{"id":16351,"date":"2006-01-17T08:33:04","date_gmt":"2006-01-17T08:33:04","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/01\/zwei-preistraeger\/"},"modified":"2022-06-05T23:41:30","modified_gmt":"2022-06-05T21:41:30","slug":"zwei-preistraeger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/01\/zwei-preistraeger\/","title":{"rendered":"Zwei Preistr\u00e4ger"},"content":{"rendered":"\n<p>Unterschiedlicher k\u00f6nnen Gewinner kaum sein. Hier steigt einer in Dantes Inferno und verbrennt; dort macht einer seinen Job und morgen wartet der n\u00e4chste. Seit gestern haben David Peace, \u201e1974\u201c und Norbert Horst, \u201eTodesmuster\u201c, wenigstens eines gemeinsam: den Gewinn des \u2192<a href=\"http:\/\/homepages.compuserve.de\/krimijahn\/dkp\/dkp-06.html\">Deutschen Krimipreises 2006<\/a>. Aber damit h\u00f6rt es nicht auf.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Zwei M\u00e4nner bei der Arbeit. Edward Dunford, Gerichtsreporter in Nordengland, setzt sich auf die Spur eines \u00e4u\u00dferst brutalen M\u00e4dchenm\u00f6rders und st\u00fcrzt dabei, selbst kein Engel des Guten, in die Abgr\u00fcnde des B\u00f6sen. Anders Konrad Kirchenberg. Der Mann ist f\u00fcr Mordf\u00e4lle zust\u00e4ndig, und was sich da an Indizien in einem aufgegebenen Stollen offenbart, deutet auf ein Gewaltverbrechen hin. Beide Protagonisten sind Ermittler, ihnen geht es um die Wahrheit, die bei Peace eine \u00fcbergeordnete ist, eine Parabel, bei Horst dagegen am Ende eines Erkenntnisprozesses steht, sehr irdisch ist und positivistisch, \u00fcbergeordnet deswegen, weil gerichtsverwertbar und \u201eobjektiv\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl in \u201e1974\u201c als auch in \u201eTodesmuster\u201c generieren die Protagonisten erz\u00e4hlte Wirklichkeit aus ihrer unmittelbaren Wahrnehmung, in Echtzeit, wenn man so will. Sie sind Sch\u00f6pfer und Gesch\u00f6pfe zugleich, die Welt, durch die man sie schickt, ist ihre eigene Interpretation. Sie sind folglich nicht Figuren im Spiel eines Autors, der sein Personal wie Schachfiguren \u00fcber das Storybrett bewegt. Nat\u00fcrlich bleibt der Autor oberste Instanz, die Person an den F\u00e4den. Aber man merkt es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wieder sehen wir zwei M\u00e4nner bei der Arbeit. Sie bem\u00fchen sich um angemessene Sprache, es soll nicht so stubenrein formuliert werden, dass Fontane und Thomas Mann ihre reine Freude daran gehabt h\u00e4tten oder doch wenigstens Herr und Frau Duden von \u201ekorrektem Deutsch\u201c faseln k\u00f6nnten. Die Bewusstseinsstr\u00f6me der Helden werden kanalisiert und schl\u00e4ngeln sich durch die Erz\u00e4hllandschaft. Peace und Horst profitieren dabei von der Entwicklung literarischer Techniken. Bei Peace zersplittert alles in den Sprachzentrifugen der Moderne, es ist eine Mischung eben aus Dantes Inferno und Voltaires \u201eCandide\u201c, ein s\u00fcndig gewordener Idealist sucht \u201edie beste aller Welten\u201c und findet nat\u00fcrlich die schlechteste, aber die wahre, die Sprache ist eine absonderliches Gemenge aus Naturalismus und Expressionismus, das man in die Gosse geworfen hat, wo es jetzt verrottet.<\/p>\n\n\n\n<p>Horst w\u00e4hlt eine milde, dabei wohltemperierte Form jenes \u201estream of consciousness\u201c, der im 20. die tradierten Erz\u00e4hlformen des 19. Jahrhunderts erweiterte. Kirchenberg ermittelt und schafft Erkenntnis, aber sein Privatleben setzt sich auf die gleiche Weise aus snapshots zusammen, ist ebenso Ergebnis einer Detektion. Erz\u00e4hlt wird, auch bei Peace, linear und kausal, doch die K\u00fcnstlichkeit (und damit Willk\u00fcrlichkeit) dessen, was qua Bewusstsein geschaffen wird, bleibt erkennbar.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDarstellung von Gehirnvorg\u00e4ngen\u201c sind beide Strategien; und Beweise, dass ein Krimi mehr sein kann als ein Plot mit suspense. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der beide Autoren literarische Techniken f\u00fcr ihre Zwecke adaptieren, ist verbl\u00fcffend und ein weiterer Beleg der These, dass auch im Krimi Sprache nicht allein dazu dienen sollte, Sachverhalte mitzuteilen, in der Konsequenz also blo\u00dfes Transportmittel zu sein, dessen \u00c4sthetik nicht zu interessieren braucht. Das h\u00e4tte auch schiefgehen k\u00f6nnen, f\u00fcrchterlich manieriert werden, peinlich gewollt und nicht gekonnt. Ist es nicht. Denken bevor man zu schreiben beginnt wird manchmal belohnt. Mit dem DKP und hoffentlich vielen Lesern.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<p>Hingewiesen sei auf die beiden, eigentlich drei Rezensionen zu den besprochenen Romanen.<br \/>Norbert Horst, &#8222;Todesmuster&#8220; \u2192<a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/norbert-horst-todesmuster\/\" data-type=\"post\" data-id=\"12536\"> hier<\/a>, David Peace, &#8222;1974&#8220; \u2192<a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/07\/david-peace-1974\/\" data-type=\"post\" data-id=\"12370\"> da<\/a> und in einer putzigen Alternativversion \u2192<a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/07\/david-peace-1974-die-alternativ-rezension\/\" data-type=\"post\" data-id=\"12374\">dort<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unterschiedlicher k\u00f6nnen Gewinner kaum sein. Hier steigt einer in Dantes Inferno und verbrennt; dort macht einer seinen Job und morgen wartet der n\u00e4chste. 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