{"id":16514,"date":"2011-08-15T10:02:49","date_gmt":"2011-08-15T10:02:49","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/08\/victor-koman-der-jehova-vertrag\/"},"modified":"2022-06-13T01:09:33","modified_gmt":"2022-06-12T23:09:33","slug":"victor-koman-der-jehova-vertrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/08\/victor-koman-der-jehova-vertrag\/","title":{"rendered":"Victor Koman: Der Jehova-Vertrag"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"202\" height=\"300\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/koman_jehova.JPG\" alt=\"koman_jehova.JPG\"\/>Kein Krimijahr ohne Wiederentdeckung. 2011 brachte die R\u00fcckkehr von David Osborns &#8222;Jagdzeit&#8220; und &#8222;Flussfahrt&#8220; von James Dickey, deren erneutes Auftauchen aus dem weitgehend d\u00fcmpelnden Teich des Regionalserialkillercomedy-Chichi f\u00fcr Belebung sorgte. Dass beide Texte thematisch miteinander verwandt sind, ist zuf\u00e4llig. Hier wird eine existentielle Wurzel von Kriminalliteratur, das Archaische unter einer d\u00fcnnen Membran namens Zivilisation, sehr beeindruckend hochgez\u00fcchtet. Einem nicht minder gro\u00dfen Thema widmet sich der Roman, dem man so bald wie m\u00f6glich eine Wiederentdeckung hierzulande w\u00fcnscht, Victor Komans &#8222;Der Jehova-Vertrag&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Erschienen ist das Buch 1985 und zwar, sehr ungew\u00f6hnlich, zuerst in der deutschen \u00dcbersetzung bei Heyne, zwei Jahre sp\u00e4ter dann im englischen Original. Es gewann den renommierten Prometheus Award, eine Auszeichnung im Science Fiction-Genre, kam in Deutschland aber \u00fcber die Ver\u00f6ffentlichung in der Heyne Reihe &#8222;Die unheimlichen B\u00fccher&#8220; nicht hinaus, wenn ich das richtig sehe. Ein Grund deutet sich bereits an: &#8222;Der Jehova-Vertrag&#8220; liegt auf der Schnittfl\u00e4che von Krimi und Science Fiction, er spielt in den letzten Monaten des 20. Jahrhunderts und zwar in einer Welt, deren Verfall offensichtlich ist. Teile des Handlungsortes Los Angeles sind \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/08\/krimineller-kaffeesatz.php\">nach einem Anschlag atomar verseucht<\/a>, hier hausen die Unterprivilegierten, zu denen auch der Protagonist Dell Ammo geh\u00f6rt, ein alternder Berufskiller (unter anderem an dem Kennedy-Morden beteiligt), der sich aus Tarnungsgr\u00fcnden ein Detektivb\u00fcro in einem verfallenen Hochhaus leistet. \u00dcber die politischen und \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisses des Jahres 1999 darf spekuliert werden, Einzelheiten erfahren wir nicht, von den \u00fcblichen Geldentwertungen abgesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte selbst ist in ihrer Struktur hardboiled. Ammo ist todkrank, das Ende des Jahrtausends wird er wohl knapp nicht erleben. Das \u00e4ndert sich, als ein merkw\u00fcrdiger Klient mit einem noch merkw\u00fcrdigeren Angebot auftaucht: T\u00f6te jemanden \u2013 und ich mache dich gesund. Haken an der Sache: Dieser Jemand ist kein geringerer als Gott pers\u00f6nlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Gott pers\u00f6nlich? Da beginnen schon die Probleme. Gott ist ja nichts weiter als eine Idee. Mit Hilfe dreier besonderer Frauen (eine geheimnisvolle Berufspokerspielerin, eine telepathisch begabte Zw\u00f6lfj\u00e4hrige, die von M\u00e4nnerphantasien lebt, und eine \u00e4ltere &#8222;Hexe&#8220;) macht sich Dell Ammo auf die Suche nach Gott. Und ruft seine m\u00e4chtigen Gegner auf den Plan, vor allem die &#8222;Ecclesia&#8220;, eine mafi\u00f6se Vereinigung der Weltkirchen, die zwar genau wei\u00df, dass Gott nicht existiert, ihn aber dringend braucht, um weiterhin die Menschheit zu kontrollieren. Wie sich Ammo und sein Frauentrupp an das Wesen Gott heranpirschen und es \u2013 spa\u00dfigerweise mit Hilfe der Werbung \u2013 zu erlegen trachten, ist in seiner Mischung aus lakonischer Hardboiled-Attit\u00fcde, zombiesattem Endzeitspektakel und einer Art nonchalanter Religionspsychologie hochspannend und ebenso vergn\u00fcglich. Am Ende ist das Ziel erreicht \u2013 oder auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls ein weiterer Beleg daf\u00fcr, dass &#8222;intelligente Unterhaltung&#8220; (was immer das auch sein mag) nicht nur innerhalb von Genregrenzen stattfindet, sondern auch zwischen den Genres selbst. Wer dies nachpr\u00fcfen m\u00f6chte, muss bislang noch an den bekannten Altpapierhandel verwiesen werden, bald vielleicht an die druckfrische Neuauflage. Wir wollen es wenigstens hoffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danke an Jochen K\u00f6nig, der mich auf das Buch im Rahmen meiner Besch\u00e4ftigung mit \u2192<a href=\"http:\/\/www.krimi-couch.de\/krimis\/dprs-krimilabor-die-zukunft-des-verbrechens-warum-gute-krimis-science-fiction-sind.html\">&#8222;der Zukunft des Krimis&#8220; <\/a>aufmerksam machte.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Victor Koman: Der Jehova-Vertrag. Die Verschw\u00f6rung gegen Gott. <br \/>Heyne 1985 (The Jehova Contract. 1987. Deutsch von Wolfgang Lotz). 250 Seiten<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Krimijahr ohne Wiederentdeckung. 2011 brachte die R\u00fcckkehr von David Osborns &#8222;Jagdzeit&#8220; und &#8222;Flussfahrt&#8220; von James Dickey, deren erneutes Auftauchen aus dem weitgehend d\u00fcmpelnden Teich des Regionalserialkillercomedy-Chichi f\u00fcr Belebung sorgte. Dass beide Texte thematisch miteinander verwandt sind, ist zuf\u00e4llig. 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