{"id":16592,"date":"2006-04-03T07:34:29","date_gmt":"2006-04-03T07:34:29","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/das-krimigedicht\/"},"modified":"2022-06-09T22:40:15","modified_gmt":"2022-06-09T20:40:15","slug":"das-krimigedicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/das-krimigedicht\/","title":{"rendered":"Das Krimigedicht"},"content":{"rendered":"\n<p>Dass der Geheime Rat Goethe seiner Zeit voraus war, wissen Sie nat\u00fcrlich. Dass er auch auf dem Gebiet der Kriminalliteratur hochmodern ist, mag Ihnen neu sein. Aber was, bitte sch\u00f6n, ist Goethes Ballade \u201eDer Erlk\u00f6nig\u201c anderes als ein Kinderschinder-Gedicht, ja, da der Bursche wohl notorisch Sp\u00e4tdurchnachtundwind-Reitende mordete, gar eine Serienkiller-Ballade?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Schule hat das aber nicht gemacht. Wohl hatte jeder Dichter, der auf sich hielt, im 19. Jahrhundert ein paar dramatische Balladen im Programm, aber die Entwicklung des Kriminalgenres war bald untrennbar mit der Prosa verkn\u00fcpft. Wenn ich heute \u201eKrimi\u201c sage, wei\u00df ein jeder: aha, ein Roman. Seltener eine Kurzgeschichte. Kaum noch ein Theaterst\u00fcck, und nie, nie, nie: ein Gedicht. Dabei h\u00e4tte die R\u00fcckbesinnung auf diese poetischste aller Formen unbestreitbare Vorteile f\u00fcr Krimischreiber und \u2013leser.<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Kr\u00fcger lag im Weizenfeld,<br \/>die Haut fein sauber abgepellt.<br \/>Wer sie so au\u00dfer Form gebracht,<br \/>dar\u00fcber sei jetzt nachgedacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon dieses kleine Beispiel zeigt, wie wohltuend die gebundene Form des Gedichts uns von den \u00dcbeln literarischer Formlosigkeit verschonen k\u00f6nnte. Kein m\u00fcdes Intro mehr, kein Gestammele \u2013 wer Gedichte schreibt, achtet die Form. Die des Endreims, wie ich unbedingt darauf bestehen muss. Bitte keine modernen Gedichte!<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Kr\u00fcger<br \/>Hautlos<br \/>Liegt<br \/>Sie<br \/>Der Weizen wogt<br \/>Wer<br \/>Wer<br \/>Nur?<br \/>Wars?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wissen alle, dass moderne Lyrik eine besonders abartige Form des Zeilenschindens ist und besonders von faulen Autoren gerne genommen wird. Nein, wir bestehen auf Reimzwang, schon um den \u00fcblichen Ungereimtheiten mittelm\u00e4\u00dfiger Kriminalromane keine Chance mehr zu geben. Wer clever ist, kann trotzdem W\u00f6rter sparen, denn im Gegensatz zur Prosa m\u00fcssen bei Gedichten die Zeilen nicht bis zum letzten Tastaturanschlag vollgeschrieben werden. Ein durchschnittlicher Gedichtband hat 68 Seiten, ein durchschnittlicher Prosakrimi 680. Das ist gut f\u00fcr die W\u00e4lder, gut f\u00fcr den Dichter, der sich vermehrt anderen Freuden des Lebens widmen kann, gut f\u00fcr die Verlage, die das schmale B\u00fcchlein trotzdem f\u00fcr Neunf\u00fcnfundneunzig verkaufen k\u00f6nnen, und besonders gut f\u00fcr die Leser, die jetzt noch viel mehr Krimis lesen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn denn die dichterische Potenz hierzulande garantieren w\u00fcrde, dass wenigstens 50, 60 solcher Kriminalgedichte j\u00e4hrlich auf den Markt geworfen werden k\u00f6nnten. Aber da sieht es trostlos aus. Der deutsche Kriminaldichter, die deutsche Kriminaldichterin kann sich bekanntlich nicht am poetischen Riemen rei\u00dfen. Genau das aber m\u00fcsste man beim Krimigedicht. Punktgenaue Landungen, gewisserma\u00dfen:<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Stoffels hat kein Alibi,<br \/>hingegen sehr viel Phantasie.<br \/>Die Tat w\u00e4re ihm zuzutrauen,<br \/>zumal er mit den meisten Frauen<br \/>so seine Schwierigkeiten hat.<br \/>Die Kr\u00fcgersche, die war ihn satt,<br \/>das hat sie wiederholt erw\u00e4hnt<br \/>und dabei h\u00f6hnisch nur geg\u00e4hnt.<br \/>Zumal der Stoffels Hautarzt ist.<br \/>Und deshalb Hautabziehungsspezialist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das nenne ich poetische Reduktion! Das w\u00fcnsche ich mir von den Damen und Herren KriminalautorInnen! Also! Wer schreibt das erste moderne Kriminalgedicht?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass der Geheime Rat Goethe seiner Zeit voraus war, wissen Sie nat\u00fcrlich. Dass er auch auf dem Gebiet der Kriminalliteratur hochmodern ist, mag Ihnen neu sein. 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