{"id":16370,"date":"2006-01-26T07:49:51","date_gmt":"2006-01-26T07:49:51","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/01\/wolfgang-schorlau-das-dunkle-schweigen\/"},"modified":"2022-06-05T14:36:02","modified_gmt":"2022-06-05T12:36:02","slug":"wolfgang-schorlau-das-dunkle-schweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/01\/wolfgang-schorlau-das-dunkle-schweigen\/","title":{"rendered":"Wolfgang Schorlau: Das dunkle Schweigen"},"content":{"rendered":"\n<p>So sieht er also aus, der engagierte und geschichtsbewusste deutsche Gegenwartskrimi. Immer am Puls der Zeit, kritischer Blick zur\u00fcck, andere Kulturen im Augenwinkel. So k\u00f6nnte er aussehen. So sieht er nat\u00fcrlich nicht aus. Aber so hat er anscheinend Erfolg. Zeitgeist-Posing.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Betrachten wir uns den Fall, den Georg Dengler, ehemaliger BKA-Mitarbeiter und jetziger Privatdetektiv, zu l\u00f6sen hat. 1947 wird ein Hotel auf einen f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen Jungen \u00fcberschrieben. Einfach so, ohne Gegenleistung, scheint es. Die Erben des fr\u00fcheren Besitzers m\u00f6chten sich nun die Immobilie zur\u00fcckerstatten lassen, denn irgend etwas kann da nicht stimmen. Dengler soll das Geheimnis der Schenkung l\u00fcften und Beweise f\u00fcr die Nichtigkeit des Vertrages liefern.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Nachforschungen werden eine Reise zur\u00fcck in die Zeit unmittelbar nach Kriegsende, jedenfalls theoretisch. Denn wirklich weiter kommt Dengler bei seinen Recherchen nicht. Sobald er die Ereignisse auch nur antippt, schweigen seine Gespr\u00e4chspartner oder geraten sogar, da l\u00e4ngst im Rentenalter, an den Rand eines Herzinfarkts.<\/p>\n\n\n\n<p>Parallel zu dieser Handlungsebene und mit dieser kapitelweise alternierend setzt sich nun eine zweite Story in Gang, die wenige Wochen vor Kriegsende spielt. Ein schwarzer amerikanischer Bomberpilot wird in der N\u00e4he von Bruchsal abgeschossen, \u00fcberlebt und versucht sich zu den heranr\u00fcckenden Stellungen der Alliierten durchzuschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Idee ist gut. Einmal bewegt sich die Handlung sukzessive vorw\u00e4rts, einmal zur\u00fcck, und irgendwo werden sie sich treffen und der Fall ist klar. Theoretisch. Denn wie bereits erw\u00e4hnt kommt Dengler bei seinen Ermittlungen nicht voran. Was nicht weiter verwundert, betrachtet man sich die Pappkameraden von Personen, die Schorlau aufmarschieren l\u00e4sst. Allen voran die beiden Auftraggeber, ein Geschwisterpaar, das eine Fabrik besitzt und u.a. Spielzeug fertigt. Sie, die Schwester, ganz hundeschnauzenkalte Unternehmerin, er, der Bruder, gesch\u00e4ftsunt\u00fcchtiger T\u00fcftler mit ewigem Spieltrieb. Mehr haben beide nicht zu bieten, und der Rest des Personals passt sich diesem zweidimensionalen Niveau an. Plakativer gehts nimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder doch? Aber klar. Irgendwann ist Dengler den Fall los und reist nach Chicago, um endlich sein Bluesidol Junior Wells zu erleben. Ersparen wir uns die Analyse dessen, was Schorlau unter Blues versteht, wenden wir uns lieber dem Dilemma des Autors zu, nicht zu wissen, wie er nun die Geschichte vorantreiben soll. Also greift er zum Hammer.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss zugeben, dass ich ja schon etliche Storyverrenkungen erlebt habe, die einem beim blo\u00dfen Lesen schmerzhaft in die Glieder gefahren sind. Aber Schorlau \u00fcbertrifft alle. Der Bluesmusiker erw\u00e4hnt so nebenbei, sein Vater sei gegen Kriegsende in Deutschland abgeschossen worden, und er, Dengler, habe als <em>private eye <\/em>doch ein H\u00e4ndchen f\u00fcr so was. Folglich reist der Detektiv mit neuem Auftrag nach Deutschland zur\u00fcck \u2013 und: Man braucht jetzt eigentlich nichts mehr zu sagen. Nat\u00fcrlich hat der neue mit dem alten Fall zu tun, Dengler l\u00e4uft pl\u00f6tzlich zu Hochform auf, durchschaut alles, kl\u00e4rt alles, ein Hoch auf Kommissar Zufall, der eine vermurkste Geschichte doch noch zum genretypischen Ende pr\u00fcgelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Plastikstory in einer Plastikwelt, Plastikpersonen, die sich in Plastiksprache \u00fcber zu Plastikthemen gewordene Sujets (Rassismus, Judenverfolgung, Kapitalismus &#8211; the whole bunch) unterhalten. Plastik kann man h\u00fcbsch bemalen, keine Frage: ein bisschen bunte Gegenwartstupfer (siehe auch \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/01\/schorlaus-welt.php\"> hier<\/a>), ein angegilbter Exkurs in die Nazi- und Nachkriegszeit, einige Personen, die so originell sind wie eine \u201erum\u00e4nische Taschendiebin\u201c, ein \u201eKreuzwortr\u00e4tselschreiber\u201c, ein \u201eretardierter Spielzeugentwickler\u201c eben originell sind, wenn man es wie Schorlau bei solch lapidaren Etikettierungen bel\u00e4sst. Dazu ein Abstecher nach Chicago, ein paar unverbindliche Takte Blues \u2013 gen\u00fcgt schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Wolfgang Schorlau: Das dunkle Schweigen. Denglers zweiter Fall. <br \/>Kiepenheuer &amp; Witsch 2005. 334 Seiten, 7,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So sieht er also aus, der engagierte und geschichtsbewusste deutsche Gegenwartskrimi. 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