{"id":16528,"date":"2006-03-16T07:43:02","date_gmt":"2006-03-16T07:43:02","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/anne-chaplet-sauberer-abgang\/"},"modified":"2022-06-09T22:42:16","modified_gmt":"2022-06-09T20:42:16","slug":"anne-chaplet-sauberer-abgang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/anne-chaplet-sauberer-abgang\/","title":{"rendered":"Anne Chaplet: Sauberer Abgang"},"content":{"rendered":"\n<p>Versetzt ein Buch den Leser in einen Schwebezustand, ist das sehr sch\u00f6n. Eigentlich. Man springt in den Text und bekommt von ihm Fl\u00fcgel verliehen. Auch Anne Chaplets \u201eSauberer Abgang\u201c l\u00e4sst den Leser schweben. \u00dcber dem Buch. Er will rein. Er schafft es nicht. Und st\u00fcrzt schlie\u00dflich ab.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Gastfreundschaft ist eine Tugend, aber nur, wenn man sie nicht \u00fcbertreibt. Nat\u00fcrlich will ich, in einem Krimi zu Besuch, nicht jede T\u00fcr aufhebeln m\u00fcssen, weil sie notorisch verschlossen ist, aber ich will auch nicht offene T\u00fcren einrennen, die Gastgeberin immer katzbuckelnd im Genick, mir jeden Wunsch von den Augen lesend, jedes Staubk\u00f6rnchen, \u00fcber das man ja stolpern k\u00f6nnte, aus dem Weg wischend, jede T\u00e4tigkeit erl\u00e4uternd, um Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden. Man m\u00f6chte halt nicht permanent das Gef\u00fchl haben, Gast zu sein &#8211; und ein unterbelichteter obendrein. Wenigstens ein Buch sollte man schon auf eigene Faust erkunden d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das will Anne Chaplet nicht. Vielleicht, weil sie im wirklichen Leben Cora Stephan hei\u00dft und Sachb\u00fccher schreibt und journalistisch arbeitet. Weil sie dem Irrglauben anheim gefallen ist, zum Schreiben eines Kriminalromans gen\u00fcge ein Wechsel des Namens und der Haarfarbe, ansonsten business as usual. Sie zieht keine Gartenklamotten an wie andere, sondern donnert sich auf. Und bleibt doch die, die sie ist. Wer Sachb\u00fccher schreibt, will informieren. Wer Krimis schreibt, um uns pausenlos zu informieren, schreibt schlichtweg langweilige Krimis. Aber der Reihe nach. \u00dcber den Dingen schwebend.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Mittelpunkt von \u201eSauberer Abgang\u201c steht eine Gruppe alter Freunde, die Anfang der 80er mit allerlei Idealen gestartet waren, um im Laufe der Jahre in der mehr oder weniger Gutb\u00fcrgerlichkeit zu landen. Jetzt trifft man sich regelm\u00e4\u00dfig, trinkt Wein, redet, trennt sich wieder. Und dann ist pl\u00f6tzlich einer von ihnen tot. Eine Putzfrau namens Dalia Sonnenschein findet die Leiche und hat nichts besseres zu tun, als den Tatort piccobello zu s\u00e4ubern. Daf\u00fcr gibt es einen finsteren Grund, denn schon einmal, als Kind, war Dalia mit einer Leiche, der ihres Vaters, konfrontiert, den die Mutter in Notwehr erschlug, und dann mussten die Blutspuren vom Boden gewischt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Szenenwechsel: Will Bastian, ein anderer aus dieser Gruppe, zieht nach dem Ende einer Beziehung zur\u00fcck zu seinem verwitweten Vater. Er ist Journalist, aber arbeitslos, den Vater hat er nie verstanden, er geht ihm auf die Nerven, er geht sich selbst auf die Nerven.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis hierhin. Das hat was, theoretisch. Eine doppelte Vater-Kind-Beziehung, Traumata, Besch\u00e4digungen. H\u00e4tte was werden k\u00f6nnen. Nur, um es vorwegzunehmen: alles leere Versprechungen. Frau Sonnenschein, selbst kriminell, wird im weiteren Verlauf des Buches vorz\u00fcglich mit ihrem Hund spazierengehen und irgendwelchen Gedanken nachh\u00e4ngen. Will Bastian wird nat\u00fcrlich seine Vater besser verstehen lernen, aber es wird zu sp\u00e4t sein. Und derweil wird weitergemordet. Der n\u00e4chste aus der Gruppe. Und noch einer. Und noch einer.<\/p>\n\n\n\n<p>Auftritt Karen Stark. Die ist Staatsanw\u00e4ltin und mit dem Fall betraut. Ihr zur Seite ein Duo selten d\u00e4mlicher Polizisten, das lustlos und derb \u201eermittelt\u201c. Bis kurz vor Schluss wird Frau Stark nahezu unt\u00e4tig bleiben und von der Frage umgetrieben, ob zwischen den Todesf\u00e4llen ein Zusammenhang besteht. Man stelle sich das vor! Vier Freunde kommen zu Tode, und eine in erster Linie mit privaten Perspektiven besch\u00e4ftigte Staatsanw\u00e4ltin (wird das jetzt was mit dem netten Gerichtsmediziner oder doch nicht?) gr\u00fcbelt \u00fcber Zusammenh\u00e4nge! Erst etwa zwanzig Seiten vor Schluss f\u00e4llt es ihr wie Schuppen von den Augen, und dann geht\u2019s ratzfatz, man kennt das ja mit den Eingebungen, wenn es schon mit Logik und Handlungsdramaturgie nicht weit her ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl selten hat sich die Funktion einer \u201eHeldin\u201c so sehr auf das finale &#8222;Aufkl\u00e4ren&#8220; beschr\u00e4nkt. Sie ist die Putzfrau dieses Krimis und sorgt daf\u00fcr, dass \u2013 Hier kommt die Staatsgewalt \u2013 am Ende alles sauber blitzt und blankt. Der Leser bezahlt diese Genrekonvention teuer mit der erzwungenen Zurkenntnisnahme all der Nichtigkeiten, die durch einen ansonsten scheints nicht sehr besch\u00e4ftigten Beamtenkopf wirbeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch der Rest ist Schweigen. Die Idee, einen Krimi \u00fcber Freundschaft und ihre Facetten zu schreiben, \u00fcber die Beziehungen von Kindern zu ihren V\u00e4tern, sie ist ja nicht verkehrt. Bleibt auch der eigentliche Plot fest in der Hand des Klischees (eine Gruppe von Freunden, die durch ein dunkles Geheimnis zusammengeschwei\u00dft sind, das sukzessive Ableben der einzelnen Mitglieder dieser Gruppe), so h\u00e4tte man vielleicht etwas draus machen k\u00f6nnen. Wenn, ja wenn die Autorin begriffen h\u00e4tte, dass es in einem Krimi nicht darauf ankommt, die Leser bis ins kleinste Detail dar\u00fcber zu informieren, was die Autorin mit dieser oder jener Szene sagen m\u00f6chte. Wenn etwa Will Bastian sich seinem Vater tats\u00e4chlich gen\u00e4hert und nicht Anne Chaplet nur beschrieben h\u00e4tte, was da so haarklein abgeht in dieser Wohngemeinschaft, wie man es zu werten hat etcpp. Sie hat, ganz Cora Stephan, einen Text aus Versatzst\u00fccken aus Kriminalromanen verfasst, aber leider keinen Kriminalroman. Kein St\u00fcck Spannung, kein St\u00fcck Ungewissheit, gar Beunruhigung. Das nenne ich Gastfreundschaft. F\u00fc\u00dfe hoch und her mit den Salzstangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Chaplet dabei zuzugucken, wie sie Pi mal Daumen das Ger\u00fcst eines hochambiti\u00f6sen Textes hochzieht, jede psychische und sonstige Regung der Beteiligten erkl\u00e4rt (wem eigentlich? dem Kritiker? dem Leser? sich selbst?) und dabei vergisst, dass sie einen Kriminalroman schreiben m\u00f6chte \u2013 das ist so wenig buch- wie abendf\u00fcllend.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Anne Chaplet: Sauberer Abgang. <br \/>Kunstmann 2006. 285 Seiten, 19,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Versetzt ein Buch den Leser in einen Schwebezustand, ist das sehr sch\u00f6n. Eigentlich. Man springt in den Text und bekommt von ihm Fl\u00fcgel verliehen. Auch Anne Chaplets \u201eSauberer Abgang\u201c l\u00e4sst den Leser schweben. \u00dcber dem Buch. Er will rein. Er schafft es nicht. 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