{"id":16434,"date":"2006-02-20T07:45:59","date_gmt":"2006-02-20T07:45:59","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/02\/abruptes-ende-einer-heimsuchung\/"},"modified":"2022-06-07T00:04:52","modified_gmt":"2022-06-06T22:04:52","slug":"abruptes-ende-einer-heimsuchung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/02\/abruptes-ende-einer-heimsuchung\/","title":{"rendered":"Abruptes Ende einer Heimsuchung"},"content":{"rendered":"\n<p>Gescheitert. Aufgesteckt. Gerade mal die H\u00e4lfte geschafft von Uta-Maria Heims &#8222;Dreckskind&#8220;, aber jetzt gehts nicht mehr. Schnell noch das Ende. Und dem Herrn auf Knien gedankt, dass ich f\u00fcr diese Aufl\u00f6sung nicht das ganze Buch lesen musste.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dass ich mit diesem Roman nicht gl\u00fccklich werden w\u00fcrde, habe ich \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/02\/ausgebremst.php\"> vorige Woche <\/a> ja schon angedeutet. Meine Bef\u00fcrchtungen haben sich leider bewahrheitet. Den Ausschlag f\u00fcr meine Kapitulation vor Heims Krimi gab eine Analyse, die der Vater des vermissten kleinen Emil anstellt. Er ist Arzt, seine Frau Sybille befindet sich in einer Nervenheilanstalt.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eF\u00fcr ihren Zustand war Sybille letztlich selbst verantwortlich. Sie hatte sich entschieden, sich ihrer Umwelt durch Krankheit zu entziehen. Der Preis daf\u00fcr war, dass sie weggesperrt wurde. Darin bestand bereits das Wesen dieser Krankheit. Im \u00dcbrigen war Sybille nicht krank. Sie verhielt sich absolut zweckgerichtet und sinnvoll. Sie entwickelte Symptome, die es unm\u00f6glich machten, sie weiter in den Alltag zu integrieren, weil sie ihre Umgebung nicht l\u00e4nger ertrug. Sie handelte aus Notwehr. Mit ihrer Weigerung, sich dem Leben zu stellen, entzog sie sich einem t\u00f6dlich manipulierenden Familiensystem. Dieses System war krank.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Es ist schon eine besondere Leistung, in wenigen Zeilen so viel an psychologischem Unsinn und sprachlicher H\u00f6lzernheit unterzubringen. Zuerst ist die Kranke selbst verantwortlich, dann gar nicht krank, weil Verr\u00fcckte ja bekanntlich niemals \u201ezweckgerichtet und sinnvoll\u201c handeln. Dann ist sie scheinbar doch wieder krank, weil sie ihre Umgebung nicht l\u00e4nger tr\u00e4gt. Und am Ende ist nat\u00fcrlich \u201edas System\u201c krank.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diesem Niveau spielt sich so ziemlich alles in diesem Roman ab. Wir qu\u00e4len uns durch Monologe und Analysen von Personen, die der Autorin herzlich egal sind, aus Zeitungswissen zusammengeschraubt (etwa \u201edie Bosnierin\u201c) oder dem, von dem die Autorin glaubt, es sei authentisch (unfreiwillig komisch die \u201eJugendsprache\u201c, die nur von Erwachsenen verwendet wird, die &#8222;keine Peilung haben&#8220;, wie Jugend spricht.). Der Kriminalfall als solcher verschwindet unter diesen Halden informellen und sprachlichen Schutts. Ein historischer Einschub ist eben nur ein historischer Einschub, nichts weiter, man hat halt ein bisserl recherchiert und wollte das Material nicht wegwerfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Schluss ist so, wie Schl\u00fcsse eben sind, zu denen sich die Handlung nicht hin entwickelt. Das ganze lose Nebeneinander von Handlungsstr\u00e4ngen wird miteinander verkn\u00fcppelt, Logik ade, wurscht das alles, der Krimi hat sein Ende, es wird noch ein wenig geschossen und gestorben, und Schluss. Oder um es im Erkenntnisduktus der Autorin zu formulieren: F\u00fcr den Zustand ihres Romans ist Frau Heim letztlich selbst verantwortlich. Sie hat sich entschieden, sich der Erz\u00e4hldramaturgie durch Geschw\u00e4tzigkeit und Bedeutungsschwangerschaft zu entziehen. Der Preis daf\u00fcr ist, dass sie langweilt. H\u00e4tte sie sich doch zweckgerichtet und sinnvoll verhalten! Das System trifft &#8211; keine Schuld?<\/p>\n\n\n\n<p>Nach meiner traumatischen Erfahrung mit Herrn Schorlau und seinem Nonsense nun ein zweiter Fall von \u201eDeutschkrimi\u201c, wie er nicht sein sollte. Er beirrt mich nicht in meiner Ansicht, dass wir hierzulande durchaus einen \u201ePool\u201c talentierter KrimiautorInnen haben, dr\u00e4ngt mir allerdings die Frage auf, warum in den Verlagen nicht ein minimaler Katalog von Qualit\u00e4tskriterien zu gelten scheint, dessen Anwendung uns vor solchen Unterirdischkeiten bewahren k\u00f6nnte. Der knallrote Aufkleber auf Frau Heims Buch erz\u00e4hlt mir, die Autorin sei \u201eKrimipreistr\u00e4gerin\u201c, habe den Deutschen Krimipreis ebenso gewonnen wie den Glauser. Auf dem R\u00fcckumschlag lobt Frau Ingrid Noll unter anderem: <em>\u201eIch habe das Buch mit Vergn\u00fcgen und in einem Rutsch gelesen, denn es ist \u00fcberaus spannend und ausgezeichnet geschrieben.\u201c <\/em>Sp\u00e4testens jetzt fragt man sich irritiert, ob in heimischen Krimilanden nicht etwas furchtbar schiefl\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Uta-Maria Heim: Dreckskind. <br \/>Gmeiner 2006.<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gescheitert. Aufgesteckt. Gerade mal die H\u00e4lfte geschafft von Uta-Maria Heims &#8222;Dreckskind&#8220;, aber jetzt gehts nicht mehr. Schnell noch das Ende. 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