{"id":16585,"date":"2006-03-30T07:46:47","date_gmt":"2006-03-30T07:46:47","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/david-peace-1977-notizen-zwei\/"},"modified":"2022-06-07T01:45:58","modified_gmt":"2022-06-06T23:45:58","slug":"david-peace-1977-notizen-zwei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/03\/david-peace-1977-notizen-zwei\/","title":{"rendered":"David Peace, 1977, Notizen zwei"},"content":{"rendered":"\n<p>Es fehlt in keiner Besprechung: \u201c1977\u201d ist die, wenn auch ziemlich freie Umsetzung der authentischen Verbrechen des \u201cYorkshire Killers\u201d. Peace selbst weist darauf hin, wie sehr ihn dieser Fall als Jugendlicher besch\u00e4ftigte und zu einem gewissen Grad wohl auch traumatisierte. Andererseits: Selbst Leeds 1977 war nicht mit Yorkshirekillern \u00fcberf\u00fcllt, ganz zu schweigen vom langweiligen Rest der Welt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Was also ist die \u201eWirklichkeit\u201c von \u201e1977\u201c? Sie liegt versteckt in all den Gewaltorgien des Buches, d\u00fcnne rote F\u00e4den in einem Strom aus Blut, schon deshalb kaum wahrzunehmen. Es gibt, wenn ich das bisher (nach ca. 300 von 400 Seiten) richtig sehe, drei solcher F\u00e4den von \u201enormaler Wirklichkeit\u201c in \u201e1977\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste betrifft das historische Ereignis des 25j\u00e4hrigen Thronjubil\u00e4ums der Queen. Es ist, wenn auch nur in lapidaren Kommentaren und Nebens\u00e4tzen, stets pr\u00e4sent, und diese Orgie aus Prunk und Pathos und heiler Welt scheint durch die Vorh\u00e4nge des Ekels, die das Buch verh\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Faden zieht sich durch das Privatleben eines der Protagonisten, des Polizisten Fraser. Verheiratet, ein kleiner Sohn \u2013 und einer jungen Prostituierten h\u00f6rig. Als die ihn verl\u00e4sst, versucht Fraser in seine heile Familienwelt zur\u00fcckzufinden. Mit Frau und Kind unternimmt er einen Ausflug, und die wenigen Seiten, auf denen der geschildert wird, sind die einzigen des Buches, die so etwas wie Alltagsleben der harmoniebed\u00fcrftigen Art vermitteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Faden schlie\u00dflich ist der am feinsten gewobene. Jedes Kapitel wird mit einem kurzen Dialog aus der \u201eJohn Shark Show\u201c von Radio Leeds eingeleitet, in dem sich Moderator und Anrufer \u00fcber alle m\u00f6glichen Themen \u2013 Thronjubil\u00e4um, Kriminalit\u00e4t und Todesstrafe, Einwanderer \u2013 auslassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wirklichkeit ist also gleich dreimal fragmentarisch, aber auch exemplarisch vorhanden: als \u00fcbergeordnetes Struktursystem, private Norm und Querschnitt durch die Alltagsobsessionen von Alltagsmenschen. All das funktioniert indes nur, weil das Abgr\u00fcndige des Verbrechens mit dem Abgr\u00fcndigen der Verbrechensbek\u00e4mpfung ausgetrieben wird, ziemlich drastisch, aber prinzipiell nicht anders als in Hammetts \u201eRed Harvest\u201c. Ein typischer noir also, was nun keine besonders originelle Erkenntnis ist, ein noir allerdings, der auf der Kippe steht, weil ihn das blanke Spektakel zu verschlingen droht. Eine Schw\u00e4che des Textes? Oder des Lesers? Dazu mehr im dritten und abschlie\u00dfenden Teil der Notizen (den ersten kann man \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/03\/peace-1977-notizen-eins.php\"> hier<\/a> nachlesen).<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es fehlt in keiner Besprechung: \u201c1977\u201d ist die, wenn auch ziemlich freie Umsetzung der authentischen Verbrechen des \u201cYorkshire Killers\u201d. 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