{"id":16508,"date":"2006-03-09T08:21:38","date_gmt":"2006-03-09T08:21:38","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/jacques-berndorf-requiem-fuer-einen-henker\/"},"modified":"2022-06-12T21:53:23","modified_gmt":"2022-06-12T19:53:23","slug":"jacques-berndorf-requiem-fuer-einen-henker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/jacques-berndorf-requiem-fuer-einen-henker\/","title":{"rendered":"Jacques Berndorf: Requiem f\u00fcr einen Henker"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Eifel. Der Krimi. Berndorf. Und dazwischen immer mal wieder ein Abstecher in die hohe Politik (das unfassbar schwache \u201eEine Reise nach Genf\u201c um den Barschel-Fall) und den Dreck der Geheimdienste. Nun bin ich weder ein \u201eFan\u201c von Eifel-Berndorf (obwohl er einer der ertr\u00e4glichsten Schreiber von Regionalkrimis ist) noch generell von Polit-Spionage-Thrillern. Der Verriss von \u201eRequiem f\u00fcr einen Henker\u201c scheint also vorprogrammiert.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein \u00e4lteres Werk (1990) des Autors ist das, dies vorweg, ebenso wie \u201eDer letzte Agent\u201c, das der kbv-Verlag voriges Jahr ver\u00f6ffentlichte. Aktzeit also: Ende der Achtziger Jahre, die Welt ist im Umbruch, doch die Geheimdienste haben davon noch reichlich wenig mitbekommen. Siggi Baumeister sitzt in seinem Eifelkaff, seine Katze ist schwanger, er entsprechend nerv\u00f6s. Dann ein kleiner schmutziger Auftrag, das Privatleben eines Bonner Politikers soll an den Pranger, Baumeister macht sich auf ins Bundesdorf, geht, nachdem sich alles als Windei entpuppt hat, noch ein wenig im Regierungsviertel spazieren und stolpert \u00fcber eine Leiche. Ein Penner, erschlagen. Ein Penner? Nat\u00fcrlich nicht. Ein mysteri\u00f6ser Typ, N\u00e4he zu Ministerien, N\u00e4he zum Geheimdienst. Und ehe er sichs versieht, steckt Baumeister in einem sensationellen Fall, der tendentiell geeignet scheint, die Fundamente der Republik zu ersch\u00fcttern&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Mal ganz grunds\u00e4tzlich: Ich habe keine Ahnung, wie Geheimdienste \u201efunktionieren\u201c. Ein bisschen Zeitunglesen und Fernsehen sagen mir jedoch, dass es weder so propper abgeht wie in James-Bond-Filmen noch so kalkuliert wie bei John Le Carr\u00e9. Jedenfalls heute nicht mehr. Vielleicht ist wirklich alles so, wie es Berndorf fabuliert: Man muss nur die Hinterbliebenen der Opfer kontaktieren, die sind s\u00e4mtlich mitteilungsbereit, man braucht ein bisschen Gl\u00fcck und eine taffe Frau, \u201edie Gr\u00e4fin\u201c, an seiner Seite, und schon hat man die Staatsgeheimnisse geknackt. Irgendwo rennen Killer herum, die wie Killer agieren. Eiskalt, durchtrainiert, skrupellos. Und russische Agenten, die \u201eRasputin\u201c hei\u00dfen und vielleicht f\u00fcr die Gegenseite arbeiten. Und doofe Staatsanw\u00e4lte und Polizisten, die einem alles erz\u00e4hlen, was man wissen will.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich k\u00f6nnte man diesem Buch das vorwerfen, was man allen Eifel-Krimis Berndorfs vorwerfen k\u00f6nnte: Etwas zu viel des Zufalls, die Menschen zu offen, zu redselig, die Intuition des Detektivs entschieden zu \u00fcbermenschlich. Na gut. Aber dann m\u00fcsste man auch die unbestrittenen Vorz\u00fcge des Autors Berndorf nennen: Er kann schreiben. Sein Siggi Baumeister ist ein Mann mit Charakter, vielleicht nicht \u201elebensecht\u201c, aber das ist in Romanen nie jemand wirklich, Hauptsache, die Personen funktionieren im Text und lassen sich mit ein wenig Phantasie in die Wirklichkeit heben, ohne dort gleich an Blutarmut zu krepieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt: Jenseits aller Bedenken funktioniert \u201eRequiem f\u00fcr einen Henker\u201c als Kriminalroman gut. Warum aber? Beginnen wir beim Personal. Es ist, ich sagte es schon, auf den Roman zugeschnitten und erf\u00fcllt seine Rollen. \u201eDie Gr\u00e4fin\u201c etwa oder die Witwe des get\u00f6teten Polizisten oder die Freundin des ermordeten Journalisten. Im Roman agieren sie logisch, in der freien Wildbahn des Lebens d\u00fcrfte man solche Typen selten treffen, aber, auch das wurde schon erw\u00e4hnt, macht ja nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann Berndorfs Stil: Klar, bei diesem ungeheuerlichen Fall, den Baumeister da aufrollt, wird er gelegentlich moralisch, ja, politisch-moralisch. Aber es passt. Es f\u00fcgt sich in die Diktion des Textes und wirkt nicht, wie bei so vielen anderen, einfach aus irgendeiner Zeitung ausgeschnitten und lieblos in den Roman gepappt. Man merkt, dass Berndorf alias Preute vom wirklich professionellen Journalismus herkommt, alte Schule, da schrieb man noch pointiert und lie\u00df das Chichi Chichi bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich die Dramaturgie. Berndorf vermag es, die Spannung zu steigern, durch immer neue Verwicklungen, die aber so klar r\u00fcberkommen, dass sie das Leserhirn nicht heillos verwirren. Gut, manchmal wirkt das ein wenig arg konstruiert, etwa wenn Baumeister die Pressestelle der Dortmunder Polizei betritt und schnurstracks jener Person in die Arme l\u00e4uft, die ihm die entscheidenden Informationen geben kann. Oder unter all den Bonner Pennern zielstrebig den herausgreift, der erhellende Hinweise gibt. So geht\u2019s halt zu in Romanen, die den Gesetzen des Genres folgen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so geht denn alles seinen spannenden und kurzweiligen Gang: Baumeister und die Gr\u00e4fin mischen Bonn und abstecherweise auch Ibiza auf, zwischendurch immer mal wieder ins Eifel-Refugium, wo die Katze inzwischen Mutter geworden ist und auch der gro\u00dfe Showdown stattfindet. Der nun eben nicht die v\u00f6llige Klarheit harmlos-netter Kriminalromane bringt und alle B\u00f6sen in Handschellen legt. Wir befinden uns hier schlie\u00dflich mitten in der Hochpolitik, also jenseits von gut und b\u00f6se, und da w\u00e4re ein vollkommenes Happyend der kapitalste Fehler von allen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jacques Berndorf: Requiem f\u00fcr einen Henker. <br \/>Kbv 2006. 309 Seiten. 9,50 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Eifel. Der Krimi. Berndorf. Und dazwischen immer mal wieder ein Abstecher in die hohe Politik (das unfassbar schwache \u201eEine Reise nach Genf\u201c um den Barschel-Fall) und den Dreck der Geheimdienste. Nun bin ich weder ein \u201eFan\u201c von Eifel-Berndorf (obwohl er einer der ertr\u00e4glichsten Schreiber von Regionalkrimis ist) noch generell von Polit-Spionage-Thrillern. 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