{"id":16492,"date":"2006-03-06T07:40:25","date_gmt":"2006-03-06T07:40:25","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/sexncrime\/"},"modified":"2022-06-07T01:13:08","modified_gmt":"2022-06-06T23:13:08","slug":"sexncrime","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/sexncrime\/","title":{"rendered":"Sex&#8217;n&#8217;crime"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/k_krimis.gif\" alt=\"k_krimis.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Sex. Sie erinnern sich? Seit Kollege Bischnik, der mit mir auf der Stube sitzt und f\u00fcr die Erwerbssteuerpflichtigen A-H zust\u00e4ndig ist, einen Krimi schreibt, h\u00f6re ich das Tag f\u00fcr Tag, und jedesmal verzweifelter: Sex, Sex, Sex! Wie mache ich aus meinem crime einen z\u00fcnftigen SEX &amp; crime?<br \/>Denn, unter uns, die Sache ist doch so: Heute liest kein Mensch mehr einen normalen Krimi. Irgendwas Besonderes sollte schon drin sein. Humor, die fr\u00e4nkische K\u00fcche, das Wiesbadener Land, drei Seiten Sozialkritik oder wenigstens eine abgekupferte Weisheit aus \u201ePsychologie Heute\u201c oder der Lebensberatungsecke der \u201eBrigitte\u201c. Oder Sex. Aber das ist das Schwierigste.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nehmen wir unseren Kollegen Bischnik. Der Mann hat soviel Phantasie wie die Anlage GSE zur Einkommenssteuererkl\u00e4rung. Die meistbenutzte Vokabel seines Wortschatzes hei\u00dft \u201eGrundsteuerveranlagung\u201c, er benutzt kaum Verben, sondern substantiviert geradezu manisch: \u201eDie Hingebung der Frau an die Schwellung des Mannes erfolgte mit einer St\u00f6hnung, die auf Beidseitigkeit der an der Begattung Beteiligten ihre Beruhung fand.\u201c Na sch\u00f6n. F\u00fcr einen simplen Krimi muss man sagen: stilistisch akzeptabel, das merkt keine Sau. Aber der Sex&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu\u201c, sagte der Kollege Bischnik vor drei Tagen zu mir und sah von der Tastatur auf, in die er, wie in jeder Mittagspause seit 4 Monaten, seinen Krimi hackt: \u201eDu \u2013 Hast du eigentlich Ahnung von Sex?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nun muss man wissen, dass der Kollege Bischnik seit 32 Jahren verheiratet ist, also seit wenigstens 20 Jahren garantiert sexfrei lebt. Ich hingegen bin Junggeselle und den Vergn\u00fcgungen des Lebens durchaus nicht abgeneigt. Also auch Experte f\u00fcr Sex. Leider erz\u00e4hle ich das dem neidischen Kollegen seit f\u00fcnf Jahren fast jeden Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann kannst du mir helfen!\u201c, rief er jetzt fast euphorisch. \u201eEs ist n\u00e4mlich das Folgende: Mein Held, ein gewisser Kriminalhauptkommissar Erwin St\u00f6ffel, ist in die Hauptverd\u00e4chtige, das Fr\u00e4ulein Ernestine Riotte verliebt und jetzt wird es Zeit, dass die beiden&#8230;na, du wei\u00dft schon.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSch\u00f6n\u201c, antwortete ich stoisch. \u201eDann lass Sie halt in die Kiste steigen.\u201c Der Kollege sank in sich zusammen. \u201eAber wie? Ich meine \u2013 ich schreibe blo\u00df einen Krimi, ich bin kein Literat. Aber eine SEXSZENE! Das muss doch sprachlich 1 A sein, wei\u00dft du?! Das muss doch flie\u00dfen wie ein Gedicht! Da muss man W\u00f6rter benutzen, die man zuletzt in der Schule im Deutschunterricht geh\u00f6rt hat, als der junge Werther dran war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich tat so als d\u00e4chte ich nach und sch\u00fcttelte gr\u00fcbelnd den Kopf. \u201eHast du schon was geschrieben? Lies doch mal vor!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anfangs str\u00e4ubte sich Kollege Bischnik noch etwas, doch endlich hob er an und las:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eSt\u00f6ffel starrte auf den nackten Leib Ernestines, der sich ihm wie eine reife Frucht vom Himmelblau der Tagesdecke entgegenw\u00f6lbte. \u201aKomm\u2019, fl\u00fcsterte die Entbl\u00f6\u00dfte, und in ihrer Stimme vereinigten sich Lust, Abscheu und das Archaische eines bislang unterdr\u00fcckten Nachkommenswunsches. St\u00f6ffel entledigte sich seiner Beinkleider und griff, nach einer Sekunde sittlicher Verz\u00f6gerung, in das gespannte Feinripp seiner Unterhose. Es konnte beginnen. Wie ein himmlischer Gedanke in den Kopf eines Engels, so fuhr das Werkzeug des Mannes in die&#8230;\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>\u201eJa\u201c, unterbrach Bischnik, \u201eund weiter bin ich noch nicht. Wie findest du das?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHm \u2013 fast kaum Substantivierungen. Das ist schon mal gut. Aber&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kollege Bischnik st\u00f6hnte auf. \u201eGelt, du merkst es auch! Das ist nichts, gar nichts! Das ist&#8230;irgendwie anders, als unsereiner den Sex in Erinnerung hat. Aber es ist doch ein Krimi, Mensch! Da muss ich doch in die Vollen steigen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann tus doch\u201c, gab ich lapidar zur Antwort. \u201eEin Krimi, genau. Aber was f\u00fcr einer? H\u00e4kelkrimi oder hardboiled?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kollege Bischnik \u00fcberlegte. \u201eKeine Ahnung. Ich meine&#8230;es muss halt gut klingen. Nach mehr, verstehst du? So, als k\u00f6nnte ich wirklich schreiben. Das ist ja das T\u00fcckische an diesen Krimis. Jeder kann einen schreiben, aber beim Sex, da soll man pl\u00f6tzlich den Dichter raush\u00e4ngen lassen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schlo\u00df die Augen und lie\u00df ein paar Sekunden verstreichen. Dann \u00f6ffnete ich die Augen und sagte langsam: \u201ePass mal auf. Nehmen wir an, du schreibst einen hardboiled. Da m\u00fcsste, wie der Name schon sagt, alles ziemlich hart und ausgekocht sein. Etwa so.\u201c Und ich begann aus dem Stehgreif:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eEr griff mit der Linken in ihre oberen Weichteile, quetschte sie wie eine Zitrone und wartete auf den Saft. Der Nippel wuchs wie eine buddhistische Pagode aus dem Fettgewebe. Mehr hatte er noch nie tun m\u00fcssen, um eine Frau auf 180 zu bringen. Der Rest war Schweigen und Schwellen und Schweinigeln. Er stie\u00df zu, sie stie\u00df zur\u00fcck. Sie kam wie ein Brief per Eilpost, er wie die Eieruhr, wenn sie auf &#8218;weich&#8216; gestellt ist. Sie&#8230;\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>\u201eHalt, halt!\u201c, schrie der Kollege Bischnik panisch, \u201edoch keine Pornografie! Ich will ja die Zielgruppe f\u00fcr meinen Krimi m\u00f6glichst gro\u00df halten! Das ist doch quasi meine private Rentenversicherung!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich warf ihm einen mitleidigen Blick zu. \u201eJa dann. H\u00e4kelkrimi.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeinetwegen\u201c, resignierte Bischnik. \u201eIch glaube, das trifft die Sache eh genauer. In meinem Krimi geht es n\u00e4mlich um eine finanzamtsinterne Intrige, bei der der Abteilungsleiter mit einem Briefbeschwerer erschlagen wird. Der Kommissar ermittelt, und die Riotte ist halt die Sekret\u00e4rin von dem Opfer, und dann gibt es als Verd\u00e4chtige noch den Finanzsekret\u00e4r Struse, den Finanzoberamtsrat Meinicke, die Gesch\u00e4ftsfrau Sonntag&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGenug, genug!\u201c warf ich ungeduldig ein. \u201eDas h\u00f6rt sich wirklich wie ein Krimi an, bei dem man locker 20 Topflappen h\u00e4keln kann. Da muss die Sexszene passgenau eingef\u00fcgt werden, so dass der Leser, die Leserin gar nicht merkt, dass da kopuliert wird, aber das Gef\u00fchl hat, etwas Hocherotisches zu lesen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGenau!\u201c, best\u00e4tigte Bischnik. \u201eLiteratur eben! Nix Genaues wei\u00df man nicht, aber man ahnt, dass da gerade was Hochinteressantes passiert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich \u00fcberlegte abermals eine Weile und diktierte dann dem Kollegen Bischnik nachfolgende S\u00e4tze in die tippenden Finger:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eSt\u00f6ffel beugte sich \u00fcber die Schulter der Ernestine Riotte und dachte, w\u00e4hrend die flinken Finger der Dame das Hartplastik der Tastatur bearbeiteten, an seinen letzten Urlaub in den bayrischen Alpen. Er hatte dort manchen Berg erklommen, um den sich zun\u00e4chst Nebel wie ein wei\u00dfes Sommerkleid gelegt hatte, der dann aber, je h\u00f6her er stieg, verschwunden war, bis der Zauselberg und der Kipferlberg wie eineiige Zwillinge in ihrer vollen Pracht zu seinen F\u00fc\u00dfen lagen und er endlich seinen Eispickel in eine Nische der Wand schlagen konnte. Er kletterte empor und kam ins Schwitzen. Der Berg schien ebenfalls zu schwitzen, so dass St\u00f6ffel, ersch\u00f6pft und pumpend, in einer Vertiefung des Felsens rasten musste. Er biss in seine K\u00e4sestulle, und der K\u00e4se quoll zwischen den Scheiben heraus und ergoss sich \u00fcber den Berg. Dann richtete sich St\u00f6ffel auf, stellte sich aufrecht hinter Fr\u00e4ulein Riotte hin und schnaufte. Fr\u00e4ulein Riotte wandte sich nach ihm um und l\u00e4chelte. \u201aIst Ihnen auch so hei\u00df, Herr Kommissar? Ich bin ganz fertig\u2019\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>\u201ePerfekt!\u201c, jubelte Bischnik. \u201eIch wei\u00df zwar nicht, um was es eigentlich geht, aber das ist gro\u00dfe Literatur! Das ist Sex! Gekauft!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde ihn nicht bitten, mir ein Freiexemplar seines Krimis zu spendieren. Irgendwie ist mir das alles so peinlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr K.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Herr K. arbeitet als Sachbearbeiter bei der Oberfinanzdirektion Oberursel. Seine Lieblingskrimiautoren sind: alle deutschen RegionalkrimiautorInnen, weil sie die lustigsten Sexszenen schreiben)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sex. Sie erinnern sich? Seit Kollege Bischnik, der mit mir auf der Stube sitzt und f\u00fcr die Erwerbssteuerpflichtigen A-H zust\u00e4ndig ist, einen Krimi schreibt, h\u00f6re ich das Tag f\u00fcr Tag, und jedesmal verzweifelter: Sex, Sex, Sex! 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