{"id":16517,"date":"2006-03-13T07:43:11","date_gmt":"2006-03-13T07:43:11","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/nachtgedanken-1\/"},"modified":"2022-06-12T21:53:37","modified_gmt":"2022-06-12T19:53:37","slug":"nachtgedanken-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/nachtgedanken-1\/","title":{"rendered":"Nachtgedanken -1-"},"content":{"rendered":"\n<p>1929 war alles vorbei. Der Kriminalroman als leichte Ersch\u00fctterung der Wirklichkeitskruste, unter der das Magma des Triebhaften brodelte, der Kriminalroman, der solche Ersch\u00fctterungen nutzte, um einen Spalt zum Inferno zu \u00f6ffnen \u2013 und sogleich wieder zu verschlie\u00dfen, der Kriminalroman, der darob einen Schrecken einjagte und wieder vertrieb, die Katharsis als Schlafmittel. Vorbei.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein Mann, Detektiv, kommt in eine amerikanische Mittelstadt, um einen Job zu erledigen. Er tut es, aber damit beginnt erst die Handlung. Der Mann ist nicht mehr zu stoppen, er vertreibt das Verbrechen aus Personville \/ Poisonville, indem er sich des Verbrechens bedient. Am Ende ist die Stadt so sauber, wie es eine tote Stadt nur sein kann, die darauf wartet, erneut beschmutzt zu werden und zum Leben zu erwachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dashiel Hammetts \u201eRote Ernte\u201c begr\u00fcndet nach allgemeiner Ansicht die \u201enoir\u201c-Variante des hardboiled, als dessen Urvater Hammett ebenfalls gilt, gefolgt von Chandler, Woolrich und vielen anderen. Wohl wird zuweilen die gothic novel des 18. \/ 19. Jahrhunderts bem\u00fcht, um die Wurzel dieses \u201esubgenres\u201c auszugraben, doch noir bedeutet bei Hammett nicht \u201eschwarz, d\u00fcster, unheimlich\u201c, sondern das genaue Gegenteil. Die lapidare Einsicht in die Natur der Gesellschaft als letztlich durch B\u00f6sartigkeit zusammengehaltenes Konstrukt. Sie ist b\u00f6se, hoffnungslos. Recht und Ordnung sind wie in simpelster mathematischer Rechnung das Produkt zweier Negativa, der menschlichen Natur und ihrer Regulierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit hatte der Krimi seine Funktion als moralische Anstalt endg\u00fcltig verloren. Das B\u00f6se wurde nicht mehr gezeichnet, um das Gute dadurch umso deutlicher zu erh\u00f6hen. Beide existieren als dichotomische Einheit nicht mehr, ja selbst die Erkenntnis von der fundamentalen Verkommenheit einer Gesellschaft und ihrer zivilisationsschaffenden Organe ist obsolet. Die Guten sind die Anormalen, sind die Zyniker aus entt\u00e4uschter Liebe, ihre Galionsfigur hei\u00dft Marlowe, und Chandlers letzter Roman \u201ePlayback\u201c ist der schw\u00e4rzeste aller noirs, weil er seinen Helden nur noch wie eine automatische Puppe durch \u201eden Fall\u201c schickt, der am Ende alles egal ist. Das Schlechte ist der Regalfall und somit nicht mehr \u201eb\u00f6se\u201c, sondern, denkt man ein wenig weiter, der Leim, der alles zusammenh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Konsequenz aus dieser Erkenntnis findet sich in der Sprache wieder, mit der solche Dinge geschildert werden. Sie ist n\u00fcchtern, knapp, lakonisch, zynisch, auch dort wo sie Bilder bem\u00fcht schn\u00f6rkellos. Eine zweite, daraus folgende Konsequenz ist die scheinbare Lieblosigkeit, mit der das Personal des Textes vor dem Leser entsteht. Der Detektiv in \u201eRote Ernte\u201c ist kein Lebewesen, in das sich die Zuneigung seines Sch\u00f6pfers ergie\u00dft. Er macht seinen Job, das ist alles, wenn er ihn getan hat, verschwindet er wieder. Er ist keine Identifikationsfigur, schon weil er nicht moralisiert und dadurch einen Blick in seine Seele zul\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die B\u00f6sen sind nicht wirklich b\u00f6se, wie schon gesagt. Auch sie machen ihre Arbeit. Genau das wurde sp\u00e4ter, vor allem in der franz\u00f6sischen \u201es\u00e9rie noire\u201c auf die politische Ebene gehoben, was sogleich eine neue Form des Moralisierens war, wenn auch eine auf Hoffnungslosigkeit gr\u00fcndende.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber war 1929 wirklich alles vorbei? Der Krimi mit Happyend am bitteren Ende seines Weges? Nat\u00fcrlich nicht. Es gab ihn weiterhin, er bl\u00fchte, er bl\u00fcht. Und es gibt neckische Kopulationen. Mankell etwa, der wie ein Autor des noir zu schreiben versucht und dennoch in einem fort moralisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Und hat wirklich erst 1929 alles begonnen? Auch hier: nein. Es begann 1873 \u2013 in Deutschland, als ein Mann namens Temme in der Kriminalnovelle \u201eIn einer Brautnacht\u201c vorwegnahm, was Hammett ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter zur Blaupause machte. Dazu mehr im zweiten Teil dieser \u201eNachtgedanken\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1929 war alles vorbei. 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