{"id":16334,"date":"2006-01-09T09:28:09","date_gmt":"2006-01-09T09:28:09","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/01\/krimi-irrtuemer\/"},"modified":"2022-06-15T00:04:53","modified_gmt":"2022-06-14T22:04:53","slug":"krimi-irrtuemer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/01\/krimi-irrtuemer\/","title":{"rendered":"Krimi-Irrt\u00fcmer"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/528.gif\" alt=\"528.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Korsetts m\u00f6gen ja ihren Reiz haben. Krimis allerdings sehen darin eher gedr\u00fcckt in die Landschaft. Also schn\u00fcren wir das Mieder ein wenig auf. Krimi-Irrt\u00fcmer eins bis f\u00fcnf.<br \/><strong>Irrtum 1: Ein Krimi muss mit dem Verbrechen beginnen (Mord!) und dieses Verbrechen (Mord!) bis zum Ende des Romans aufgekl\u00e4rt haben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Gleich zwei Irrt\u00fcmer. Dass in Krimis gemordet wird, ist guter Brauch und macht angesichts des Spannungspotentials dieses Kapitalverbrechens durchaus Sinn. Ist aber nicht zwingend erforderlich. Charles Willefords \u201eKetzerei in Orange\u201c etwa w\u00e4re auch ohne den finalen Mord ein gro\u00dfer Krimi. Womit wir beim Hauptirrtum w\u00e4ren: Ein Mord geschieht (m\u00f6glichst schon auf den ersten Seiten), und dann setzt sich die Maschinerie zu seiner Aufkl\u00e4rung in Gang. Muss auch nicht sein. Mindestens so interessant und spannend k\u00f6nnte sich die \u201eExposition\u201c des Verbrechens gestalten. Warum geschieht ein Verbrechen? Was l\u00e4sst es unausweichlich werden? Bestes Beispiel 2005: Jean Amilas \u201eMond \u00fcber Omaha\u201c. Mord als Konsequenz einer sich zuspitzenden Handlung. Sch\u00f6nstes Beispiel: Carl von Holteis \u201eSchwarzwaldau\u201c. Kein weiterer Kommentar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Irrtum 2: In einem Krimi muss ermittelt werden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hat mit 1. zu tun. Gewiss: In 99,99 % aller Krimis wird von Polizei, Detektiv oder Privatperson ermittelt. Das initiiert die Handlung, schafft die Spannungsbogen, bringt Aufkl\u00e4rung. Aber jetzt mal ganz theoretisch: Das geht auch anders, siehe noch einmal Willeford und Amila. Ermittler sind nicht zugegen, trotzdem spannend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Irrtum 3: Ein Krimi muss eine Botschaft, ein Anliegen transportieren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich: Ich mag keine Romane, die mir Botschaften aufs Auge dr\u00fccken wollen. Entweder ist die Story gut genug, f\u00fcr sich zu sprechen oder sie ist es nicht. Da mag es gute Absicht des Verfassers sein, mich von der Schlechtigkeit unserer Politiker zu \u00fcberzeugen. Wenns aufgesetzt ist und mit lauter Fanfare durch den Wortwald bl\u00e4st: nein, danke. Wenn es sich aus der Geschichte organisch entwickelt: gerne.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Irrtum 4: Ein Krimi muss 200, 300, 400, 500 Seiten haben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Krimi sollte so viele Seiten haben wie er braucht, seine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Punkt. Das Problem: Wir leben in Zeiten des Schwartenhaften, des geschw\u00e4tzigen Mehrwerts, die einen 200-Seiten-Roman zum 500-Seiter aufblasen. Die meisten Krimis k\u00e4men tats\u00e4chlich mit maximal 200 Seiten aus, w\u00fcrden sie ihren Ballast (Befindlichkeit des Protagonisten, aufgest\u00fclpte Botschaften, unn\u00fctze Beschreibungen von unn\u00fctzen T\u00e4tigkeiten) einfach weglassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Irrtum 5: Deutsche Krimis werden von der Kritik schlechter behandelt als ausl\u00e4ndische<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das entwickelt sich so: Ein von der Kritik gerupfter Autor setzt die Behauptung in die Welt, deutsche Krimis h\u00e4tten generell schlechte Karten bei der Kritik. Der n\u00e4chste Gerupfte wiederholt den Vorwurf gerne &#8211; und so weiter, bis sich die &#8222;Wahrheit&#8220; aus der Quantit\u00e4t der Behauptungen manifestiert. Eine Beweisf\u00fchrung findet nicht statt, wie auch. Betrachtet man sich die Kritikermeinungen etwa des Vorjahres, f\u00e4llt die Behauptung wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Gute deutsche Krimis, die es durchaus gab, werden gelobt, schlechte nicht. So auch bei den ausl\u00e4ndischen. Dass etwa von \u201eorganisierten Kritikern\u201c gemunkelt wird, ist ja eine h\u00fcbsche Verschw\u00f6rungstheorie. Aber v\u00f6llig kindisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich liegt auch eine gewisse optische T\u00e4uschung vor: Die unterirdischsten Krimis aus dem Ausland \u2013 bleiben im Ausland und werden gar nicht erst \u00fcbersetzt (Ausnahmen best\u00e4tigen leider die Regel). Die unterirdischsten deutschen Krimis landen auf dem Schreibtisch der Kritiker, werden zumeist ignoriert, aber manchmal eben auch besprochen. Aber wie gesagt: Gut ist gut und schlecht ist schlecht. Sollte man den empirischen Gegenbeweis liefern, widerrufe ich diese Behauptung umgehend.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Korsetts m\u00f6gen ja ihren Reiz haben. Krimis allerdings sehen darin eher gedr\u00fcckt in die Landschaft. Also schn\u00fcren wir das Mieder ein wenig auf. 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