Marcos von [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":42,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[397,474],"class_list":["post-16333","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives","tag-buchkritik","tag-krimi"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Bernd Kochanowski","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/bernd-kochanowski\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16333","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/42"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16333"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16333\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16333"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16333"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16333"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}