{"id":16398,"date":"2006-02-06T08:10:16","date_gmt":"2006-02-06T08:10:16","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/02\/leitfaden-fuer-volontaerinnen\/"},"modified":"2022-06-05T23:20:39","modified_gmt":"2022-06-05T21:20:39","slug":"leitfaden-fuer-volontaerinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/02\/leitfaden-fuer-volontaerinnen\/","title":{"rendered":"Leitfaden f\u00fcr Volont\u00e4rInnen"},"content":{"rendered":"\n<p>Jetzt ist es passiert! Die Zeitung, bei der du den Journalismus von der Pieke auf lernen willst, hat dich zu 100 Zeilen \u201e\u00fcber Krimis\u201c verdonnert! Dabei hast du doch Germanistik studiert und deine Magisterarbeit \u00fcber \u201eDas Emblematische in der Gelegenheitslyrik von Walter Benjamin\u201c geschrieben! Und jetzt das! Dir! Krimis!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber keine Angst. Wenn du erst einmal deine Stelle im Feuilleton bekommen hast, wirst du nie mehr \u00fcber Krimis schreiben m\u00fcssen. Daf\u00fcr hat man ja schlie\u00dflich die Volont\u00e4rInnen und PraktikantInnen, die sich zwecks Abh\u00e4rtung durch das Stahlbad des Trivalen qu\u00e4len. \u00dcber Krimis schreiben, das kann jeder, der ein paar Regeln beherzigt. Zum Beispiel folgende.<\/p>\n\n\n\n<p>Also: Beginne damit, dass Edgar Allan Poe den Krimi erfunden hat. W\u00e4re er kein Schriftsteller gewesen (ja, genau, er hat gesoffen wie ein Pferd), h\u00e4tte er wahrscheinlich den Toaster erfunden, aber er konnte einfach nichts anderes als schreiben, und wahrscheinlich wollte er aus finanziellen Gr\u00fcnden nur eine Marktl\u00fccke besetzen. Jedenfalls hat er den Krimi erfunden \u2013 nun ja, unter uns: Eigentlich ist das Bl\u00f6dsinn. Eigentlich m\u00fcsste man das Poe\u2019sche Gesamtwerk lesen, um zu erahnen, warum er da pl\u00f6tzlich einen allwissenden Detektiv auf die Piste schickt, der auf totale Erkenntnis aus ist. Nur vergiss nicht: Du schreibst f\u00fcr Feuilleton, da darf es nur Aussages\u00e4tze geben (\u201ePoe erfand den Krimi.\u201c) oder emphatisch-philosophische Betroffenheitsaxiome (\u201eDas L\u00fcneburger Stadttheater b\u00fcndelt das Weltelend in enigmatischer Apotheose zu einem Welttheater Brechtscher Divergenz in nuce.&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter. Es gibt zwei Arten von Krimis: Whodunits und Nichtwhodunits. Erstere werden auch \u201eR\u00e4tselkrimis\u201c genannt und variieren immer das gleiche Muster: Es geschieht ein Mord, und der sympathische Detektiv von Scotland Yard muss rauskriegen, wer von den f\u00fcnf bis sechsundzwanzig Verd\u00e4chtigen es war. Am Schluss wars immer die Person, von dem man es am wenigsten gemutma\u00dft hat, und Klaus Kinski ist tot, aber Joachim Fuchsberger hat die reiche Erbin abgekriegt. Du kennst ja die Filme.<\/p>\n\n\n\n<p>Komplizierter sind die Nichtwhodunits. Man nennt sie auch \u201ehardboiled\u201c, weil sie, wie der Amerikaner sagt, \u201eEier haben\u201c. Sie entstanden in den Vierzigern in Hollywood, als man f\u00fcr den aufstrebenden Schauspieler Humphrey Bogart geeignete Rollen suchte, aber keine fand. Hercule Poirot konnte er nicht spielen, weil sein franz\u00f6sischer Akzent einfach grauenhaft klang, beinahe belgisch. Aber etwas Kriminelles, Zynisches sollte es schon sein, und da hat man eben zwei Heftchenschmierer, Hammett und Chandler, f\u00fcr die Drehb\u00fccher geholt. Das waren nat\u00fcrlich keine Dichter. Die konnten sogar eine Stra\u00dfe \u00fcberqueren, ohne in den n\u00e4chsten offenen Gully zu fallen. Phantasie hatten sie auch keine, also haben sie die Welt so beschrieben, wie sie war, trivial halt. Aber das kam an, das verkaufte sich, und Bogart bekam Lauren Bacall, und daf\u00fcr konnte man schon mal einen Malteser Falken einfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>So, und jetzt wird\u2019s ganz kompliziert. So wie es Nichtwhodunits gibt, die keine Literatur sind, so gibt es auch welche, die von Literaten geschrieben wurden und genau deshalb schon Literatur sein m\u00fcssen. Notiere dir bitte folgenden Aussagesatz: \u201eFriedrich D\u00fcrrenmatt erfand den literarischen Krimi.\u201c Und das kam so. Der Dichter D\u00fcrrenmatt erwachte eines Morgens \u2013 und hatte Hunger. Drum sagte er sich: Lasst mich einen Krimi schreiben, auf dass ich niemals mehr hungern muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu sollte man wissen: Der Mann wog damals 57 Kilo! Und er schrieb einen Krimi. Und noch einen. Und noch einen. Und am Ende wog er 122 Kilo und schrieb wieder Vollwertliteratur, bis er auf 48 Kilo abgemagert war und als Beinahegewinner des Nobelpreises starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesem Muster des literarischen Krimis folgen bis heute viele Dichter, die es eigentlich besser k\u00f6nnten, aber seltsamerweise nicht bereit sind, f\u00fcr ihre Kunst zu darben. Ein paar Namen: Wolf Haas, Heinrich Steinfest und Matthias Altenburg. Letzterer wog bei einer K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe von 1 Meter 85 ganze 70 Kilo. Jetzt, zwei Erfolgskrimis als Jan Seghers sp\u00e4ter, wiegt er schon 90 Kilo \u2013 bei einer K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe von 1,72!<\/p>\n\n\n\n<p>Der nette junge Mann, der beim letzten <em>poetry slam<\/em> mit seiner Ode an Hartz IV dein soziales Bewusstsein erweitert hat und der so schrecklich mager war, k\u00f6nnte also der n\u00e4chste Krimibestsellerautor sein!<\/p>\n\n\n\n<p>Um ein wenig Tiefe in deine historischen Betrachtungen zu bringen, erw\u00e4hne unbedingt Friedrich Glauser. Friedrich Glauser ist der Robert Walser des Krimis, d.h. ein bissel plemplem war er, keiner versteht ihn bis heute, aber alle schreiben kluge S\u00e4tze \u00fcber ihn. Einen klugen Satz sollte auch dein Feuilletonartikel haben, wir empfehlen diesen: \u201eFriedrich Glausers Kriminalromane betrachten die Welt als g\u00f6ttliche Trag\u00f6die aus der Perspektive eines Clowns in der Zwangsjacke.\u201c Wow!<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir noch schnell zur Einsch\u00e4tzung des Krimis-an-sich, wie es der Feuilletonkonsument beim Fr\u00fchst\u00fcck gerne liest. Notiere dir folgenden Satz: \u201eDie besten Krimis sind gar keine.\u201c Das sind dann \u201epsychologische Krimis\u201c oder \u201esozialkritische Krimis\u201c oder, ganz neu im Angebot, \u201eglobalisierte Krimis\u201c. Sie werden entweder von Literaten verfasst (s.o.) oder \u201eBetroffenen\u201c wie Arbeitslosen, kubanischen Zigarrendrehern und senegalesischen Voodoopriestern. Die darf man auch lesen, wenn man keine Krimis mag, denn sie sind ja erstens keine und zweitens muss auch das Feuilleton ein bisschen die Welt betrachten, von deren Abogeldern es lebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Verschwenden wir zum Schluss noch ein paar S\u00e4tze an den Markt und das Zielpublikum. Merke: Im Gegensatz zur richtigen Literatur bedienen Krimis notorisch \u201eden Markt\u201c, deshalb sind sie auch so erfolgreich, aber eben auch keine Kunst. Sie treffen auf ein Publikum, das nur zu 6% im Besitz eines Abiturs ist, sich allerdings zu 83% wegen akuter oder latenter Welt- und Realit\u00e4tsflucht in psychiatrischer Behandlung befindet. 19% aller Krimileser werden selbst irgendwann einmal straff\u00e4llig, von diesen 19% werden 24% Krimirezensenten und 2% Herausgeber von Krimireihen, und einer sitzt v\u00f6llig \u00fcberraschend im Feuilleton der <em>Zeit<\/em>, aber den erwischen sie auch noch.<\/p>\n\n\n\n<p>So. Und jetzt schreib deine 100 Zeilen. Liest eh keiner.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt ist es passiert! Die Zeitung, bei der du den Journalismus von der Pieke auf lernen willst, hat dich zu 100 Zeilen \u201e\u00fcber Krimis\u201c verdonnert! Dabei hast du doch Germanistik studiert und deine Magisterarbeit \u00fcber \u201eDas Emblematische in der Gelegenheitslyrik von Walter Benjamin\u201c geschrieben! Und jetzt das! Dir! 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