{"id":16406,"date":"2006-02-09T07:48:25","date_gmt":"2006-02-09T07:48:25","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/02\/andrea-maria-schenkel-tannoed\/"},"modified":"2022-06-06T14:44:08","modified_gmt":"2022-06-06T12:44:08","slug":"andrea-maria-schenkel-tannoed","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/02\/andrea-maria-schenkel-tannoed\/","title":{"rendered":"Andrea Maria Schenkel: Tann\u00f6d"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eTann\u00f6d\u201c, das Krimideb\u00fct der Autorin Andrea Maria Schenkel, \u2192 <a href=\"http:\/\/www.kaliber38.de\/woertche\/wcw.htm\"> hat geerntet <\/a> und wird ernten, was es verdient: Lob von allen Seiten. Aber wof\u00fcr eigentlich? F\u00fcr die dramaturgische Aufbereitung der Mordgeschichte? Den multiperspektivischen Blick? Die sehr knappe, aber pr\u00e4zise Sprache? Oder das topografische Gel\u00e4nde, die tiefl\u00e4ndliche Oberpfalz der 50er Jahre?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>So lange ist es noch nicht her, da arbeitete sich der Protagonist zeitgen\u00f6ssischer Prosa wacker oder missmutig, rebellisch oder resignierend an der B\u00e4uerlichkeit ab. Das Landleben war synonym f\u00fcr den Mief und die Engstirnigkeit (etwa in Martin Sperrs \u201eJagdszenen aus Niederbayern\u201c), dann war es pl\u00f6tzlich Heimat, zwischen Nostalgie und n\u00fcchterner Distanz verortet, oder es war einfach authentisch hart. Die Landschaft pr\u00e4gte ihre Menschen, sie machte sie spr\u00f6de und wortkarg, formte und deformierte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Folgerichtig war es eben dieses \u00e4u\u00dfere wie innere Milieu, das sein Personal und seine Geschichten schuf. In Andrea Maria Schenkels Kriminalroman ist es nun aber genau umgekehrt. Das \u201eunerh\u00f6rte Ereignis\u201c selbst bildet sich seine Menschen und die Welt, in der sie sich bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Ein\u00f6dhof wird die f\u00fcnfk\u00f6pfige Familie Tanner mitsamt einer Magd ermordet aufgefunden. Eine merkw\u00fcrdige Sippschaft, \u00fcber die so allerhand gemunkelt wurde, von selbst in dieser Gegend \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Wortkargheit \u00fcber krankhaften Geiz bis zum Inzestverdacht. Die Story des Verbrechens, seines Hergangs und seiner Aufkl\u00e4rung wird nun nicht chronologisch durch einen distanzierten Erz\u00e4hler aufgerollt, sondern aus den Mutma\u00dfungen und Beobachtungen der Dorfbewohner, der Opfer und des T\u00e4ters destilliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist sinnvoll und als Krimi-Idee originell. Wenn die Pfarrk\u00f6chin, der Pfarrer, die Kaufmannsfrau oder der Nachbarsjunge zu erz\u00e4hlen beginnen (\u00fcbrigens nicht im folkloristischen Dialekt, sondern einer beinahe artifiziellen \u201eUmgangs-Hochsprache\u201c), schildern sie nicht nur die Umst\u00e4nde des zentralen Verbrechens, sondern erhellen f\u00fcr einen Moment das Milieu, in dem dieses Verbrechen geschah. Schenkels Sprache tut ein \u00dcbriges. Sie ist knapp und von einer genau kalkulierten Pr\u00e4zision, die nicht auf \u00fcbliche und immer determinierende Charakterzeichnungen aus ist, uns aber ein Soziogramm von akurater Genauigkeit hinterl\u00e4sst, das in der Lage ist, im Kopf des Lesers genau jene Topografien entstehen zu lassen, die alle anfangs genannten Strategien, &#8222;Landleben&#8220; zu schildern, bereits vorgeben. So etwas nennt man Leserbeteiligung, so etwas nennt man Mitdenken, so etwas ist Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leser, den Suspence- und Wer-wars-Gel\u00fcste peinigen, wird diese sehr rasch \u00fcberwinden. Wer nun f\u00fcr den sechsfachen Mord verantwortlich ist und warum, wird sehr schnell klar. Es ist weder belanglos noch ein Vorwand, es ist Teil der Dramaturgie, aber nicht ihr Ziel. Wie hier eine Welt aus einem Verbrechen und dem Reden dar\u00fcber entsteht, ist das eigentlich Spannende an dieser Geschichte, die f\u00fcr ein Deb\u00fct mehr als gelungen ist. So beginnt der Rezensent gerne die Durchsicht der diesj\u00e4hrigen Krimiproduktion.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Andrea Maria Schenkel: Tann\u00f6d. <br \/>Edition Nautilus 2006. 125 Seiten, 12,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eTann\u00f6d\u201c, das Krimideb\u00fct der Autorin Andrea Maria Schenkel, \u2192 hat geerntet und wird ernten, was es verdient: Lob von allen Seiten. Aber wof\u00fcr eigentlich? F\u00fcr die dramaturgische Aufbereitung der Mordgeschichte? Den multiperspektivischen Blick? Die sehr knappe, aber pr\u00e4zise Sprache? 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