{"id":16341,"date":"2006-01-13T07:46:10","date_gmt":"2006-01-13T07:46:10","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/01\/historienschinken\/"},"modified":"2022-06-13T16:52:04","modified_gmt":"2022-06-13T14:52:04","slug":"historienschinken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/01\/historienschinken\/","title":{"rendered":"Historienschinken"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/k_krimis.gif\" alt=\"k_krimis.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Herr dpr ist ja eigentlich ein sehr netter Mensch. Hat seine Macken, aber na, wer hat die nicht? Eines aber sollte man vermeiden, wenn man in seiner N\u00e4he ist: \u201eHistorienkrimis\u201c zu loben. Ui, da f\u00e4rbt sich das Bloggerk\u00f6pfchen zornesrot!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Also es war so: Ich war zu Besuch in der Hinternet-Redaktion, weil man ja wissen will, auf was man sich da eingelassen hat als seri\u00f6ser Finanzbeamter. Interessant, doch, doch. Die hellen, gro\u00dfz\u00fcgig geschnittenen Redaktionsr\u00e4ume &#8230; modernste Technik vom Feinsten &#8230; proppere Praktikantinnen stelzen hochbeinig und tr\u00e4umerisch \u00fcber die Korridore &#8230; aber was ich sagen will: Mittags hat mich dann der wirklich sehr, sehr nette Herr dpr in die Hinternet-Kantine eingeladen. Das Fr\u00e4ulein Katja hatte K\u00fcchendienst. Als der Herr dpr das gecheckt hat, ist er schon so merkw\u00fcrdig grummelig geworden, und als dann das Essen kam, wusste ich auch warum: Es gab klebrigen Reis, mit Sardellen aus der Dose vermischt und einer Art Tymian\/Schnittlauchso\u00dfe garniert. \u201eChina-Variation\u201c nannte sich das, und so schmeckte es denn auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht w\u00e4re alles gut gegangen, h\u00e4tte ich mich \u2013 aus lauter Verlegenheit \u2013 nicht zu dem Ausruf \u201eDas schmeckt ja wie bei Richter Di zum Fr\u00fchst\u00fcck!\u201c hinrei\u00dfen lassen. Sofort ist des wirklich \u00e4u\u00dferst netten Herrn dpr Miene finster geworden, er hat emp\u00f6rt nach Luft geschnappt und die Gabel brachial in den Reisberg geknallt: \u201eRichter Di?\u201c, hat er ausgerufen (das Fr\u00e4ulein Katja hat erschrocken seinen Kr\u00fcckstock fallen lassen), \u201eGehen Sie mir doch weg mit diesem historischen Krimikrimskrams! Nix wie L\u00fcgen und Potemkinsches Kulissenschieben!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nun muss man wissen: Ich mag den Richter Di. Und finde auch, dass der Robert van Gulik, der ja in China war und Chinesisch konnte und sogar wissenschaftlich dar\u00fcber geschrieben hat, dass der uns also wirklich ein ganz authentisches Bild vom Leben anno dazumal im Reich der Mitte \u00fcberliefert hat. Und spannend dazu! Genau das habe ich dem Herrn dpr auch gesagt, und er hat erst einmal nichts gesagt, aber ich hab gemerkt: Oh, gleich explodiert der, und dann muss ich seine Portion auch noch aufessen, was mir sehr schwergefallen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist dann doch nicht explodiert, aber fast! \u201ePappalapp, ich kanns nicht mehr h\u00f6ren! Was wusste denn dieser Gulik schon vom alten China! Das ganze Drumherum, das mag ja noch angehen! Das kann man aus B\u00fcchern ziehen! Aber die Menschen? Ihre Denkweisen? Wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten? Das spezifische Rechtsempfinden damals? Das konnte der nicht wissen! Dieser ganze Richter Di \u2013 Krempel ist doch altes China aus dem Kopf eines neuen Holl\u00e4nders! Edamer s\u00fc\u00dfsauer! Ein bisschen Sherlock Holmes dazu, ein bisschen Sex, ein bisschen Action \u2013 das ist wie, wie, wie&#8230;\u201c \u2013 Und jetzt ist er wirklich puterrot im Gesicht geworden, hat mit der Faust auf den Reisberg geschlagen (die Gabel steckte noch drin; das muss wehgetan haben!) und hat es herausgeschrieen: \u201eWie \u2013 wie dieser elende Eco mit seinem Rosennamen! So ein Mist! Das soll Mittelalter gewesen sein? Ein Klugschei\u00dfer, der auch noch William von BASKERVILLE hei\u00dft und und und&#8230; \u00d6sterreichisches Klosterleben des Mittelalters durch die Augen eines englischen Detektivs des 19. Jahrhunderts, der das Gesch\u00f6pf eines italienischen Semiotikspinners des 20. ist, und die griechische Antike wird auch noch gleich mitverbraten&#8230; uaaaaaaah!!!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich meine&#8230; so unrecht hat der liebe Herr dpr ja gar nicht. Erst neulich hab ich den Kopf gesch\u00fcttelt, als ich unter den Novit\u00e4ten des Grafit Verlages den Historienkrimi \u201eCaligulas Rache\u201c von Ingo Gach entdeckt hab. Da steht w\u00f6rtlich:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201e123 n. Chr. wird im r\u00f6misch besetzten Colonia ein Quaestor bestialisch ermordet. Ein Schuldiger ist schnell gefunden, schlie\u00dflich steckt der Dolch des freigelassenen Sklaven Walraban im Leib des ungeliebten Steuereintreibers. Einzig der junge Germane Rainolf glaubt nicht, dass sein Freund der T\u00e4ter ist, denn Walraban konnte ihm kurz vor seiner Verhaftung noch erz\u00e4hlen, dass ihm vermutlich zwei Tenkterer die Waffe gestohlen haben. Mit Hilfe der attraktiven Tochter des r\u00f6mischen Prokonsuls folgt Rainolf den Spuren der beiden Barbaren. Nicht ahnend, dass er dadurch nicht nur sich selbst, sondern auch seine Familie in gro\u00dfe Gefahr bringt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich meine \u2013 da br\u00e4uchte man nur statt 123 n. Chr. 2005 n. Chr. zu schreiben, statt Colonia K\u00f6ln, statt Sklave Sachbearbeiter, statt Steuereintreiber und Quaestor Finanzbeamter (bin ich ja selber!) &#8230; und dann k\u00f6nnte Ingo Gach auch den Gegenwartskrimi \u201eSchr\u00f6ders Rache\u201c schreiben:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201e2005 n. Chr. wird in K\u00f6ln ein Finanzbeamter bestialisch ermordet. Ein Schuldiger ist schnell gefunden, schlie\u00dflich steckt der Dolch des abh\u00e4ngig besch\u00e4ftigten Sachbearbeiters Walraff im Leib des ungeliebten Steuerexperten. Einzig der junge Saarl\u00e4nder Rudolf glaubt nicht, dass sein Freund der T\u00e4ter ist, denn Wallraff konnte ihm kurz vor seiner Verhaftung noch erz\u00e4hlen, dass ihm vermutlich zwei Pf\u00e4lzer die Waffe gestohlen haben. Mit Hilfe der attraktiven Tochter des Landrats von K\u00f6ln-Nippes folgt Rudolf den Spuren der beiden Barbaren. Nicht ahnend, dass er dadurch nicht nur sich selbst, sondern auch seine Familie in gro\u00dfe Gefahr bringt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Es ist ja wirklich nur die Kulisse, die auf \u201ehistorisch\u201c getrimmt ist und durch die dann doch nur der ewig alte Krimiwurm kriecht. Wir lernen, dass ein Quaestor ein Finanzbeamter ist, K\u00f6ln mal Colonia hie\u00df und auch die T\u00f6chter r\u00f6mischer Prokonsuln f\u00fcr guten Sex stets zu haben waren. Und wahrscheinlich lernen wir, was die so gegessen haben (sehr beliebt in Historienkrimis!), wie das so war mit der Notdurft (im Mittelalterkrimi kippen sie die immer aus dem Fenster, unter dem gerade der Held steht und schwer am Gr\u00fcbeln ist). Aber wie es damals wirklich zuging \u2013 das erfahren wir nat\u00fcrlich nicht. Wie auch. Das wei\u00df doch der Autor, die Autorin gar nicht, wenn er oder sie so am Laptop sitzt und sich \u201edie Atmosph\u00e4re des 19. Jahrhunderts\u201c oder was sonst aus den Karteik\u00e4rtchen schnitzt, die eine studentische Hilfskraft zusammenrecherchiert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Da m\u00fcssen wir schon die Kriminalromane der Vergangenheit lesen. Und das tut nat\u00fcrlich kein Mensch au\u00dfer dem eigentlich ungew\u00f6hnlich netten Herrn dpr, der schlie\u00dflich wortlos aufgestanden und gegangen ist, mich nachwinkend. Wir besuchten eine exzellente Saarbr\u00fccker Speisegastst\u00e4tte, hernach ein gem\u00fctliches Bierlokal und dann&#8230; nun, das tut hier nichts zur Sache. Von Historienkrimis habe ich aber nicht mehr angefangen. Ich bin doch nicht bl\u00f6d&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr K.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Herr K. arbeitet als Sachbearbeiter bei der Oberfinanzdirektion Oberursel. Seine Lieblingskrimiautoren sind: Raymond Chandler (\u201eaber nur die, wo Lauren Bacall mitspielt!\u201c), Anobella (\u201eaber nur so lange, bis die ihren ersten Krimi ver\u00f6ffentlicht hat!\u201c) und Jan Seghers (\u201eIch hab auch was gegen rothaarige Frauen!\u201c). Wenn es ihm die Zeit erlaubt, wird Herr K. seine Mittagspausen weiterhin dazu nutzen, den Krimi zu erkl\u00e4ren.)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Herr dpr ist ja eigentlich ein sehr netter Mensch. Hat seine Macken, aber na, wer hat die nicht? 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