{"id":16337,"date":"2006-01-12T07:41:46","date_gmt":"2006-01-12T07:41:46","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/01\/christian-von-ditfurth-das-luxemburg-komplott\/"},"modified":"2022-06-09T10:29:38","modified_gmt":"2022-06-09T08:29:38","slug":"christian-von-ditfurth-das-luxemburg-komplott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/01\/christian-von-ditfurth-das-luxemburg-komplott\/","title":{"rendered":"Christian von Ditfurth: Das Luxemburg-Komplott"},"content":{"rendered":"\n<p>Am 15. Januar 1919 ermorden Mitglieder eines Freikorps Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die F\u00fchrer des Spartakusbundes, und schlagen damit endg\u00fcltig den gemeinsam von Spartakisten und der Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) initiierten \u201eJanuaraufstand\u201c nieder. Das sind die historischen Fakten. Was aber w\u00e4re geschehen, h\u00e4tte man Luxemburg und Liebknecht freigelassen und die Revolution gesiegt? Das ist die Fiktion, aus der Christian von Ditfurth einen bemerkenswerten Politthriller gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sebastian Zacharias, einst Kriegsgefangener in Russland, sp\u00e4ter Mitglied der terroristischen Geheimpolizei Tscheka, wird von Lenin pers\u00f6nlich mit einem heiklen Auftrag zur\u00fcck in die deutsche Heimat geschickt. Er soll Rosa Luxemburg, Haupttheoretikerin und Galionsfigur der Spartakisten, besch\u00fctzen und gleichzeitig \u00fcberwachen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland herrscht Elend. Zacharias&#8216; vertraute Welt ist zerst\u00f6rt, der Vater tot, die Mutter verarmt, die Braut entfremdet. Erstaunlich schnell aber gewinnt er das Vertrauen Rosa Luxemburgs, der er das Leben rettet und sich f\u00fcr h\u00f6here Aufgaben empfiehlt. Nach dem Sieg der Revolution und einem weiteren Attentat auf Luxemburg avanciert Zacharias zum Leiter der Untersuchungskommission, die die Hinterm\u00e4nner des Anschlags ermitteln soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens hier beginnen Zacharias\u2019 existentielle Schwierigkeiten. Die \u201eMachthaber\u201c sind untereinander zerstritten, Rosa Luxemburg auf Distanz zu Moskau, Moskau wiederum gibt Zacharias zu verstehen, er selbst solle Luxemburg ermorden. Doch Zacharias, der in Russland ohne Z\u00f6gern exekutierte, hat Skrupel. Die Lage in Deutschland spitzt sich zu. Der Feind gibt sich nicht geschlagen, die Freunde bek\u00e4mpfen sich, die Fronten verwischen, das Land hungert und versinkt in Anarchie. Wie soll das alles enden?<\/p>\n\n\n\n<p>Von Ditfurths Buch funktioniert auf mehreren Ebenen, die geschickt ineinander verzahnt sind. Die politisch-gesellschaftliche zeichnet ein stimmiges Bild Deutschlands nach dem ersten Weltkrieg und skizziert markant den Zustand der unterschiedlichen sozialistisch-kommunistischen Str\u00f6mungen. Die historisch-politische inszeniert die uralte Frage, ob \u201eeine gute Sache\u201c den Einsatz von Gewalt, ja, Terror legitimiere. Die Argumentationen werden dabei den historischen Personen in den Mund gelegt, neben Luxemburg und Liebknecht auch Leo Jogiches, Wilhelm Pieck, Clara Zetkin und anderen. Sie spielen also Rollen in einer vorgegebenen Inszenierung, was sie ein wenig zu Abziehbildern ihrerselbst werden l\u00e4sst. Besonders Rosa Luxemburg ist einen Tick zu \u201egut\u201c, ja, zu \u201em\u00fctterlich\u201c geraten. Das quasi Privatpsychologische, das sich um die fiktive Person des Protagonisten Zacharias spinnt, dokumentiert auf einer dritten Ebene diese Zerrissenheit konkret in einem einzigen Charakter, der widerspr\u00fcchlich genug ist, um zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geschickt auch das Ende des hypothetischen Szenarios, das die Fiktion selbst zur Fiktion macht und in die empirische Wirklichkeit zur\u00fcckf\u00fchrt. \u201eDas Luxemburg-Komplott\u201c ist ein durchaus spannender, auch actionreicher Politthriller, dessen \u201etheoretische Exkurse\u201c um die Legitimit\u00e4t von Gewalt und die Wandlung von Ideologien zu Terrorsystemen vielleicht etwas geraffter sein k\u00f6nnten. Zwar erh\u00e4lt der Leser im Anhang biografische Informationen zum historischen Personal, was allerdings fehlt ist ein kleiner Aufsatz, der die tats\u00e4chlichen Abl\u00e4ufe und Zusammenh\u00e4nge dem damit nicht vertrauten Leser nahebringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Generalfrage, ob man \u00fcberhaupt mit solchen \u201eWas-w\u00e4re-wenn\u201c-Hypothesen arbeiten d\u00fcrfe, m\u00f6ge jeder f\u00fcr sich beantworten. Ich gebe zu, von Ditfurths Buch ohne allzugro\u00dfe Erwartungen begonnen zu haben; war dann aber angenehm \u00fcberrascht, wie der Autor die \u00e4rgsten Klippen umschifft. Bedenkenswert, informativ, gut konstruiert, mit cleverer Aufl\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Christian von Ditfurth: Das Luxemburg-Komplott. <br \/>Droemer\/Knaur 2005. 380 Seiten, 19,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 15. 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