{"id":16593,"date":"2006-04-04T07:20:28","date_gmt":"2006-04-04T07:20:28","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/t-jefferson-parker-california-girl\/"},"modified":"2022-06-15T00:57:59","modified_gmt":"2022-06-14T22:57:59","slug":"t-jefferson-parker-california-girl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/t-jefferson-parker-california-girl\/","title":{"rendered":"T. Jefferson Parker: California Girl"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eCalifornia girl\u201c von T. Jefferson Parker ist der (noch) amtierende Gewinner des Edgar Awards in der Kategorie \u201eBestes Buch\u201c. Nachdem T. Jefferson Parker auch 2002 f\u00fcr \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/07\/t-jefferson-parker-silent-joe.php\"> \u201eSilent Joe\u201c<\/a> den <em>Edgar <\/em>erhalten hatte, ist er einer von nur drei Autoren, die den Preis zweimal bekommen haben. Kein anderer hat das allerdings so schnell geschafft wie er.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>So erfolgreich er ist, es d\u00fcrfte kaum einen zweiten US-amerikanischen Autor geben, der so unterbewertet wird wie T. Jefferson Parker. Dabei demonstriert er mit \u201eCalifornia girl\u201c, was f\u00fcr ein feiner Schriftsteller er ist. Mir ist kaum ein Buch erinnerlich, das genretypisches R\u00e4tsel und Spannung auf hohen Niveau serviert und diese Genrecharakteristika doch so nebens\u00e4chlich wirken l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Kalifornien 1968. Die Leiche einer jungen Frau, Janelle Vonn wird gefunden. Vergewaltigt und mit abgetrenntem Kopf. Sie war jung und sch\u00f6n und zog die M\u00e4nner an wie das Licht die Fliegen. Von den eigenen Br\u00fcdern in der Jugend vergewaltigt, Informantin der Drogenpolizei, verstrickt in die LSD-Szene, M\u00e4nnerbekanntschaften und ein reicher G\u00f6nner. M\u00f6gliche Motive gibt es genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Dreh- und Angelpunkt des Buches ist die Geschichte der Familie Becker. Drei Br\u00fcder \u2013 der vierte ist in Vietnam gestorben. Alle Becker-Br\u00fcder kannten Janelle schon als Kinder. Nick Becker ist neu bei der Mordkommission und soll diesen, seinen ersten Fall aufkl\u00e4ren. Eben weil er Janelle aus seiner Jugend kennt, ist er besessen davon ihn zu l\u00f6sen. Andy, sein j\u00fcngerer Bruder, arbeitet als Polizeireporter und erh\u00e4lt den Auftrag, den Fall selber zu untersuchen. Auch er verbindet zahlreiche Erinnerungen mit Janelle. David ist der \u00e4lteste Bruder, er ist Priester. Janelle geh\u00f6rte zu seiner Gemeinde und David hatte ihr geholfen, von ihren Br\u00fcdern loszukommen. Miteinander, manchmal nebeneinander und selten auch gegeneinander sind die Br\u00fcder in den Mordfall involviert. Parker nutzt die unterschiedlichen Konstellationen sehr geschickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch atmet die Atmosph\u00e4re der sp\u00e4ten 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Einer Zeit, in der die konservativen Str\u00f6mungen, im Buch symbolisiert durch Nixon, und die liberalen Str\u00f6mungen symbolisiert durch den \u201eLSD-Papst\u201c \u2192<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Timothy_Leary\"> Timothy Leary<\/a>, aufeinander prallen. Unterschiedliche Sichtweisen, die auch in der Familie anzutreffen sind, denn w\u00e4hrend die Eltern aktiv in der \u201eJohn Birch Society\u201c mitarbeiten, die sich der Kommunistenhatz verschrieben hat, z\u00fcrnt Andy \u00fcber den Vietnamkrieg. [Vielleicht ist es nur die Fernsicht des Europ\u00e4ers, aber so ganz nur der Vergangenheit geschuldet, scheint mir die starke Betonung des Vietnamabenteuers in \u201eCalifornia girl\u201c in den heutigen Zeiten des Irakabenteuers nicht. Wohl nicht ohne Zufall deutet Parker \u00c4hnlichkeiten der Vertreter beider Abenteuer an.]<\/p>\n\n\n\n<p>Der besondere Reiz des Buches ist aber, dass die Geschichte der Aufkl\u00e4rung des Verbrechens als Kristallisationspunkt f\u00fcr die unterschiedlichen Entwicklungen der drei Br\u00fcder dient. Parker arbeitet dabei immer im Rahmen der Aufkl\u00e4rung des Verbrechens und geht doch weit dar\u00fcber hinaus. Durch kleine \u00fcberraschende Wendungen schafft er es immer wieder, Druck auf die Br\u00fcder auszu\u00fcben und die Spannung hoch zu halten. Unaufdringlich, aber gekonnt erz\u00e4hlt Parker die Geschichte und montiert die verschiedenen Erz\u00e4hl- und Zeitebenen zusammen. Wenn auch weite Teile der Geschichte 1968 spielen, sehen wir die Becker-Br\u00fcder in den 50er Jahren, wie sie das erste Mal auf Janelle treffen und begleiten den vierten Bruder in den Vietnamkrieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie h\u00e4ufig kommt es vor, dass ein Autor eine gute, sogar sehr gute Geschichte erz\u00e4hlt und die eigentlich Aufkl\u00e4rungsarbeit nur mittelm\u00e4\u00dfig ist, \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/08\/leonardo-padura-das-meer-der-illusionen.php\"> Leonardo Padura<\/a> sei als willk\u00fcrliches Beispiel genannt. Anders \u201eCalifornia girl\u201c ! Es ist aber der erste, in der Gegenwart gesprochene Satz des Buches, der den Ton setzt, welcher das Buch bestimmt: \u201eEverything we thought about Janelle Vonn was wrong\u201c. Dieser Satz begleitet den Leser durch die polizeilichen Ermittlungen des Falls. Selten ein Buch gelesen, das einerseits so sehr (Familien)-Geschichte erz\u00e4hlt und andererseits so fest im Genre verankert ist. Genauso wie \u201eSilent Joe\u201c zeigt es, mit welcher hohen erz\u00e4hlerischen Kompetenz T. Jefferson Parker ungew\u00f6hnliche und spannende Krimis schreiben kann. Das Buch hat das Zeug zum Klassiker und verdient unbedingt die Aufmerksamkeit der Leser.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">T. Jefferson Parker: California Girl. <br \/>Harper Collins 2005. 516 Seiten, 7,49 \u20ac <br \/>(noch keine deutsche \u00dcbersetzung)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eCalifornia girl\u201c von T. Jefferson Parker ist der (noch) amtierende Gewinner des Edgar Awards in der Kategorie \u201eBestes Buch\u201c. Nachdem T. Jefferson Parker auch 2002 f\u00fcr \u2192 \u201eSilent Joe\u201c den Edgar erhalten hatte, ist er einer von nur drei Autoren, die den Preis zweimal bekommen haben. 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