{"id":16613,"date":"2006-04-06T07:03:00","date_gmt":"2006-04-06T07:03:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/david-peace-1977\/"},"modified":"2022-06-16T20:53:58","modified_gmt":"2022-06-16T18:53:58","slug":"david-peace-1977","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/david-peace-1977\/","title":{"rendered":"David Peace: 1977"},"content":{"rendered":"\n<p>Vergessen wir einfach, warum David Peace\u2019 \u201e1977\u201c solches Aufsehen erregt. Keine Gewalt, kein Sex. Nur der Kriminalfall an sich und wie er seiner Aufl\u00f6sung entgegenerz\u00e4hlt wird. Ist \u201e1977\u201c, so eingeschr\u00e4nkt, ein guter Krimi? Oder nur hei\u00dfe Luft in einer bunten H\u00fclle?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Kein Zweifel: \u201e1977\u201c k\u00f6nnte ein ganz normaler Serienkillerkrimi sein. In Leeds und Umgebung werden Prostituierte (oder Frauen, die der T\u00e4ter daf\u00fcr h\u00e4lt) bestialisch ermordet. Die Ermittlungen werden von zwei Seiten gef\u00fchrt: von der Polizei nat\u00fcrlich, vor allem in Person von Detective Fraser, und von Jack Whitehead, ehedem \u201eGerichtsreporter des Jahres\u201c, dann pers\u00f6nlicher Schicksalsschl\u00e4ge wegen eine Zeit weg vom Fenster und nun wieder bereit, die F\u00e4hrte aufzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz allm\u00e4hlich zeigen sich vage Muster in der Mordserie, werden Verd\u00e4chtige ziemlich rabiat befragt, Informanten ausgequetscht. Bis zum Ende wird nicht klar, ob alle Morde tats\u00e4chlich das Werk einer einzigen Person sind, besonders der Fall Clare Strachan weist in eine andere Richtung, auf einen anderen Fall, der im Mittelpunkt des Vorg\u00e4ngerromans \u201e1974\u201c steht. Und was hat es damit auf sich, dass viele der Opfer f\u00fcr ein bestimmtes Pornomagazin posierten? Wie tief steckt die Polizei selbst in diesem Sumpf?<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende, soviel sei verraten, wird der Fall nicht wirklich gel\u00f6st. Daf\u00fcr l\u00f6sen sich die beiden Ermittler Fraser und Whitehead auf reichlich bizarre Weise auf, verschwinden, gehen in ihrem eigenen Wahnsinn und dem der Handlung verschollen. Der \u201eYorkshire Ripper\u201c bleibt weiterhin ein Mythos.<\/p>\n\n\n\n<p>Und keine Frage: Was das Verbrechen und die Ermittlungen anbelangt, folgt Peace durchaus tradierten Mustern. Anders ist \u201e1977\u201c deshalb, weil die in \u00fcblichen Kriminalromanen arbeitende Mechanik \u2013 am Anfang stehen Ereignisse, die die \u201enormale Welt\u201c ersch\u00fcttern, sie werden qua Erkenntnisgewinn gel\u00f6st und die \u201enormale Welt\u201c somit wieder hergestellt \u2013 dass also dieses Muster in \u201e1977\u201c ad absurdum gef\u00fchrt wird. Je mehr Teile des Puzzles ermittelt werden, desto un\u00fcbersichtlicher, diabolischer wird das Bild, das sie ergeben. Sind Verbrechen gemeinhin das Tor, durch das man f\u00fcr eine Weile in die H\u00f6lle unter dem Paradies der Allt\u00e4glichkeit blickt, so sind sie hier, je mehr der Wahnsinn der Erkenntnis bl\u00fcht, diese Allt\u00e4glichkeit selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sind die ausufernde Gewalt, die brachiale Sexualit\u00e4t von \u201e1977\u201c die notwendigen Mittel, uns dies vor Augen zu f\u00fchren. Wenn dem so ist, so ist es Peace durchaus gelungen, zumal er die Sprache dazu hat, solche Szenarien zu bauen. Was allerdings problematisch ist: Sollte er tats\u00e4chlich \u00fcber vier Bande zu diesen Mitteln greifen, werden sie zur \u201eMasche\u201c, zu dem, was der Leser erwartet. Und wenn ich das richtig sehe, sind es gerade Erwartungshaltungen, die Peace nicht bedienen will. Er d\u00fcrfte sich dann also in einem Dilemma befinden. Seien wir gespannt auf das, was da noch folgt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/03\/peace-1977-notizen-eins.php\"> Hier<\/a> und \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/03\/david-peace-1977-notizen-zwei.php\"> hier<\/a> k\u00f6nnen Sie noch einmal meine Vornotizen zu diesem Buch nachlesen.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">David Peace: 1977. <br \/>Liebeskind 2006. 396 Seiten. 22 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vergessen wir einfach, warum David Peace\u2019 \u201e1977\u201c solches Aufsehen erregt. Keine Gewalt, kein Sex. Nur der Kriminalfall an sich und wie er seiner Aufl\u00f6sung entgegenerz\u00e4hlt wird. Ist \u201e1977\u201c, so eingeschr\u00e4nkt, ein guter Krimi? 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