{"id":16382,"date":"2006-02-01T07:46:10","date_gmt":"2006-02-01T07:46:10","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/02\/wer-wars\/"},"modified":"2022-06-07T17:22:22","modified_gmt":"2022-06-07T15:22:22","slug":"wer-wars","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/02\/wer-wars\/","title":{"rendered":"Wer war&#8217;s?"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Affe war\u2019s! Ups, sorry, jetzt hab ich ja alles verraten, und kein Mensch wird jemals wieder Edgar Allan Poes \u201eMorde in der Rue Morgue\u201c lesen. Die ganze Spannung ist weg! Aber es musste mal raus! Jede Woche rezensiere ich hier einen Krimi und nie, nie, nie darf ich verraten, wer\u2019s war. Dabei ist das doch das Wichtigste, gelt?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Bin ich also ein bedauernswerter Tropf, ein Rezensent, den man an den Marterpfahl der Genregesetze gebunden hat, Knebel im Mund? Bisweilen t\u00f6nen die Stimmen, die einem das einreden wollen, j\u00fcngst war es Herr M\u00fcller von der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em>, Ausgabe vom 15.\/16. Januar 2006, der die Zunft bedauerte:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Es ist \u201efast unm\u00f6glich, \u2018whodunits\u2019 zu rezensieren. [\u2026] Was kann der arme Kritiker hier tun, als stumm den Daumen zu heben oder zu senken, in der verzweifelten Hoffnung, dass man es ihm aufs Wort oder besser aufs Schweigen glauben m\u00f6ge\u201d.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Je nun, ich lasse mich ja gerne bedauern, hier aber verzichte ich dankend. Erstens, weil ein Krimi, selbst ein Whodunit, in der Regel nicht nur aus der Aufl\u00f6sung des Falles besteht. Zweitens, weil der Leser immer in der unangenehmen Lage ist, mir entweder aufs Wort zu glauben oder es bleiben zu lassen. Aber der Reihe nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Man nennt Krimis nicht ohne Grund \u201eSpannungsliteratur\u201c. Wir werden mit Ereignissen konfrontiert, deren Ursachen und \/ oder Verursacher wir nicht kennen. Man enth\u00e4lt uns also Informationen vor, die uns nach und nach pr\u00e4sentiert werden, bis sich am Ende ein mehr oder weniger schl\u00fcssiges Bild der Ereignisse einstellt. Die Kunst des Autors, der Autorin besteht nun darin, uns diese Ereignisse so zu schildern, dass wir als Leser bei der Stange bleiben, interessiert sind am Fortgang und der finalen L\u00f6sung. Ein oder mehrere Spannungsbogen geleiten uns also durch die Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nun sehr trivial, und man erspare mir, die einzelnen Spielarten von Spannung aufzulisten. Neben der klassischen R\u00e4tselkonstellation haben sich im Laufe der Jahrhunderte aber diverse andere dramaturgische Settings entwickelt, die nicht mehr auf das Wer-wars? zielen, sondern etwa die psychologische Konstellation in den Vordergrund stellen, die Vorgeschichte eines Verbrechens (\u201eDisposition\u201c) oder die gesellschaftlichen Umst\u00e4nde, die ein Verbrechen f\u00f6rdern und bedingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig ist hier: Die Frage nach der Aufl\u00f6sung ist eng mit der Entwicklung der Spannungsbogen verbunden. Das alleinige Faktum etwa, A habe B erschossen, weil er mit C ein Verh\u00e4ltnis hatte und D davon nichts wissen durfte, B es aber verraten wollte, ist f\u00fcr den Rezensenten nur insofern interessant, als es die logische Konsequenz am Ende einer logisch herzuleitenden Reihe von Indizien und Ereignissen sein sollte. Und wer verbietet es mir, genau diese Logik zu \u00fcberpr\u00fcfen und meinen Lesern mitzuteilen, ob sie stimmig ist oder nicht, aufgesetzt oder organisch hergeleitet? Dazu bedarf es nicht des Ausplauderns der &#8222;Aufl\u00f6sung&#8220;; die Logik, aus der sie erw\u00e4chst, ist von Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Logik betrifft nat\u00fcrlich die Personenzeichnung, die Schilderung von Ereignissen und Umst\u00e4nden, Beziehungen und dramatischen Zuspitzungen ebenfalls. Sie f\u00fchren zur Aufl\u00f6sung, sind aber auch ohne diese beschreib- und bewertbar. Das gleiche gilt f\u00fcr die sprachliche Umsetzung eines Stoffes. Ist der Stil dem Geschilderten angemessen? Entspricht er der Absicht des Autors oder ist er Nullachtf\u00fcnfzehn?<\/p>\n\n\n\n<p>Die &#8222;Glaubw\u00fcrdigkeit&#8220; eines Rezensenten ist also unabh\u00e4ngig von dem Grad inhaltlicher Elemente, die er preisgibt.<br \/>Ich m\u00f6chte die Leser auf eine Struktur hinweisen, nicht den &#8222;Plot&#8220; in allen Einzelheiten aufdr\u00f6seln. Dass ich zu diesem Zweck abstrahieren muss, summieren und ordnen, nun ja: Es ist so. Das mag der Leser tats\u00e4chlich glauben oder nicht; letztlich kann er die Qualit\u00e4t einer Rezension eh nur nach eigener Lekt\u00fcre der Quelle kritisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls: Ich beklage mich keineswegs dar\u00fcber, nicht \u201edie L\u00f6sung\u201c verraten zu d\u00fcrfen. Es gibt gen\u00fcgend anderes, f\u00fcr das man kritische Blicke haben darf. Ein Krimi, der sich vorrangig \u00fcber sein Finale und das Ende der Ungewissheit definiert, ist in der Regel langweilig und taugt vielleicht gerade mal zum Ersatz f\u00fcr das Kreuzwortr\u00e4tsel der B\u00e4ckerzeitung.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Affe war\u2019s! Ups, sorry, jetzt hab ich ja alles verraten, und kein Mensch wird jemals wieder Edgar Allan Poes \u201eMorde in der Rue Morgue\u201c lesen. Die ganze Spannung ist weg! Aber es musste mal raus! Jede Woche rezensiere ich hier einen Krimi und nie, nie, nie darf ich verraten, wer\u2019s war. 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