{"id":16466,"date":"2006-03-03T08:12:59","date_gmt":"2006-03-03T08:12:59","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/robert-brack-kalte-abreise\/"},"modified":"2022-06-05T23:34:19","modified_gmt":"2022-06-05T21:34:19","slug":"robert-brack-kalte-abreise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/robert-brack-kalte-abreise\/","title":{"rendered":"Robert Brack: Kalte Abreise"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/eisenbahn.jpg\" alt=\"eisenbahn.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>[Na, das f\u00e4ngt ja toll an: Der Zug fast leer (Schulferien), aber ein Mief, als h\u00e4tte gerade eine Horde Restalkoholisierter das Abteil geentert. Und dann das:]<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eHamburg: In der Pr\u00e4sidentensuite des Hotels Atlantic an der Au\u00dfenalster wurde heute Nachmittag w\u00e4hrend einer Hotelbesichtigung die Leiche eines unbekanntes Mannes gefunden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>So beginnt Robert Bracks \u201eKalte Abreise\u201c, wir sind also mittendrin und ich bin gleich zweimal mittendrin: Zugabteil &#8211; Kriminalerz\u00e4hlung.<\/p>\n\n\n\n<p>[Und das ist er nat\u00fcrlich: der Reiz des Ganzen. Der Eskapismus. Der Kontrast. Pr\u00e4sidentensuite des Hotels Atlantic an der Au\u00dfenalster. Nicht: Im Nahverkehrszug von Pirmasens nach Saarbr\u00fccken wurde heute Morgen die Leiche eines unbekannten Mannes gefunden. Er hatte ein blaues Taschenbuch in der erkalteten Hand.]<\/p>\n\n\n\n<p>In der Pr\u00e4sidentensuite wohnt der Pr\u00e4sident der \u201eKaukasischen Demokratischen Republik\u201c, aber der ist verschwunden, die Leiche ist jemand anderes. Dreizehn Damen vom Hausfrauenverband Bergedorf haben ihn gefunden, \u201ew\u00e4hrend einer Hotelbesichtigung\u201c, wie gesagt,<\/p>\n\n\n<p>[und jetzt stutze ich doch: Darf man im Hotel Atlantic einfach so bewohnte Zimmer, gar noch von Pr\u00e4sidenten fiktiver kaukasischer Republiken besichtigen? Seltsam. Ich meine: Ich h\u00e4tte nichts dagegen, wenn sich die junge Dame, die jetzt einsteigt, neben mich setzen w\u00fcrde. Der Platz ist ja noch frei. Wir k\u00f6nnten uns dann erst mal gegenseitig besichtigen. Aber keine Chance: Es sind viel zu viele Pl\u00e4tze frei heute morgen.]<\/p>\n\n\n\n<p>Auftritt Kommissar Leipziger, Seite 10, Typ ungehobelter Klotz, nebst etwas einf\u00e4ltig wirkendem Assistenten. Aha. Und jetzt geht\u2019s los: Die ganzen Verwicklungen: Ein Hotelmanager, vor allem aber eine Hoteldetektivin, die sich angesichts der Leiche merkw\u00fcrdig benimmt. Keine Frage: Die kennt den! Der hat keine Schuhe an! Wo sind die nur?<\/p>\n\n\n\n<p>[Ganz klar: Das ist ein 64-Seiter (genauer: 62-Seiter), da geht\u2019s zur Sache. Keine \u201eMilieustudien\u201c, die den Leser gemach in eine andere Welt ziehen. W\u00e4r auch schwer im Zug, trotz erfreulicher Rotzl\u00f6ffellosigkeit heute. Ein Frau von Seidevitz f\u00e4hrt Brack auf, eine \u00e4ltere Dame, von ihren Freundinnen \u201eMiss Marple\u201c genannt, die ihren Hund mit teurem Fleisch f\u00fcttert. Aber die kann \u2013 wir sind schon auf Seite 32! \u2013 nur eine Nebenrolle spielen. Entkr\u00e4ftet aber den Verdacht, der verschwundene Pr\u00e4sident habe mit Rauschgift gehandelt. Nee, gehandelt wohl, aber mit was ganz anderem&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p>Jo, Seite 32, so schnell geht das. Brack schreibt das ganz witzig, fast parodistisch. Wir lernen einen amerikanischen Million\u00e4r kennen, der einen Chauffeur hat, der selbst einen Chauffeur hat. Liest sich, ich bin gleich am Ziel, wirklich nett, wenn auch nicht mit jener Atemlosigkeit, die das Buch zum Pageturner machen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>[Ja. Zwischenfazit, w\u00e4hrend ich noch zehn Minuten bis zum B\u00fcro laufen muss: Von einem so kurzen Krimi kann ich keinen \u201eSpannungsbogen\u201c im herk\u00f6mmlichen Sinn erwarten, wie etwa bei \u2013 was lese ich gerade noch \u2013 Reginald Hill. Dabei packt Brack im Grunde all das in die erste H\u00e4lfte seines Textes, was Hill auch reinpackt: Das Verbrechen nat\u00fcrlich, einen \u00fcberschaubaren Kreis von potentiell Verd\u00e4chtigen, Theorien, Hinweisen, falschen F\u00e4hrten. Aber bei Hill erlese ich mir das. Bei Brack bekomme ich es genannt. Er kann aber gar nicht anders. Nein, er entfremdet mich nicht von meiner realen Au\u00dfenwelt, so wie es Hill schafft. Wenn ich den lese, h\u00f6re ich nicht einmal das Telefon, wenn es klingelt. Bei Brack schaue ich ab und zu aus dem Fenster, wenn der Zug h\u00e4lt, wenn ein Reisender an mir vorbeigeht, wenn der Typ da dr\u00fcben seinen Heavy Metal jetzt aber volle Lotte durch die Kn\u00f6pfchen in die Ohren jagt. Brack muss eine andere Strategie verfolgen: Die Leute m\u00f6glichst elegant unterhalten, ein bisschen witzeln und hinsichtlich der Aufkl\u00e4rung des Mordes bei der Stange halten. Und das macht er bisher gut. Doch, doch.]<\/p>\n\n\n\n<p>[Feierabend. Zug. Proppenvoll. Platz neben einem sehr dicklichen Barttr\u00e4ger, der unbeweglich aus dem Fenster guckt. Gut so. Weiterlesen.]<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein paar Verwicklungen. Bilder h\u00e4ngen nicht mehr dort, wo sie eigentlich h\u00e4ngen sollten. Der Kommissar findet ein paar Schuhe, die ganz offensichtlich dem Toten geh\u00f6ren. Hotelg\u00e4ste berichten von einem \u201ePhantom\u201c, einem Schwarzgekleideten, der n\u00e4chtens durch die Flure schleicht. Die Hoteldetektivin ist der Schl\u00fcssel, das ahnt man. Langsam n\u00e4hert sich der Krimi seinem H\u00f6hepunkt. Die Hoteldetektivin packt aus. Sie kennt den Toten, das war ja klar. Tja, und der Schwarzgekleidete ist eigentlich&#8230;aber sofort eine neue Verwicklung, die Aufl\u00f6sung \u2013 und pl\u00f6tzlich ist der Fall gel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>[Hm. Spannung? N\u00f6. Ich war nie in der Gefahr, an der falschen Station auszusteigen. Spannung in einer Kriminalerz\u00e4hlung? Das scheitert meist schon an der schieren quantitativen Beschr\u00e4nkung. Was nicht unbedingt ein Nachteil ist. Stellen wir uns vor, \u201eKalte Abreise\u201c w\u00e4re als richtiger, sagen wir 300-seitiger Krimi konzipiert, bei unver\u00e4ndertem Grundger\u00fcst. Herr Brack, schlecht beraten, h\u00e4tte das Ding aufblasen k\u00f6nnen. Kommissar Leipziger hat nat\u00fcrlich private Probleme, seine noch minderj\u00e4hrige Tochter macht ihm Sorgen und er findet sie im Hotel, wo sie der Prostitution nachgeht, um ihre Drogensucht zu finanzieren, ihr Dealer wohnt selbstredend auch im Hotel, was einen sch\u00f6nen Nebenstrang ergibt, mindestens 120 Seiten. Doch, nicht lachen, so was gibt\u2019s! Dann k\u00f6nnte man auch noch die \u201eAtmosph\u00e4re\u201c einarbeiten. Menschen im Hotel, das ist beliebt, das gibt noch einmal 60 Seiten. Ein zweiter Mord darf nicht fehlen. Die Hoteldetektivin muss dran glauben! Die wei\u00df zuviel! Macht noch mal 30 Seiten, und schon w\u00e4ren wir nahe an den 300. Das Ende nat\u00fcrlich langgezogen wie ein Kaugummi. So h\u00e4tte es Herr Brack ja auch machen k\u00f6nnen. Durfte er aber nicht. Gott seis gedankt. So, ich muss jetzt aber wirklich aussteigen.]<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Robert Bracks \u201eKalte Abreise\u201c ist ein gut geschriebener, stellenweise witziger kleiner Krimi. Er verwaltet seine Beschr\u00e4nkungen \u00fcberlegt \u00f6konomisch und bedient die \u201eGenrebed\u00fcrfnisse\u201c des Lesers mit gekonnter Routine. Es ist ein \u201eGro\u00dfkrimi\u201c im Schnelldurchlauf, auf \u201edie L\u00f6sung\u201c kann es nicht wirklich ankommen, Brack muss seine Pluspunkte vorher sammeln, indem er den Leser angenehm unterh\u00e4lt. Und das tut er. H\u00fcbscher Einsteig in die neue Reihe.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Robert Brack: Kalte Abreise. <br \/>Edition Nautilus 2006. 62 Seiten, 4,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Na, das f\u00e4ngt ja toll an: Der Zug fast leer (Schulferien), aber ein Mief, als h\u00e4tte gerade eine Horde Restalkoholisierter das Abteil geentert. 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