{"id":16356,"date":"2006-01-19T07:49:13","date_gmt":"2006-01-19T07:49:13","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/01\/jerome-charyn-marilyn-the-wild\/"},"modified":"2022-06-17T17:13:30","modified_gmt":"2022-06-17T15:13:30","slug":"jerome-charyn-marilyn-the-wild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/01\/jerome-charyn-marilyn-the-wild\/","title":{"rendered":"Jerome Charyn: Marilyn the Wild"},"content":{"rendered":"\n<p>Anl\u00e4sslich des Erscheinens der Taschenbuchausgabe wiedergelesen und wieder faszinierend: Jerome Charyns \u201eMarilyn the Wild\u201c. Wem das alte Schwarz und Wei\u00df und Gut und B\u00f6se der schlichten Genregesetzgebung zum Halse heraush\u00e4ngt, findet hier sein Referenzwerk.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Isaac Sidel ist der sch\u00fctzende und strafende Gott der Bronx. Ein Bulle, vor dem sie zittern, weil er Recht und Vollstrecker zugleich ist, einer, bei dessen Umarmung niemand wei\u00df, ob sie ein Geste der Z\u00e4rtlichkeit oder der Vernichtung sein soll. Man zittert vor ihm; man ruft ihn um Hilfe an; man w\u00fcnscht ihm den Tod; man verehrt ihn ma\u00dflos.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenige versuchen, aus dem Sidel-Kosmos zu fliehen: Seine Tochter Marilyn etwa, die Wilde, gerade mal wieder frisch geschieden und in Manfred Coen verknallt, den getreuen und so unwiderstehlich blau\u00e4ugigen Helfer des Vaters. Oder der Bruder, der wegen nicht geleisteter Unterhaltszahlungen im Gef\u00e4ngnis sitzt und gerne dort bliebe, weil ihn das wenigstens ein wenig vor Isaacs f\u00fcrsorglicher Willk\u00fcr sch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann, unvermutet, ger\u00e4t dieses Universum des j\u00fcdischen Polizisten Sidel in Turbulenzen: Ein jugendliches Trio, die \u201eLollipops\u201c genannt, provoziert den allm\u00e4chtigen Gott der Lower East Side. Seine Freunde und Bekannten erhalten unerw\u00fcnschten Besuch und werden zusammengeschlagen, schlie\u00dflich gar Isaacs Mutter schwer verletzt. Man fordert ihn heraus, und er nimmt den Kampf auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt nach einem Polizeikrimi, hart und realistisch, Sidel und seine bizarre Gefolgschaft f\u00e4hrtensuchend und am Ende f\u00fcndig, R\u00e4tsel gel\u00f6st, Ordnung wiederhergestellt. Weit gefehlt. Was in der H\u00e4userschluchten der Bronx, dem j\u00fcdischen Viertel insbesondere, beginnt, abstrahiert sich allm\u00e4hlich zu einer Parabel eben jener Wirklichkeit und generiert wiederum diese Wirklichkeit. Aber die Bodenhaftung bleibt erhalten, es gibt eben nicht nur keine Unterscheidung von Gut und B\u00f6se, es gibt auch keine zwischen dem Leben und den Ideen, die es erschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gangster k\u00f6nnen moralisch sein; Gesetzesh\u00fcter die schlimmsten Feinde des Gesetzes; Freundschaft wirkt destruktiv, Hass und Liebe werden in dem Moment eins, wo eine selbstgebastelte Bombe explodiert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMarilyn the Wild\u201c funktioniert als Krimi, weil sein Autor \u00fcber die Sprache verf\u00fcgt, die widerspr\u00fcchlichsten Elemente zu einem Organischen zu verbinden. Es funktioniert als verst\u00f6rendes Bild des Zusammenlebens von Menschen, weil es Wirklichkeit erkl\u00e4rt, indem es sie abbildet und abbildet, indem es sie erkl\u00e4rt. Dass dabei auch zwischen Tragik und Witz nicht mehr zu unterscheiden ist, versteht sich von selbst.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jerome Charyn: Marilyn the Wild. <br \/>Rotbuch 2005. 206 Seiten, 9,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des Erscheinens der Taschenbuchausgabe wiedergelesen und wieder faszinierend: Jerome Charyns \u201eMarilyn the Wild\u201c. 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