{"id":16583,"date":"2011-08-18T10:15:20","date_gmt":"2011-08-18T10:15:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/08\/das-kindheits-vater-muster-eine-notiz\/"},"modified":"2022-06-12T23:55:10","modified_gmt":"2022-06-12T21:55:10","slug":"das-kindheits-vater-muster-eine-notiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/08\/das-kindheits-vater-muster-eine-notiz\/","title":{"rendered":"Das Kindheits-Vater-Muster. Eine Notiz"},"content":{"rendered":"\n<p>Irgendwie habe ich es dieses Jahr mit der neueren deutschen Kriminalliteratur. Und den Wiederver\u00f6ffentlichungen, seien es freudig begr\u00fc\u00dfte Neuauflagen in Vergessenheit geratener Klassiker oder privat aus den Regalen gezogene, leicht angegilbte Taschenb\u00fccher. Gegenwart, Vergangenheit also \u2013 und ein Schuss Zukunft, wenn man \u00fcber die Grenzen der Genres schaut, von der sogenannten &#8222;Hochliteratur&#8220; zum sogenannten &#8222;Krimi&#8220; zur sogenannten &#8222;Science Fiction&#8220;, dann sind die Grenzen pl\u00f6tzlich keine mehr und man wei\u00df noch weniger, was das eigentlich ist, mit dem man sich seit Jahren besch\u00e4ftigt. Gut so.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber bleiben wir in der Gegenwart mit ihren durchweg erfreulichen Lebenszeichen einer deutschsprachigen Kriminalliteratur jenseits der Bestsellerei (die es geben muss. Aber wer will mich zwingen, sie ernst zu nehmen?). Es sind B\u00fccher einer bew\u00e4hrten Garde, nicht jedes Jahr erscheint ein neues Werk, man freut sich daher besonders, wenn es doch geschieht. Stefan Kiesbye, Mechtild Borrmann, Norbert Horst, Jan Costin Wagner, Monika Geier, Rainer Gross \u2013 und nennen wir noch (aus gutem Grund) Frank G\u00f6hre. Dieser Frank G\u00f6hre begl\u00fcckte uns schon im Herbst 2010 mit \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/09\/frank-goehre-der-auserwaehlte.php\">&#8222;Der Auserw\u00e4hlte&#8220;<\/a>, einem stimmigen Roman, dessen entscheidender Handlungskern weit in die Kindheit \/ Jugend der Protagonisten zur\u00fcckreicht. Nicht ungew\u00f6hnlich f\u00fcr (Kriminal-)Literatur. Auch die beinahe d\u00e4monische Rolle des Vaters ist keine origin\u00e4re Erfindung G\u00f6hres, es f\u00e4llt also nicht auf. Das tut es erst jetzt im Nachhinein, wenn man die genannte neuere Produktion gesichtet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn sie m\u00f6gen sich in vielem unterscheiden, die vorgenannten Autorinnen und Autoren, in einem jedoch sind sie sich verbl\u00fcffend einig: Die Verbrechen der Gegenwart fu\u00dfen auf Verbrechen der Vergangenheit, als die Protagonisten noch Heranwachsende waren und die Zeiten, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, schwierig und turbulent. Kiesbye verpackt es in \u2192<a href=\"http:\/\/www.krimi-couch.de\/krimis\/stefan-kiesbye-hemmersmoor.html\">&#8222;Hemmersmoor&#8220; <\/a>als Schauergeschichte, Borrmann (\u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/04\/mechtild-borrmann-wer-das-schweigen-bricht.php\">&#8222;Wer das Schweigen bricht&#8220;)<\/a> und Gross (&#8222;Kettenacker&#8220;) siedeln den Handlungskern in den Jahren des Dritten Reichs an, G\u00f6hre bevorzugt die Sechziger und Siebziger Jahre mit ihren Gesellschaftsutopien, bei Horst (\u2192<a href=\"http:\/\/www.krimi-couch.de\/krimis\/norbert-horst-splitter-im-auge.html\">&#8222;Splitter im Auge&#8220;<\/a>), Wagner (\u2192<a href=\"http:\/\/www.krimi-couch.de\/krimis\/jan-costin-wagner-das-licht-in-einem-dunklen-haus.html\">&#8222;Das Licht in einem dunklen Haus&#8220;<\/a>) und Geier (&#8222;M\u00fcllers Morde&#8220;) ist das &#8222;Historische&#8220; der Zeit eher unwesentlich, wichtig ist die Bedeutung, die sie f\u00fcr die Protagonisten besitzt.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Punkt sind sich die Autorinnen und Autoren (bis auf Jan Costin Wagner) jedoch einig: Der Vater steht im Zentrum allen Ungemachs. Am beil\u00e4ufigsten lesen wir dies in Monika Geiers &#8222;M\u00fcllers Morde&#8220;, wo der Vater des Protagonisten immer noch seinen Schatten wirft, seinen Sohn in eine Ecke (die alternative Bewegung der Achtziger Jahre) dr\u00e4ngte, aus der dieser sich befreien m\u00f6chte, aber so recht nicht kann. Ansonsten ist die Rolle der V\u00e4ter eine aktivere, sie verantworten mit Liebesentzug (Horst), einer dunklen Vergangenheit (Borrmann, Gross, Kiesbye) oder schlicht verbrecherischem Handeln (auch bei Borrmann, Gross, Kiesbye und G\u00f6hre) die gegenw\u00e4rtige Mal\u00e4se, sie haben ihre Kinder (immer S\u00f6hne) traumatisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>All das erinnert stark an die &#8222;V\u00e4terliteratur&#8220; vor allem der Siebziger und Achtziger Jahre, an Bernward Vespers &#8222;Die Reise&#8220; ebenso wie an Ludwig Harigs &#8222;Ordnung ist das ganze Leben. Roman meines Vaters&#8220;, an Birgit Vanderbekes &#8222;Das Muschelessen&#8220;, aber auch an Alfred Anderschs &#8222;Der Vater eines M\u00f6rders&#8220; und viele andere Werke, in deren Zentrum eben nicht nur die (zumeist nationalsozialistische) Vergangenheit des Vaters steht, sondern auch die Verw\u00fcstung, die das Trauma in den Kindern angerichtet hat. Nun also scheint sich auch die Kriminalliteratur dieser Thematik verst\u00e4rkt anzunehmen \u2013 die Betonung liegt auf &#8222;verst\u00e4rkt&#8220;, denn das traumatische Verh\u00e4ltnis von V\u00e4tern zu ihren (meistens) S\u00f6hnen war schon immer ein Topos des Krimigenres (Interessierte seien hier an Joachim Linders \u2192<a href=\"http:\/\/web23.cletus.kundenserver42.de\/tag\/vater\/\">&#8222;Notizen und Texte&#8220; <\/a>verwiesen). Interessant und erfreulich ist aber die neue Qualit\u00e4t dieser Auseinandersetzung, das jenseits schicker Thematik erreichte kriminalliterarische Niveau. Werden wir jahresr\u00fcckblickend im Auge behalten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwie habe ich es dieses Jahr mit der neueren deutschen Kriminalliteratur. Und den Wiederver\u00f6ffentlichungen, seien es freudig begr\u00fc\u00dfte Neuauflagen in Vergessenheit geratener Klassiker oder privat aus den Regalen gezogene, leicht angegilbte Taschenb\u00fccher. 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