{"id":16615,"date":"2006-04-07T07:59:59","date_gmt":"2006-04-07T07:59:59","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/geschichte-einer-nichtrezension\/"},"modified":"2022-06-15T00:09:19","modified_gmt":"2022-06-14T22:09:19","slug":"geschichte-einer-nichtrezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2006\/04\/geschichte-einer-nichtrezension\/","title":{"rendered":"Geschichte einer Nichtrezension"},"content":{"rendered":"\n<p>I<br \/>Das P\u00e4ckchen erreichte mich an einem regnerischen Morgen. Es enthielt zwei B\u00fccher \u2013 beide identischen Inhalts, das eine gebunden, das andere broschiert \u2013 und einen kurzen Brief: \u201eHallo! Wir freuen uns, Ihnen als NordPark-Powerrezensent den von Axel Bu\u00dfmer herausgegebenen Band \u2192<a href=\"http:\/\/www.nordpark-verlag.de\/krimikritikfuenf.html\"> \u201eLawrence Block \u2013 Werkschau eines New Yorker Autors\u201c <\/a> \u00fcberreichen zu d\u00fcrfen, und zwar in zwei Ausf\u00fchrungen.\u201c Das sah ich selbst. Weiter hie\u00df es: \u201eUm baldige Besprechung wird gebeten. Sonst werden wir ungem\u00fctlich.\u201c Den letzten Satz hielt ich f\u00fcr einen Scherz.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>II<br \/>Exakt eine Woche nach Zusendung der B\u00fccher fand sich folgende Mail auf meinem Laptop: \u201eGuten Tag! Wir haben Ihnen vor einer Woche ein Buch in doppelter Ausf\u00fchrung (gebunden mit Schutzumschlag, broschiert) zur Besprechung geschickt, und zwar Axel Bu\u00dfmers \u2192<a href=\"http:\/\/www.nordpark-verlag.de\/krimikritikfuenf.html\"> \u201eLawrence Block \u2013 Werkschau eines New Yorker Autors\u201c <\/a>. Leider konnten wir auf Ihrer Internetseite bisher noch keine Besprechung entdecken. Wieso eigentlich nicht? Haben Sie wenigstens schon einmal reingeschaut? Die Liste der namhaften Beitr\u00e4ger and\u00e4chtig studiert? Zur Kenntnis genommen, dass alle Romane des Autors kritisch vorgestellt werden? Das ist doch was, oder?\u201c \u2013 Ich nickte. Ja, schon richtig. Herr Block hat ja gleich mehrere Serienhelden, die denn auch nach einem feinen biografischen Abriss pr\u00e4sentiert werden. Und dann eben: Buch f\u00fcr Buch. Da liest man sich ein, auch wenn man kein Block-Spezialist ist. Und das sind keine Beweihr\u00e4ucherungen, sondern wirklich kritische Artikel. Aber ich kann das Buch nicht besprechen. Sorry.<\/p>\n\n\n\n<p>III<br \/>Vier Tage nach dieser Mail wurde mir erneut ein Brief zugestellt, ein in zittriger Handschrift verfasstes Schreiben von Herrn Eduard Miersch, der sich als Urgro\u00dfonkel des Verlegers vorstellte und ausf\u00fchrte: \u201eVerehrter Herr. Ich bin 97 Jahre alt und lebe, nur durch eine schmale Kriegsteilnehmerrente alimentiert, als schwer betreuungsbed\u00fcrftiger Mensch im Haushalt meines Urgro\u00dfneffen, des unerm\u00fcdlichen Verlegers Alfred Miersch. Er und seine Familie sorgen r\u00fchrend f\u00fcr mich, was in der heutigen Zeit keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist. Doch seit kurzem ist Alfred bedr\u00fcckt. Seine von Kindheit an heitere Natur wird von Sorgen \u00fcberschattet, und gestern hat er, auf meine Nachfrage, endlich erz\u00e4hlt, was ihn so belastet: SIE, mein Herr! Dass Sie den von Axel Bu\u00dfmer herausgegebenen Sammelband \u2192<a href=\"http:\/\/www.nordpark-verlag.de\/krimikritikfuenf.html\"> \u201eLawrence Block \u2013 Werkschau eines New Yorker Autors\u201c <\/a> nicht besprechen wollen. Glauben Sie mir: Alfred hat fast geweint, denn er h\u00e4lt gro\u00dfe St\u00fccke auf Sie. Ich bitte Sie inst\u00e4ndig: Denken Sie an einen alten Mann, der es nicht \u00fcberleben wird, wenn sein Urgro\u00dfneffe seelisch vor die Hunde geht. Und wenn Ihnen das Schicksal eines Mannes egal ist, der Deutschland wieder aufgebaut hat, dann haben Sie ein Herz f\u00fcr die drei Katzen, die Herr Miersch selbstlos aufgenommen hat und versorgt. Besprechen Sie! Sind doch nur gute Leute dabei, nicht? Ihr Eduard Miersch, Kleinrentner\u201c.<br \/>Bedr\u00fcckt legte ich den Brief, der mich menschlich ersch\u00fctterte, beiseite. Ja, auch das stimmt. Kundige Beitr\u00e4ger, der Wunschtraum eines jeden Herausgebers. Sie haben sich viel Arbeit gemacht, auch die Verfilmungen werden akribisch besprochen, und der Thomas Przybilka hat wieder eine Bibliografie der Sekund\u00e4rliteratur abgeliefert, dass einem die Augen aus den H\u00f6hlen fallen. Und trotzdem. ICH KANN NICHT! ICH DARF NICHT!<\/p>\n\n\n\n<p>IV<br \/>Zwei Wochen sp\u00e4ter erreichte mich neue Post aus Wuppertal. Ein Foto nur: Darauf posierend ein muskelbepackter H\u00fcne, ein Ninja-Schwert vor der gl\u00e4nzenden Brust, einen Baseballschl\u00e4ger in der Rechten, eine Flasche Salzs\u00e4ure in der Linken. Auf der R\u00fcckseite des Bildes diese Anmerkung: \u201eDas ist Axel Bu\u00dfmer. Er wei\u00df, wo Sie wohnen. Kommt die Rezension nicht zum Herausgeber, dann kommt eben der Herausgeber zum Rezensenten. Irgendwann. Sp\u00e4t nachts.\u201c<br \/>Schnell verriegelte ich T\u00fcren und Fenster meiner allzu einsam gelegenen Wohnung. Ja, ich habe den von Axel Bu\u00dfmer herausgegebenen Band \u2192<a href=\"http:\/\/www.nordpark-verlag.de\/krimikritikfuenf.html\"> \u201eLawrence Block \u2013 Werkschau eines New Yorker Autors\u201c <\/a> wirklich gerne gelesen. Aber ich kann ihn beim besten Willen nicht besprechen! Versteht das doch! Es w\u00e4re nicht recht!<\/p>\n\n\n\n<p>V<br \/>Heute dann. Ich traue mich kaum noch aus dem Haus, der Brieftr\u00e4ger guckt auch schon so komisch. Er reicht mir die Post \u2013 zwei Buchp\u00e4ckchen und einen Brief. Ich zucke zusammen: Poststempel Wuppertal. Schnell alles absperren. Die Gaspistole in die Hosentasche, den Brief \u00f6ffnen:<br \/>\u201eHallo Sie. Da Sie das neueste Produkt des Hauses NordPark, den von Axel Bu\u00dfmer herausgegebenen Sammelband \u2192<a href=\"http:\/\/www.nordpark-verlag.de\/krimikritikfuenf.html\"> \u201eLawrence Block \u2013 Werkschau eines New Yorker Autors\u201c <\/a> nicht zu besprechen gedenken, m\u00fcssen wir Ihnen leider ab sofort den Titel eines NordPark Powerrezensenten entziehen. Au\u00dferdem haben wir Ihnen die Mitteilung zu machen, dass das von Ihnen in unserem Hause herausgegebene \u2192<a href=\"http:\/\/www.nordpark-verlag.de\/krimikritiksieben-jahrbuch-2006.html\"> Krimijahrbuch 2006 <\/a> ab morgen f\u00fcr 25 Cent verramscht werden wird. Es ist, unter uns, der letzte Schei\u00df, abgesehen von den Beitr\u00e4gen aller AutorInnen, die nicht Dieter Paul Rudolph hei\u00dfen. Leben Sie wohl, aber hoffentlich nicht mehr zu lange. Ihre Verlagsgruppe NordPark\u201c.<br \/>Das hab ich nun von meiner honorigen Standhaftigkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>IDas P\u00e4ckchen erreichte mich an einem regnerischen Morgen. Es enthielt zwei B\u00fccher \u2013 beide identischen Inhalts, das eine gebunden, das andere broschiert \u2013 und einen kurzen Brief: \u201eHallo! 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