{"id":16429,"date":"2006-02-16T08:49:39","date_gmt":"2006-02-16T08:49:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/02\/didier-daeninckx-statisten\/"},"modified":"2022-06-17T17:07:42","modified_gmt":"2022-06-17T15:07:42","slug":"didier-daeninckx-statisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/02\/didier-daeninckx-statisten\/","title":{"rendered":"Didier Daeninckx: Statisten"},"content":{"rendered":"\n<p>Und die Moral von der Geschicht: Du kannst aus diesem Leben fl\u00fcchten, wohin du willst; es holt dich ein. Sagt Didier Daeninckx in seinem Krimi \u201eStatisten\u201c. Eine bittere Erkenntnis? Eine tr\u00f6stliche.<br \/>Val\u00e8re Notermans ist Jedermann. Seiner Frau und ihres leeren Geschw\u00e4tzes \u00fcberdr\u00fcssig, seines Jobs ebenso, sucht er einen Ort, an den er fl\u00fcchten kann, und findet das Kino. Wann immer ihm danach ist, f\u00e4hrt er auf obskure Filmfestivals in der franz\u00f6sischen Provinz und versenkt sich mit seinesgleichen in die wunderbare Weltferne der reinen Filmkunst. Da trifft man Leute, deren Lebensinhalt sich im listenm\u00e4\u00dfigen Erfassen aller Statisten des \u201eBen Hur\u201c-Films ersch\u00f6pft, man schwelgt im Abseitigen, das, weil abseitig, exklusiv ist und von Kennermund in Kennerohr geraunt wird.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Eines sch\u00f6nen Tages entdecken Notermans und einige Gleichgesinnte obskure Filmrollen im Fundus eines Flohmarkth\u00e4ndlers. Was sie sehen, fasziniert: Ein gro\u00dfes, labyrinthisches Haus mit vielen Zimmern, in diesen Zimmern Frauen, die grausam get\u00f6tet werden. Die Atmosph\u00e4re ist sensationell dicht, meisterhaft, die schauspielerische Leistung der Statistinnen verbl\u00fcffend. Doch woher stammt der Film? Wer hat ihn gedreht? Und wo und wann? Notermans macht sich auf die Suche. Ein Detektiv im Niemandsland der Liebhaberei und Obsession, so scheint es.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch je weiter Ermittler Notermans der wirklichen Welt entr\u00fcckt, desto n\u00e4her kommt er ihr, und am Ende findet er sich auf ihrer dunkelsten Seite wieder. Aus den Zelluloid-Gestalten werden Menschen, aus den Posen Schicksale, aus den winzigen Welten des Films die m\u00e4chtigen des Daseins.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eStatisten\u201c ist KEIN explizit Anticineasten-Krimi, ebenso wenig wie etwa Charles Willefords \u201eKetzerei in Orange\u201c ein Antikunst-Krimi und nur das zu nennen w\u00e4re. Wie alles Gute aus der Abteilung noir liefert er eine Parabel, aus der sich viele Konkreta generieren lassen. Die einen fl\u00fcchten ins Kino, die andern lesen H\u00e4kelkrimis. Diese spielen Fu\u00dfball (und k\u00fcmmern sich einen Dreck darum, unter welchen Bedingungen die B\u00e4lle produziert werden), jene vergraben sich in den Details eines Details eines Details. Was Daeninckx sagen will: Macht nur. Ihr entkommt der Wirklichkeit nicht. Irgendwann werdet ihr unter dem Dreck, den ihr so geflissentlich aus dem Wege schippt, begraben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine noch gedr\u00e4ngtere Form dieser Aussage gibt es in der angeh\u00e4ngten Kurzgeschichte \u201eDer Mann mit der Sammelb\u00fcchse\u201c. Du bist unpolitisch? Je nun. Wenn du zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort bist, hilft dir das nichts. Dann schl\u00e4gt sie dich buchst\u00e4blich tot, die Wirklichkeit, zu der du nicht geh\u00f6ren willst.<\/p>\n\n\n\n<p>Und, Anmerkung: F\u00fcr so etwas braucht Daeninckx gerade einmal 120 Seiten. Geht also. Geht gut.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Didier Daeninckx: Statisten. <br \/>Assoziation A (noir) 2005. 120 Seiten, 9,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und die Moral von der Geschicht: Du kannst aus diesem Leben fl\u00fcchten, wohin du willst; es holt dich ein. 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