{"id":16550,"date":"2006-03-20T07:43:39","date_gmt":"2006-03-20T07:43:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/nachtgedanken-2\/"},"modified":"2022-06-16T04:06:34","modified_gmt":"2022-06-16T02:06:34","slug":"nachtgedanken-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/nachtgedanken-2\/","title":{"rendered":"Nachtgedanken -2-"},"content":{"rendered":"\n<p>Das mit den Definitionen ist so eine Sache. Zu behaupten, \u201enoir\u201c sei 1929 entstanden, ist das eine (siehe \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/03\/nachtgedanken-1.php\"> hier <\/a>); daraus zu schlie\u00dfen, \u201enoir\u201c habe seit 1929 genau diese und jene Charakteristika, w\u00fcrde jedoch bedeuten, Literatur nicht als lebendiges, sich st\u00e4ndig ver\u00e4nderndes Wesen wahrzunehmen. Und davor wollen wir uns h\u00fcten. Nein, alles hat sich entwickelt, alles entwickelt sich, geht vor und zur\u00fcck; Kriminalromane, die nach Schablonen entstehen, sind allenfalls harmlose Unterhaltung, Autoren, die neben sich \u201eGesetzb\u00fccher\u201c stapeln wie sonst nur Juristen, w\u00e4ren besser Juristen geworden. Und selbst denen gen\u00fcgt das gedruckte Wort selten allein.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wer aus Dashiel Hammetts \u201eRote Ernte\u201c die Abwesenheit von Moral herausliest (weil es sie in einer Welt buchst\u00e4blich jenseits von gut und b\u00f6se nicht geben kann), wird Moral bei Chandler wiederfinden. Wenn auch \u2013 in der Person Marlowes \u2013 als einen gekapselten, in der Welt wie ein Fremdk\u00f6rper wirkender Wert, den eine Watte aus Zynismus und Lakonie vor dieser Welt besch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, wer, da ja die Welt weder gut noch b\u00f6se sein kann, von einem \u201enoir\u201c erwartet, er verzichte auf die Behauptung, die Welt sei schlecht \u2013 der wird bei der Zurkenntnisnahme dessen, was zu 90% als \u201enoir\u201c etikettiert ist, eines Besseren belehrt. In dieser Hinsicht hat man weder Hammett noch Chandler noch Willeford wirklich verstanden. Genau dieses Jammern wurde \u00fcberwunden, \u201eRote Ernte\u201c markiert den Beginn einer sehr n\u00fcchternen, distanzierten, emotionsarmen und daher illusionslosen Weltsicht, die eben nicht depressiv daherkommt oder mit der Intention, das B\u00f6se aus der Welt zu vertreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir nur die merkw\u00fcrdige Distanz zwischen Autor und Personal. Sie entspricht so gar nicht der g\u00e4ngigen Ansicht, ein Autor habe seine Figuren \u201ezu lieben\u201c. Aber f\u00fcr ihn sind sie Objekte in einem h\u00f6heren Spiel, entindividualisiert und eigentlich im Wortsinn charakterlos. Oder die Sprache. Die ist nicht mehr \u201epoetisch\u201c, nicht ausladend, auf die Zeichnung von Ambiente und Gef\u00fchlswelt aus. Sie ist knapp. Treffend. Benennend. Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Am wichtigsten jedoch: Der wahrhaft \u201eschwarze Krimi\u201c beschreibt uns die Welt als ewiges R\u00e4derwerk, eine Inszenierung, bei der all der aufgewirbelte Dreck am Ende wie in Schwerstarbeit zusammengesetzte falsche Sch\u00f6nheit daherkommt. Das Recht siegt. Alles geht wieder seinen Gang.<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt kommen wir zu Jodokus Donatus Hubertus Temme. Das war, man sollte es wissen, ein Mann von Recht und Ordnung und Gesetz, den man nach 1848, als es nicht gut um Recht und Ordnung und Gesetz in Deutschland bestellt war, piesackte, verfolgte und schlie\u00dflich au\u00dfer Landes trieb, in die Schweiz, wo er seine Familie unter anderem durch das Verfassen von Criminalromanen und \u2013erz\u00e4hlungen ern\u00e4hren musste, die dann in der \u201eGartenlaube\u201c und anderen deutschen Familienbl\u00e4ttern ver\u00f6ffentlicht wurden. Auch \u201eIn einer Brautnacht\u201c k\u00f6nnte dort, vielleicht unter einem anderen Titel, erschienen sein; ich wei\u00df es noch nicht. Jedenfalls beginnt mit dieser Erz\u00e4hlung ein Band \u201eCriminalnovellen\u201c Temmes aus dem Jahr 1873.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was einen daran zun\u00e4chst verst\u00f6rt, ist die Sprache. Kurz. Knapp. Ohne Schn\u00f6rkel. Viele Abs\u00e4tze. Drei Menschen in einer Kutsche steigen in einem l\u00e4ndlichen Gasthof ab, zwei davon, ein betr\u00fcgerisches Ehepaar, um die dritte Person zu ermorden und zu berauben. Diese, Caroline Wild, ist mitsamt ihrer erklecklichen Barschaft unterwegs zum Br\u00e4utigam, um endlich Hochzeit zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Personen also, zwei erkennbar b\u00f6se, eine erkennbar gut. Doch wie sie agieren, wie sie der Autor auf Distanz h\u00e4lt, das nimmt ihnen sofort alle Attribute. Wir befinden uns mitten in einer emotionslosen Aktion der gro\u00dfen Maschine Leben. Zwei machen ihre Arbeit, es ist eine Arbeit wie jede andere auch, es ist das T\u00f6ten, und die dritte ist das Opfer, auch sie spielt ihre Rolle und entkommt ihr nicht. Kein moralisches Bewerten findet man hier, der Leser \u201egeht nicht mit\u201c, er verfolgt einfach, was da passiert. Dann erscheint auch noch der Br\u00e4utigam \u2013 er hat soeben eine Andere geheiratet \u2013 er k\u00f6nnte die betrogene Braut retten \u2013 er tut es nicht \u2013 die Dinge nehmen ihren schrecklichen Lauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Und werden noch gesteigert. Denn auch \u201edas Gute\u201c, das Tr\u00f6stliche und Happyendige taucht auf, in Gestalt der beiden Wirtskinder, die das b\u00f6se Treiben durchschauen und ihm vielleicht Einhalt gebieten k\u00f6nnten. Werden sie den Mord verhindern? In einem gew\u00f6hnlichen Krimi \u2013 nat\u00fcrlich. Bei Temme: nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut; am Ende werden die M\u00f6rder gehenkt, der Br\u00e4utigam erh\u00e4lt seine Strafe. Aber das steigert die Trostlosigkeit nur noch, das geh\u00f6rt zum R\u00e4derwerk, ist aber eigentlich belanglos und wird von Temme genauso formuliert. Das Recht kommt zu sp\u00e4t, es ist die Schminke f\u00fcr die Fratze des Normalen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn einer Brautnacht\u201c hat keine Schule gemacht, nicht einmal bei Temme selbst. Er mag sie in einem Moment tiefster Depression zu Papier gebracht haben, wie man ihn einem Emigranten zugesteht, der \u00fcber die Grenze schaut und sieht, dass sich dort nichts zum Besseren gewendet hat. Aber hier liegen die Wurzeln des \u201enoir\u201c, in dieser schmalen Erz\u00e4hlung, die, ginge es in der Literaturgeschichte gerecht zu (was es nat\u00fcrlich nicht kann, weil es auch in der allgemeinen Geschichte nicht gerecht zugeht, weil die halt auch von den Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der \u201enoir\u201c-Philosophie beherrscht wird), die also ein Meilenstein zu nennen w\u00e4re, ein fr\u00fcher und d\u00fcsterer Blick voraus ins 20. Jahrhundert, das uns ja die M\u00f6rder, die ihre Arbeit wie jede andere tun, zuhauf beschert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie k\u00f6nnen \u201eIn einer Brautnacht\u201c \u2192<a href=\"http:\/\/alte-krimis.de\/autoren_temme.htm\"> hier <\/a> lesen. Wer die Geschichte lieber gedruckt und mit einem ausf\u00fchrlichen Nachwort haben m\u00f6chte, der gedulde sich noch ein wenig. Das kommt alles noch.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das mit den Definitionen ist so eine Sache. Zu behaupten, \u201enoir\u201c sei 1929 entstanden, ist das eine (siehe \u2192 hier ); daraus zu schlie\u00dfen, \u201enoir\u201c habe seit 1929 genau diese und jene Charakteristika, w\u00fcrde jedoch bedeuten, Literatur nicht als lebendiges, sich st\u00e4ndig ver\u00e4nderndes Wesen wahrzunehmen. Und davor wollen wir uns h\u00fcten. 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