{"id":16552,"date":"2006-03-21T00:16:25","date_gmt":"2006-03-21T00:16:25","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/george-p-pelecanos-shame-the-devil\/"},"modified":"2022-06-15T01:01:07","modified_gmt":"2022-06-14T23:01:07","slug":"george-p-pelecanos-shame-the-devil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/george-p-pelecanos-shame-the-devil\/","title":{"rendered":"George P. Pelecanos: Shame the devil"},"content":{"rendered":"\n<p>Die B\u00fccher der sp\u00e4ten 90er Jahre von George P. Pelecanos sind in den USA als \u201ewashington quartet\u201c bekannt. \u201eNach dem starken Echo erscheint die Washington-Trilogie nun als Kassette im literarischen Hauptprogramm\u201c, schreibt dagegen der Dumont Verlag zu einer \u2192<a href=\"http:\/\/www.dumontliteraturundkunst.de\/\"> Neuauflage<\/a> der B\u00fccher &#8222;Das gro\u00dfe Umlegen&#8220;, &#8222;King Suckerman&#8220; und &#8222;Eine s\u00fc\u00dfe Ewigkeit&#8220; in einem Sammelschuber. Und auch die deutsprachige Kritik spricht von einer Trilogie. Nun muss man nat\u00fcrlich auch bei viel gutem Willen zugeben, dass die Begriffe Trilogie und \u201equartet\u201c sich nicht zur Deckung bringen lassen. &#8222;Tell the truth and shame the devil\u201c: Die haben da einfach ein Buch weggelassen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein Buch von dem der Autor selber sagt: \u201eActually, \u2018Shame the Devil\u2019 is the last in a quartet of novels with several generations of characters.&#8220; Eigent\u00fcmlich mutet es an, dass der Verlags sich jedweden Hinweis darauf verkneift, dass es da noch ein weiteres Buch gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber warum sind dem deutschen Verlag drei B\u00e4nde genug ? Warum fehlt gerade der letzte Band, \u00fcber den Pelecanos anmerkte, dass er sein am wenigsten besprochenes Buch sei ? Nun ja, die Wahrheit ist vermutlich einfach! Die B\u00fccher die jetzt wieder im Sammelschuber wiederver\u00f6ffentlicht werden, waren schon einmal erschienen. Die \u00dcbersetzungen sind verf\u00fcgbar. Da w\u00e4re es wohl viel zu teuer gewesen, den letzten Band auch noch \u00fcbersetzen zu lassen \u2013 bei den horrenden Geh\u00e4ltern literarischer \u00dcbersetzer. Traurig ist es und meiner Meinung nach eine verpasste Chance. Und noch einmal eine Anlass, das Buch \u201eShame the devil\u201c zu lesen. Was ist es denn, was der Verlag da der deutschen Leserschaft vorenth\u00e4lt ?<\/p>\n\n\n\n<p>Vorweg ein Prolog. Drei M\u00e4nner wollen in einer Pizzeria einen Geldboten ausrauben. Am Ende sind die vier Angestellten der Pizzeria tot, einer der Verbrecher wird erschossen, sein Bruder \u00fcberf\u00e4hrt bei der Flucht ein Kind und ein Polizist landet im Rollstuhl. Zur\u00fcck bleiben gebrochene Herzen und rachs\u00fcchtige Geister. Schnitt. Knapp drei Jahre sp\u00e4ter kommen die zwei \u00fcberlebenden Einbrecher zur\u00fcck. Das Geld aus dem Einbruch ist aufgebraucht und der tote Bruder soll ger\u00e4cht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Pelecanos bleibt seinem Stil auch in diesem Buch treu. Einem Dutzend Personen schaut der Leser \u00fcber die Schulter. Eine Selbsthilfegruppe, bei der sich die Hinterbliebenen der Opfer treffen, die K\u00fcche eines Restaurants, in dem Helfer und Freunde der Opfer zusammenkommen und die beiden Verbrecher, der eine ein Dandykiller, der andere ein Killer so kalt wie das ewige Eis, dienen als Gravitationszentren, damit sich die Erz\u00e4hlung bei einer derart gro\u00dfen Zahl von Akteuren nicht zergliedert. Die Leser sieht dabei zu, wie die drei Sph\u00e4ren sich so langsam auf einander zu bewegen und r\u00e4tselt dar\u00fcber, welche zerst\u00f6rerischen Kr\u00e4fte beim Aufeinandertreffen wohl frei werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Basketball, die Arbeit in einer Restaurantk\u00fcche, Spannungen zwischen den Rassen und immer wieder Musik. Atmosph\u00e4risch greift Pelecanos auf die Vorg\u00e4ngerwerke zur\u00fcck und nimmt so manche der Themen wieder auf. Und um die \u201eAbh\u00e4ngigkeiten\u201c zwischen den Personen darzustellen, werden auch alte Geschichten von ihm ausgegraben. Man kann dieses Buch sehr gut lesen, ohne die Vorg\u00e4nger zu kennen, aber derartige Zusammenh\u00e4nge machen aus den Personen beinahe gute Bekannte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Buch \u00fcber Trauerarbeit und \u00fcber ewige Verpflichtungen. Pelecanos beschreibt nicht nur, langsam die Spannung steigernd, den Weg zur Aufl\u00f6sung dieser Spannung am Ende des Buches, sondern er interessiert sich auch f\u00fcr die Art und Weise wie eine derartige Katastrophe die Beteiligten und ihre Umgebungen ver\u00e4ndert. Nicht nur Trauer, auch schlechtes Gewissen und fortbestehende Verpflichtungen bestimmen das Verh\u00e4ltnis der Hinterbliebenen zu den Verstorbenen. Und so werden, als die Geschichte sich zum Ende hin verdichtet, alte Verpflichtungen eingefordert und eingel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei erz\u00e4hlt er nie nur die Hauptgeschichte, sondern er charakterisiert seine Personen kurz und zeigt sie in ihrem gewohnten sozialen Umfeld. Das liest sich wie ein bunter Blumenstrau\u00df von Geschichten, f\u00fcgt sich aber stimmig zusammen und wirkt ungemein reich. Ein besonderes Merkmal des Stils Pelecanos&#8216; ist die Empathie, mit der er alle seine Figuren beschreibt. Er bleibt sich treu, auch wenn er in diesem Buch einen besonders diabolischen T\u00e4ter einf\u00fchrt. So richtig und ungefiltert bricht sein Zorn nur dann durch, wenn er \u00fcber die politischen Verh\u00e4ltnisse Washingtons schreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eShame the devil\u201c ist ein gelungener und w\u00fcrdiger Abschluss des \u201ewashington quartet\u201c und ein hemmungslos unterbewertetes Buch. Sprachlich ist das Buch ein Leckerbissen. Diverse Beispiele lie\u00dfen sich anf\u00fcgen, wie gekonnt Pelecanos dichtgef\u00fcgte Szenen vor dem Auge des Lesers entstehen lassen kann und wie er andererseits Actionszenen rasant beschleunigt und voranpeitscht. Das Buch ist kein Whodunit (wof\u00fcr es auch Kritik einstecken musste), aber spannend ist es allemal. Ein Grenzg\u00e4nger des Genres, welcher durch eine souver\u00e4ne literarische Qualit\u00e4t \u00fcberzeugt.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">George P. Pelecanos: Shame the devil. \nDell 2004. 384 Seiten, 7,49 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die B\u00fccher der sp\u00e4ten 90er Jahre von George P. 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