{"id":16543,"date":"2006-03-17T07:44:38","date_gmt":"2006-03-17T07:44:38","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/robert-lynn-tochterherz\/"},"modified":"2022-06-12T21:55:05","modified_gmt":"2022-06-12T19:55:05","slug":"robert-lynn-tochterherz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/robert-lynn-tochterherz\/","title":{"rendered":"Robert Lynn: Tochterherz"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/eisenbahn.jpg\" alt=\"eisenbahn.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>[Schon ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl, wenn man eine deftige Sexszene liest und einem dabei ein butterbrotkauender Penn\u00e4ler gegen\u00fcbersitzt. Aber so ist nun mal das Lesen im Zug: War of the Worlds]<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Also deftige Sexszene: Im dritten und abschlie\u00dfenden Band der ersten Abteilung von <em>Kaliber .64<\/em>, Robert Lynns \u201eTochterherz\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der l\u00e4ngste Text der drei, zwar auch seitenzahlm\u00e4\u00dfig im Soll, aber gedr\u00e4ngteres Schriftbild. Eine Schauspielerin f\u00e4llt aus dem Fenster, Selbstmord. Die Frau war launisch, mal euphorisch, mal depressiv, eine gefeierte Heroine, der jetzt die Boulevardpresse Krokodilstr\u00e4nen nachweint. Nur die Mutter glaubt nicht an Selbstmord \u2013 und auch Harret Wolf tut es nicht. Der ist durch eine satte Erbschaft zu Geld gekommen und muss nun nicht mehr als Journalist arbeiten. Stattdessen plant er ein Buch \u00fcber die Tote, schon deshalb, um einem ehemaligen Kollegen von der Klatschpresse eins auszuwischen.<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"rbild\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/cover\/481Lynn.jpg\" width=\"139\" height=\"224\"\/> Tja, und jetzt wird\u2019s ein wenig unlogisch. Von Anfang an also ist Wolf davon \u00fcberzeugt, dass die Schauspielerin von fremder Hand ins Jenseits bef\u00f6rdert worden ist. Wieso, warum, weshalb? Das erfahren wir nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>[Weinendes M\u00e4dchen im Zug. W\u00e4re ja nichts Besonderes, wenn ich nicht gestern, am Kiosk vor dem Bahnhof, schon mal ein M\u00e4dchen beim Flennen erwischt h\u00e4tte. Plottet sich da ein Realkrimi zusammen? Oder n\u00e4sst doch nur die kriminelle Seite der Pubert\u00e4t? \u2013 Bl\u00f6de Fragen stellt man manchmal.]<\/p>\n\n\n\n<p>Lynn, das merkt man, hat seinen Text im Griff, davon abgesehen nat\u00fcrlich, dass er mit den gleichen Problemen wie die Kollegen zu k\u00e4mpfen hat. Das Ger\u00fcst eines Gro\u00dfkrimis wird \u00fcber die kleinere Form der Erz\u00e4hlung gest\u00fclpt, und da kann ja nicht alles passen.<\/p>\n\n\n\n<p>[Aber, merkw\u00fcrdig, bei diesen kleinen Sachen schluckt man allzu Zuf\u00e4lliges, allzu Konstruiertes klagloser als bei gro\u00dfen. Vielleicht, weil man die M\u00fchen des Autors, der Autorin ahnt, die sich aus der schieren Begrenztheit der Zeichenmenge ergeben. Und man schon froh ist, sich nicht zu langweilen. Aussteigen \u2013 arbeiten \u2013 einsteigen.]<\/p>\n\n\n\n<p>Und schauen, wie sich alles kl\u00e4rt. Da hat Lynn ein wirklich gute Idee. Der Tathergang nebst Entlarvung des T\u00e4ters geschieht als Text im Text, als Kapitel jenes Buches, das Wolf \u00fcber das Ableben der Schauspielerin schreibt. Man wundert sich zwar, dass der detektivende Journalist sich den M\u00f6rder so schnell hat ausgucken k\u00f6nnen \u2013 aber, ja mei, 62 Seiten, da hast du keine gro\u00dfe Auswahl an Verd\u00e4chtigen. An einigen Stellen h\u00e4tte Lynn straffen k\u00f6nnen. Der \u201eDichter\u201c genannte Obdachlose etwa ist allzu sozialkitschig, und die beiden von ihm gebastelten Gedichte ein bissel peinlich. Auch die Sache mit der Freundin, die vom T\u00e4ter bedr\u00e4ngt wird \u2013 h\u00e4tte es nicht unbedingt gebraucht. Fazit: Saubere Arbeit bei allen Unzul\u00e4nglichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das Generalfazit der ersten drei <em>Kaliber .64 <\/em>\u2013 B\u00e4nde: Sch\u00f6n, doch, wirklich. Drei potente Autoren, ein Problem: Eine Kriminalerz\u00e4hlung ist kein Kriminalroman. Sie braucht andere Strukturen. Am ehesten hat das noch Robert Brack begriffen und eine kleine Humoreske geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>[Und mein Zugfazit: Es geht. Man kann in Z\u00fcgen lesen. Kleine Sachen, bei gro\u00dfen bin ich mir da nicht so sicher. Jedenfalls: Auch die drei B\u00e4nde der n\u00e4chsten Saison m\u00f6chte ich gerne wieder so lesen, mit dem Soundtrack der ratternden Gleichf\u00f6rmigkeit im Hintergrund. So. Aussteigen. Wenn ich jetzt noch ein weinendes M\u00e4dchen sehe, muss irgendwie eine Epidemie ausgebrochen sein. Die Heulgrippe; was wei\u00df ich.]<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Robert Lynn: Tochterherz. <br \/>Edition Nautilus 2006. 62 Seiten, 4,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Schon ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl, wenn man eine deftige Sexszene liest und einem dabei ein butterbrotkauender Penn\u00e4ler gegen\u00fcbersitzt. 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