{"id":16512,"date":"2006-03-10T07:55:45","date_gmt":"2006-03-10T07:55:45","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/carmen-korn-der-fall-der-engel\/"},"modified":"2022-06-17T17:07:08","modified_gmt":"2022-06-17T15:07:08","slug":"carmen-korn-der-fall-der-engel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/carmen-korn-der-fall-der-engel\/","title":{"rendered":"Carmen Korn: Der Fall der Engel"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/eisenbahn.jpg\" alt=\"eisenbahn.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>[Warum ich morgens so gerne Zug fahre: Man wird hellwach dabei. Wenn ein F\u00e4hnlein Sch\u00fcler sich des Abteils bem\u00e4chtigt, ein Ausguck voraus, der nach freien Pl\u00e4tzen sucht und, wenn gefunden, \u201eLos, schnell, hin, frei!\u201c schreit. Und dann wieseln sie an einem vorbei, und wenn man nicht aufpasst und zum Gang hin sitzt, wischen sie einem mit den Tornistern \u00fcbers Gesicht. Stimmung. Das ist was los.]<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und merkw\u00fcrdig, dass ich gerade jetzt einen Krimi lesen muss, in dem es um Einsamkeit geht. Eine Frau, alleinstehend, Mitte 40, f\u00e4llt aus dem Fenster. Ein paar Abschiedszeilen, klassischer Selbstmord.<\/p>\n\n\n\n<p>Und klassischer Kriminalroman, das merkt man gleich, anders als bei \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/03\/robert-brack-kalte-abreise.php\"> Robert Brack <\/a>, der von Anfang an die Detektion durch \u00dcberzeichnung dekonstruiert. Nein, hier wird ermittelt. Alles sehr ernsthaft, dem Thema angemessen, der Text teilt sich schnell in drei Str\u00e4nge: Kommissar \u2013 Freund der Toten (ein ehemaliger Clown, der jetzt arbeitslos und einsam ist, Teil einer Gemeinschaft von Einsamen, sozusagen, die sich manchmal in der K\u00fcche des Clowns treffen, um zusammen allein zu sein) \u2013 und eine j\u00fcngere Frau, die vom besseren, sprich zweisamen Leben tr\u00e4umt, aber auch dort enden wird, wo man an K\u00fcchentischen sitzt, billigen Wein trinkt und wieder heim zwischen die vier W\u00e4nde geht, die einen erdr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>[Ganz spontan: Macht Lesen eigentlich einsam? F\u00e4llt einem ja sonst nicht auf, wenn man sich in ein Buch begibt. Hier wirbelts halt um einen rum&#8230;nicht, dass man, w\u00fcrde man kein Buch lesen, \u201eKontakt bek\u00e4me\u201c im Zug. Oder: selten. Aber mit Buch bist du tabu. Da setzen sich auch weniger Leute auf den freien Platz neben dich.]<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"141\" height=\"224\" class=\"rbild\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/482Korn.jpg\"\/> <\/p>\n\n\n\n<p>Und dann auch noch das: Die aus dem Fenster gefallene Frau war nicht die erste, war nicht die letzte, der das widerfuhr. Alle finsteres Mittelalter, alle alleinstehend, alle rausgeputzt. Und unsere j\u00fcngere Frau findet merkw\u00fcrdige B\u00fcchergeschenke. Ob der Killer auch hinter ihr her ist? Denn einen Killer gibt es nat\u00fcrlich. Der Clown glaubt dran, der Kommissar, dem der Clown sympathisch ist, langsam auch.<\/p>\n\n\n\n<p>[So. Aussteigen. Bisher liest sich das wie ein klassischer Kriminalroman, und Carmen Korn, das merkt man, kann welche schreiben. Und vielleicht h\u00e4tte sie den Plot von \u201eDer Fall der Engel\u201c auch f\u00fcr einen Roman verwendet, wenn ihr der Herr Albers das nicht f\u00fcr \u201ekaliber .64\u201c abgeschwatzt h\u00e4tte. \u00dcbrigens spielt auch dieser Text wieder in Hamburg, das ja schon bei den \u201eSchwarzen Heften\u201c durchg\u00e4ngiger Tatort war. \u2013 Sprung: Feierabend: Rein in den Zug. Die \u00fcbliche Feierabendm\u00fcdigkeit, die mit angenehmer, leider aber auch relativer Stille einhergeht. \u00dcblicher Handy-Tonschrott: \u201eJa, ich bin gerade im Zug. Nein, ich habe schon gegessen.\u201c]<\/p>\n\n\n\n<p>Weiterlesen. Gegen Ende wird es erwartungsgem\u00e4\u00df eng. Eine Reihe von Fragen gilt es zu kl\u00e4ren. Was ist mit dem Foto in der Wohnung der Toten? Wer sind die dort abgebildeten M\u00e4dchen? \u2013 Was geschieht mit jener Vereinsamten, die von einem heimlichen Verehrer immer wieder mit B\u00fcchern ausgestattet wird? Ist der Clown koscher? Und dann ist es auch schon vorbei. Alles wird korrekt aufgekl\u00e4rt, sehr schnell, ein wenig zu konstruiert. Aber das ist halt immer wieder der Fallstrick bei k\u00fcrzeren Krimis, die eigentlich l\u00e4ngere sein k\u00f6nnten. Und die Frage, die ich schon nach der Lekt\u00fcre von Bracks Text gestellt habe, dr\u00e4ngt sich auch hier auf: Hat mir der Krimi jenseits des traditionellen Musters von Verbrechen und Aufkl\u00e4rung etwas gebracht?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antwort: durchaus. Das Motiv der Vereinsamung wird sauber durchgezogen, und das Ende des Textes, die \u201eAufl\u00f6sung\u201c gewisserma\u00dfen, liefert einen Kontrast dazu, der nicht ohne Reiz ist. Sch\u00f6n, nicht geschw\u00e4tzig geschrieben, manchmal etwas plakativ, wenn es um die Befindlichkeiten der Personen geht. Fazit: Ich w\u00fcrde diesen Text gerne auch als das lesen, was er seiner Natur nach ist: ein kleiner, feiner Roman, sagen wir 180 Seiten, in dem die Personenkonstellation herausgearbeitet und die \u201eAufl\u00f6sung\u201c dramatisch ein wenig aufgepeppt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Carmen Korn: Der Fall der Engel. <br \/>Edition Nautilus (Kaliber .64) 2006. 62 Seiten, 4,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Warum ich morgens so gerne Zug fahre: Man wird hellwach dabei. Wenn ein F\u00e4hnlein Sch\u00fcler sich des Abteils bem\u00e4chtigt, ein Ausguck voraus, der nach freien Pl\u00e4tzen sucht und, wenn gefunden, \u201eLos, schnell, hin, frei!\u201c schreit. 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