{"id":16460,"date":"2006-03-01T07:55:08","date_gmt":"2006-03-01T07:55:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/lesen-in-einem-zug\/"},"modified":"2022-06-09T10:26:09","modified_gmt":"2022-06-09T08:26:09","slug":"lesen-in-einem-zug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/lesen-in-einem-zug\/","title":{"rendered":"Lesen in einem Zug"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/eisenbahn.jpg\" alt=\"eisenbahn.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine neue Reihe macht es m\u00f6glich. Man setzt sich in den Zug, beginnt zu lesen, steigt aus, vollbringt sein Tagwerk, setzt sich wieder in den Zug, liest \u2013 und das Buch ist ausgelesen. \u201e64 Seiten \u2013 und Schluss!\u201c Das verspricht eine neue Reihe der <em>Edition Nautilus <\/em>\u2013 und das wollen wir doch mal ausprobieren.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Lesen in einem Zug? Ich habe das nie gekonnt. Dieses Lesen in einem ZUG, nat\u00fcrlich. Fr\u00fcher, als Sch\u00fcler, gab es in einem Zug Besseres, N\u00fctzlicheres zu tun, zum Beispiel Hausaufgaben oder taktisches Gepl\u00e4nkel mit M\u00e4dchen. Aber man konnte beobachten, wie Menschen tats\u00e4chlich in einem Zug lasen, Krimis oder Western, die billigen Heftchen mit ihren 60 Seiten. Es waren s\u00e4mtlich Arbeiter, von BOSCH und Bahn, keine Bergleute oder Stahlwerker, die fuhren n\u00e4mlich nicht mit dem Zug, die hatten werkseigene Busse.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die andern eben. Mittelalte M\u00e4nner mit Filzh\u00fcten und speckigen Aktentaschen, in denen neben den Butterbroten die Krimis lagen, nach der Eroberung eines Sitzplatzes ausgepackt wurden, um sich darin zu versenken, bis der Zug seine Bestimmung erreicht hatte. Das gibt es heute nicht mehr; ich kann es beurteilen, denn ich fahre immer noch mit Zug, und wer da liest, sind Frauen (Stephen King ist sehr beliebt), die M\u00e4nner sind keine Arbeiter mehr, sondern erkennbar Bank- und Versicherungsangestellte, und wenn die lesen, dann in deutsch-englischen W\u00f6rterb\u00fcchern oder der lokalen Zeitung.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist also eine Tradition verschwunden, die Arbeiter, die es f\u00fcr 25 Minuten ins New York eines Jerry Cotton verschlagen hat, ein New York also, das es so nie gab, und das passt nat\u00fcrlich zu allem anderen. Heftchen werden weiterhin gekauft, Jerry Cotton gibt es noch, aber im Zug liest ihn niemand mehr. Das ist schade. Denn wo sonst h\u00e4tte Jerry Cotton seine Berechtigung, als dort, wo man zwischen zwei reichlich langweiligen Stationen des t\u00e4glichen Lebens hin und her transportiert wird? Die Z\u00fcge, in denen Arbeiter fuhren, waren immer solche Orte, an denen der Alltag f\u00fcr ein paar Minuten sein Recht verloren hatte. Man pendelte zwischen dem Privatleben, in dem das Geld nie reichte, und dem Berufsleben, in dem dieses nie ausreichende Geld verdient werden musste, und man nutzte diese Zeit f\u00fcr einen Sprung in den Jungbrunnen der Imagination.<\/p>\n\n\n\n<p>Heftchen, das gebe ich zu, waren f\u00fcr mich lange das, was sie f\u00fcr die meisten sind: Schund, nicht der Rede wert. Ich selbst hatte nur eine kurze Jerry-Cotton-Phase, ja, ich las Montags Jerry Cotton und Dienstags lieber Hemingway. Aber mir ist sp\u00e4ter klargeworden, wie wichtig diese Heftchen f\u00fcr einen bestimmten Typus Mensch waren. Den Arbeiter eben, den kleinen Angestellten. Wer heute Jerry Cotton liest und warum, wei\u00df ich nicht. Aber dieses Im-Zug-Lesen war existentiell, und darum waren auch diese Heftchen existentiell, und das Naser\u00fcmpfen von uns Besserwissern war so dumm und unreif wie das meiste, was wir getan haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich konnte also nie im Zug lesen, aber jetzt will ich es versuchen, der Edition Nautilus sei Dank. Dort n\u00e4mlich sind soeben die drei ersten Hefte der neuen Reihe \u201eKaliber .64\u201c erschienen, wie der Name schon andeutet akkurat 64seitige Krimis durchaus namhafter Autoren. Herausgegeben wird die Reihe von Volker Albers, der ja schon die \u201eSchwarzen Hefte\u201c bis zu ihrem Ende betreut hat. Eine gute Sache also per se, auch wenn man wei\u00df, dass die l\u00e4ngere Erz\u00e4hlung, die &#8222;Criminalnovelle&#8220; gar als Wiege des Krimis betrachtet werden kann. Und irgendwann, mangels Publikationsm\u00f6glichkeiten, auszusterben drohte.<\/p>\n\n\n\n<p>Namhafte Autoren, sagte ich. N\u00e4mlich die hier: Robert Brack, \u201eKalte Abreise\u201c, Robert Lynn, \u201eTochterherz\u201c und Carmen Korn, \u201eDer Fall der Engel\u201c. Schmale Heftchen mit gutem Papier, etwas gr\u00f6\u00dfer als die Reclam-B\u00e4ndchen, aber handlich genug, wirklich Taschenb\u00fccher genannt zu werden (im Gegensatz zu den 500-Seitern, mit denen man uns sonst so bewirft). Die also werde ich, in alphabetischer Reihenfolge, ab sofort im Zug lesen und dann hier vorstellen. Und kurz berichten, wie es mir dabei ergangen ist. Ob diese Reminiszenz von den Arbeitern, die es in Z\u00fcgen nicht mehr zu geben scheint (heute fahren sie Auto oder sind arbeitslos), irgendwie in meine Gegenwart geholt werden kann und wie oder nicht und warum nicht. Das ist also ein kleines Experiment. Ach ja: Die Hefte kosten 4,90 \u20ac das St\u00fcck, f\u00fcr jede Saison sind drei geplant.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine neue Reihe macht es m\u00f6glich. 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