{"id":16422,"date":"2006-02-15T07:45:38","date_gmt":"2006-02-15T07:45:38","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/02\/ausgebremst\/"},"modified":"2022-06-16T20:59:57","modified_gmt":"2022-06-16T18:59:57","slug":"ausgebremst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/02\/ausgebremst\/","title":{"rendered":"Ausgebremst"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/unterderlupe.gif\" alt=\"unterderlupe.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>(Manchmal hilft ein genauer Blick, wo die gro\u00dfe Rundumschau einer Rezension nicht weiterhilft. Eine Szene, ein Dialog, eine Kleinigkeit eben. In unregelm\u00e4\u00dfiger Folge seien bestimmten Kritiken Betrachtungen vorgeschaltet, die ein charakteristisches Merkmal des Textes unter die Lupe nehmen, erkl\u00e4ren und seine Auswirkungen auf das Ganze prognostizieren. Heute widmen wir uns Uta-Maria Heims Krimi &#8222;Dreckskind&#8220;, die Besprechung gibt es voraussichtlich n\u00e4chste Woche.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Uta-Maria Heims neuer Roman \u201eDreckskind\u201c beginnt vielversprechend: Eine \u00e4ltere Frau erinnert sich an ihre Kindheit, nach und nach enth\u00fcllt sich ihre tragische Geschichte, das Aufwachsen in einer kinderreichen Bauernfamilie, das Sterben der Geschwister und schlie\u00dflich das traumatische Ereignis. Der kleine Bruder Emil wird von einem Zug erfasst und get\u00f6tet, sie, die jetzt alte Frau, vom Vater f\u00fcr das Ungl\u00fcck verantwortlich gemacht und zum Kr\u00fcppel gepr\u00fcgelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sprachlich ist das in Ordnung; ein wenig zu symbolhaft aufgeladen vielleicht, aber das l\u00e4sst sich verkraften. Ebenso der Sprung in die Gegenwart, als ein kleiner Junge, der wohl nicht zuf\u00e4llig auch Emil hei\u00dft, aus einem Festzelt verschwindet. Die Kapelle spielt gerade, was bei weinseligen Ereignissen im W\u00fcrttembergischen eher ungew\u00f6hnlich ist, eines der \u201eKindertotenlieder\u201c von Gustav Mahler, und der Leser mag sich an Reginald Hills \u201eDas Dorf der verschwundenen Kinder\u201c erinnern, wo eben diesem Liederzyklus eine zentrale Bedeutung zukommt. In Ordnung. Das Ganze etwas gem\u00e4chlich, aber das Ding hat schlie\u00dflich 373 Seiten, die m\u00fcssen gef\u00fcllt werden, und wenn die Autorin so weitermacht, ist es um die Lesezeit nicht schade. Nur: Es kommt anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Seite 37, Auftritt Kriminalhauptkommissar Timo Fehrle. Er soll den Mord an einem kleinen M\u00e4dchen aufkl\u00e4ren, und das Verschwinden des kleinen Emil steht damit im Zusammenhang, ganz klar. Fehrle hat mit Frau und zwei Kindern gerade Urlaub in Italien gemacht, und wir erfahren nun, wie es so war am Gardasee:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eNathan hatte schwimmen gelernt, und Fehrle hatte mit ihm Kieselsteint\u00fcrme gebaut, die Jorinde wieder zerst\u00f6rte. Sie waren mit dem Schlauchboot gepaddelt, Barbara hatte in der Sonne gelegen und gelesen, sie hatten gemeinsam mit den Kindern gekocht und gegessen, und Fehrle hatte die Abende allein mit Barbara verbracht. Wenn die Kinder schliefen, waren sie hinunter zum Strand gegangen und hatten Wein getrunken.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Was man halt in Italien so macht im Urlaub, wenn die Kinder Nathan und Jorinde hei\u00dfen. Doch der sch\u00f6nste Urlaub geht einmal zu Ende, und es hei\u00dft wieder: zur\u00fcck in die Normalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eAm Vortag waren sie zur\u00fcckgekehrt. Die R\u00fcckreise verlief z\u00fcgig. Gegen halb neun kamen sie daheim an. Es war k\u00fchl drau\u00dfen. Es d\u00e4mmerte. Der Himmel war dunkelblau. Im Zwielicht war das Haus unheimlich. Der Neubau wirkte verlassen, obwohl im Flur Licht brannte. In der K\u00fcche lief das Radio. Fehrle machte es aus.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Es d\u00e4mmerte. Exakt. Es d\u00e4mmert dem Leser, dass er gerade in eine F\u00fcllphase der Autorin geraten ist. Irgendwas muss geschrieben werden, irgendwas, das weder zur Geschichte geh\u00f6rt noch wirklich zur Personenzeichnung. Tempor\u00e4res Chichi, gelesen, vergessen. Ein Radio l\u00e4uft und wird ausgemacht. Eine Rolle Toilettenpapier k\u00f6nnte nicht exakt in der Halterung h\u00e4ngen und m\u00fcsste neu justiert werden. So etwa. Aber jetzt setzt die Autorin noch eins drauf:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eUm halb neun hatten sie zusammen gefr\u00fchst\u00fcckt, und Barbara war mit Nathan und Jorinde in die Kirche gegangen. Sie waren evangelisch, Fehrle war katholisch getauft. Als Kind war er bei den Ministranten gewesen; seine Eltern, die weit drau\u00dfen auf dem Land lebten, gingen noch immer regelm\u00e4\u00dfig zur Messe.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>\u00dcber mehrere Seiten hat uns die Autorin nun mit Nichtinformationen gef\u00fcttert, Banalem, das f\u00fcr die Story belanglos ist und in der best\u00fcrzenden Tatsache gipfelt, dass Nathan und Jorinde \u2013 klingt \u00fcbrigens wie der Titel eines zweiklassigen Singspiels aus dem 19. Jahrhundert \u2013 einer anderen Konfession als ihr Vater, der Exministrant, angeh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das mag man schulterzuckend abtun und rasch \u00fcberlesen. Die Auswirkungen jedoch sind verheerend. Der Leser, der durch eine konzentrierte, anspielungsreiche und bedeutungs\u00fcberladene Er\u00f6ffnung in das Buch gelockt wurde und sich seinem Erz\u00e4hltempo angepasst hat, wird brutal ausgebremst. Seine durchaus vorhandene Neugierde weicht der Entt\u00e4uschung, seine gesch\u00e4rften Sinne lesen sich an Plattheiten stumpf. Das ist so, als werde man mit dem Versprechen &#8222;hei\u00dfer Erotik&#8220; in einen Nachtclub gelockt und dort von einer Hausfrau finstersten Mittelalters erwartet, die sich lustlos aus ihrem H\u00fcfthalter qu\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz augenscheinlich hat sich die Strategie der Autorin ge\u00e4ndert. Sie erz\u00e4hlt nicht mehr die Geschichte eines Kriminalfalles, sondern versucht sich an der Zeichnung des ermittelnden Protagonisten, was ihr bei all den Nichtigkeiten, die sie uns \u00fcber ihn zu erz\u00e4hlen wei\u00df, grandios misslingt. Es ist die, nun nennen wir es: Mankellsche Krankheit, die hier w\u00fctet. Der Fokus liegt auf dem Helden, mehr aber auch nicht. Er wird aus reichlich Versatzst\u00fcckartigem zusammengebastelt, die Handlung wird zum aside, zur mehr oder weniger beliebigen Schnur, an der man sich \u00fcber 373 Seiten dem Ende zu hangeln kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es geht so weiter. Eine Kostprobe noch:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eIn seinem Dienstwagen bretterte er auf der B 29 nach Bischofsweiler. Die 7000-Seelen-Gemeinde mit S-Bahn-Anschluss lag etwa drei\u00dfig Kilometer \u00f6stlich von Stuttgart. Dort lebte die Familie seit einem Dreivierteljahr. Bischofsweiler lag im Elchenbachtal, mitten in einer pietistisch gepr\u00e4gten Weingegend, die sich auch zu einem Zentrum der Anthroposophen entwickelt hatte.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Willkommen, bienvenue, welcome to Bischofsweiler! Idyllisch und mit S-Bahn-Anschluss in einer pietistischen Weingegend gelegen&#8230;und wir klappen den Werbeprospekt des \u00f6rtlichen Fremdenverkehrsvereins resigniert zu. Das ist nun der Stil schlechter &#8222;Regionalkrimis&#8220; und immer ein Indiz f\u00fcr entweder das Unverm\u00f6gen oder die Unlust eines Autors, einer Autorin, ihre Arbeit auch im Detail zu feilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob mir \u201eDreckskind\u201c als Krimi zusagen wird. Ich wei\u00df aber, dass es mir schwerfallen wird, bis zum Ende durchzuhalten, mich durch all diese Belanglosigkeiten zu graben, um das St\u00fcckchen Story, das die Autorin verbuddelt hat, nicht aus den Augen zu verlieren. Bin mal gespannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Manchmal hilft ein genauer Blick, wo die gro\u00dfe Rundumschau einer Rezension nicht weiterhilft. Eine Szene, ein Dialog, eine Kleinigkeit eben. In unregelm\u00e4\u00dfiger Folge seien bestimmten Kritiken Betrachtungen vorgeschaltet, die ein charakteristisches Merkmal des Textes unter die Lupe nehmen, erkl\u00e4ren und seine Auswirkungen auf das Ganze prognostizieren. 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