{"id":16506,"date":"2006-03-08T10:38:47","date_gmt":"2006-03-08T10:38:47","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/die-kriminalerzaehlung-1\/"},"modified":"2022-06-12T21:51:43","modified_gmt":"2022-06-12T19:51:43","slug":"die-kriminalerzaehlung-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/die-kriminalerzaehlung-1\/","title":{"rendered":"Die Kriminalerz\u00e4hlung -1-"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ja, da braut sich wieder etwas zusammen. Da kann wieder einer nicht das Erreichte genie\u00dfen, sondern muss gleich blindlings auf das n\u00e4chste Ziel losgehen. Blindlings? Nein, nicht doch. Er macht sich so seine Gedanken. Sie ranken sich um die Kriminalerz\u00e4hlung und werden hier in n\u00e4chster Zeit dem verehrten Publikum zur gef\u00e4lligen Kenntnis gebracht. Teilweise noch ungeordnet. Und was steht am Ende? Nat\u00fcrlich ein neues Projekt. Man kennt es von diesem Menschen ja gar nicht anders.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Poe did it. Even Arthur Conan Doyle did it. Sie schrieben Kriminalerz\u00e4hlungen. Handliche Geschichten im zweistelligen Seitenbereich, die sich leicht publizieren, das hei\u00dft: zu Geld machen lie\u00dfen. Heute ist das, wie so vieles, anders. Nein, nicht erst seit heute. Schon vor Jahrzehnten beklagte der Autor Arno Schmidt den Niedergang der l\u00e4ngeren Erz\u00e4hlung mangels geeigneter \u00d6rtlichkeiten, sie zu ver\u00f6ffentlichen. Ein allgemein-literarisches Lamento, und f\u00fcr Kriminalerz\u00e4hlungen sieht es nicht viel besser aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n; es gab die \u201eSchwarzen Hefte\u201c, es gibt jetzt \u201eKaliber .64\u201c. Von Zeit zu Zeit erscheinen Sammelb\u00e4nde mit Erz\u00e4hlungen, doch zu gro\u00dfen Rennern werden die nicht. Das Lesepublikum d\u00fcrstet nach dem papiernen Ziegelstein, dessen dramaturgische Konzeption l\u00e4ngst in die Gesetzestafeln des \u201eGenres\u201c geritzt ist. Verwicklungen, F\u00e4hrten, die psychischen Innereien des Personals, mit dickgreller \u00d6lfarbe gepinselte Atmosph\u00e4ren, Aussagesatz an Aussagesatz, damit auch der unkonzentrierteste Leser begreift, wie er eine Szene verstehen soll, m\u00f6glichst auch noch Nebenstr\u00e4nge, die \u2013 Kommissar Zufall f\u00fchrt Regie \u2013 den Hauptstrang umranken. Und nat\u00fcrlich der suspense-Zwang, der Action-Zwang, der Botschafts-Zwang, der Am-Ende-wird-alles-gut-Zwang. Macht zusammengez\u00e4hlt 300, 400, 500 Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es auch anders geht, beweist momentan Andrea Maria Schenkel mit \u201eTann\u00f6d\u201c, einem Krimi, der ohne Ermittler und Ermittlungen auskommt, ohne beh\u00e4bigen, alles bis ins Detail zerredenden Erz\u00e4hlton. Folgerichtig auch nur 125 Seiten, die im Kopf des Lesers eine Welt entfalten. Nimmt man es genau, ist \u201eTann\u00f6d\u201c kein \u201eRoman\u201c, sondern eine Novelle, in deren Mittelpunkt seit Goethes Definition \u201eein unerh\u00f6rtes Ereignis\u201c steht. Nun ist nicht alles Novelle, was nicht romandick ist. Aber der Kriminalfall als solcher, ein \u201eunerh\u00f6rtes Ereignis\u201c par excellence, schreit geradezu nach novellistischer Umsetzung.<\/p>\n\n\n\n<p>Besieht man sich aber die herk\u00f6mmliche Kriminalerz\u00e4hlung, so ist sie meistens nichts weiter als ein zum Miniformat eingedampfter Roman. Das war nicht immer so. Zur Hochzeit der deutschen Kriminalerz\u00e4hlung etwa, im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts, hielten keine \u201eGenregesetze\u201c den Krimi in der Spur. Er verarbeitete keine Verbrechen zu abendf\u00fcllenden Lesepackungen, sondern nutzte sie zu anderen Zwecken: moralischen wie demagogischen, erbaulichen wie abschreckenden, er war gleichsam Unterhaltung als Belehrung und Belehrung als Unterhaltung. Wichtiger aber noch: Er zeigte die Wirklichkeit, er schickte Nachrichten aus dieser Wirklichkeit in diese zur\u00fcck, wo ein notorisch un- und desinformiertes Publikum diese dankbar aufnahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch k\u00fcnstlerisch wurde die Kriminalerz\u00e4hlung pr\u00e4gend. Sie war ein Experimentierfeld, auf dem die Vereinbarkeit von schierer Unterhaltung und komplexerer, \u201eernsterer\u201c Thematik gepr\u00fcft wurde. Damit stand sie, ohne es zu wissen oder nur zu erahnen, in der Tradition eines Urvaters: Edgar Allan Poe. Dessen Erz\u00e4hlungen, die nach allgemeiner Auffassung das ganze Genre aus der Taufe hoben, waren weit mehr als \u201eunheimliche Geschichten\u201c oder Manifestationen der \u00dcberlegenheit menschlicher Intuition und Kombinatorik. Um es nur anzudeuten: Hatte Poe zuvor das Bekannte verlassen, um ins Unbekannte vorzusto\u00dfen (\u201eArthur Gordon Pym\u201c und \u201eJulius Rodman\u201c), so ging er in seinen Kriminalerz\u00e4hlungen den Weg zur\u00fcck, vom Unbekannten (Etwas Unerh\u00f6rtes ist geschehen und muss erkl\u00e4rt werden) zum Bekannten (Das Unerh\u00f6rte wird mit Hilfe von Induktion und Deduktion erkl\u00e4rt.). Hier also ein endlicher Prozess (Es ist eine L\u00f6sung), dort ein unendlicher (Es gibt viele Fragen, aber keine Antworten).<\/p>\n\n\n\n<p>Dies an anderer Stelle ausf\u00fchrlicher, hier nur in Andeutung um aufzuzeigen, welches Potential in Kriminalerz\u00e4hlungen stecken kann, wenn man sie nicht nur als Babyromane sieht, sondern als ein Feld, das geeignet scheint, Genregrenzen dadurch zu verwischen, dass man sie bewusst missachtet, sprich: mit den scheinbaren Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten experimentiert).<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten drei B\u00e4nde von \u201eKaliber .64\u201c (die Besprechung des zweiten folgt am Freitag) sind gelungene und unterhaltsame Beispiele f\u00fcr mit Sachkenntnis \u201eeingedampfte\u201c Romane, wogegen gar nichts einzuwenden ist. \u201eTann\u00f6d\u201c steht f\u00fcr die andere Richtung, die l\u00e4ngere Erz\u00e4hlung als Experimentierfeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Und warum erz\u00e4hle ich das jetzt? Dazu mehr beim n\u00e4chsten Mal.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, da braut sich wieder etwas zusammen. Da kann wieder einer nicht das Erreichte genie\u00dfen, sondern muss gleich blindlings auf das n\u00e4chste Ziel losgehen. Blindlings? Nein, nicht doch. Er macht sich so seine Gedanken. Sie ranken sich um die Kriminalerz\u00e4hlung und werden hier in n\u00e4chster Zeit dem verehrten Publikum zur gef\u00e4lligen Kenntnis gebracht. 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